Der Anlass hat Tradition: Immer am letzten Samstag im Oktober führt die Stützpunktfeuerwehr Dietikon ihre Hauptübung durch, mit einem anschliessenden Marsch, angeführt von der Stadtmusik, einem Apéro und einem Abendessen. Auch dieses Jahr verspricht die Übung für Besucher unterhaltsame Einblicke in die Arbeit der Milizfeuerwehr. Doch: Wird die Hauptübung ihrem Namen gerecht – wird da ernsthaft etwas geübt? – oder geht es dabei lediglich darum, den Gästen eine gute Show zu bieten? «Es ist beides», sagt Oberkommandant Roland Graf. Auf der einen Seite gehe es darum, der Bevölkerung zu zeigen: Die sind einsatzkräftig. «Deshalb wird darauf geachtet, dass die Hauptübung an einem Ort stattfindet, wo die Besucher etwas sehen.» Und man lasse die Offiziere «etwas weniger reinlaufen» als bei einer Übung ohne Zuschauer.

Auf der anderen Seite seien der Ablauf der Übung, der Umgang mit dem Material, die Zuständigkeiten «ganz klar Business». «Ausserdem sind die Szenarien aus der Realität gegriffen. Es sind keine absurden Extremsituationen», sagt Graf. Auch der Verlauf der Übung werde so realistisch wie möglich gestaltet. Das heisst: Die Offiziere der Feuerwehr wissen im Vorfeld weder, wer von ihnen den Einsatz leiten wird noch was sie genau erwartet. «Der Einsatzleiter erhält wie im Ernstfall einen Alarm, aufgrund dessen er entscheiden und ausrücken muss», erzählt Paul Ruffiner, der als vollamtlicher Stabsoffizier unter anderem für die Ausbildung des Korps zuständig ist und die Hauptübung zusammen mit Graf vorbereitet hat.

Wer ist schicker? Das Feuerwehrauto oder die Männer in Uniform?

Wer ist schicker? Das Feuerwehrauto oder die Männer in Uniform?

Bei der Übung werden auch kantonale Experten anwesend sein, «die uns auf die Finger schauen», wie Graf erklärt. Dabei ist Kritik am Manöver ausdrücklich erwünscht: «Wir wollen keine Schönfärberei, sondern ein ehrliches Feedback.» Nur so könnten Mängel behoben werden. Denn auch in der Hauptübung passieren Fehler, wie Stabsoffizier Ruffiner und Kommandant Graf sagen. «Es ging dabei auch schon etwas in die Brüche.» Doch genau dies sei der Sinn solcher Übungen: dass Defizite in der Arbeit der Feuerwehr erkennbar werden.

Zeitintensives Hobby

Dass der öffentliche Anlass als Hauptübung bezeichnet wird, täuscht darüber hinweg, dass der Grossteil der Vorbereitung auf den Ernstfall nicht auf diesen einen Samstag Ende Oktober fällt: Er macht vom jährlichen Übungsprogramm einen sehr kleinen Anteil aus. Und das Programm ist intensiv. «Ein Feuerwehrmann mit Spezialfunktionen als Fahrer oder Atemschutzträger kommt auf etwa 30 Übungen pro Jahr», sagt Ruffiner. Wenn nicht gerade Ferien sind –  «die sind heilig» – führt die Stützpunktfeuerwehr wöchentlich Mannschaftsübungen durch, trainiert den Umgang mit den Atemschutzgeräten und veranstaltet Kurse für die Fahrer der verschiedenen Fahrzeuge. Hinzu kommen laut Kommandant Graf externe Weiterbildungen, «wenn es irgendwo Verbesserungspotenzial gibt oder der Kanton einen Input gibt». Mitglied in der Feuerwehr zu sein, bedeute deshalb, ein «grosses Hobby» zu haben. «Man muss schon sehr angefressen sein», sagt Graf.

Und einen flexiblen Arbeitgeber haben. Denn zum intensiven Übungsprogramm in der Freizeit kommen die realen Einsätze. Von denen leistet die Stützpunktfeuerwehr, die im Limmattal etwa auch für Unfälle auf der Autobahn oder die Unterstützung der kommunalen Feuerwehren zuständig ist, pro Jahr durchschnittlich 150.

Neue Mitglieder werden bei diesen Einsätzen noch nicht eingesetzt. «Erst heisst es üben, üben, üben», sagt Ruffiner. Wenn es im Ernstfall schnell gehen müsse, dann müssten die Handgriffe sitzen und bestenfalls automatisch passieren. «Da braucht es auch etwas militärischen Drill.» Doch trotz der intensiven und ganzjährigen Vorbereitung auf den Ernstfall – vollständig vorbereiten könne sich die Feuerwehr darauf nicht, sagt Graf. «Das Adrenalin, der Stress, die Ungewissheit, was einem bei einem Brand oder Unfall erwartet – auf diese Dinge kann man sich nicht vorbereiten.» Auch der Oberkommandant macht sich nach 35 Jahren bei der Feuerwehr vor einem Einsatz noch Gedanken: «Bei einem Auffahrunfall auf der Autobahn vor wenigen Tagen hat mich die Frage beschäftigt, wie viele Verletzte wir vorfinden werden.» Um belastende Erlebnisse verarbeiten zu können, führt die Feuerwehr nach einem schwierigen Einsatz Debriefings durch. Dazu könne einerseits ein Care Team in Anspruch genommen werden. «Anderseits werden Einsätze auch im Korps selbst besprochen», sagt Graf.

Lichterloh brennts nur in Filmen

Dies wird nach der Hauptübung am Samstag nicht nötig sein — auch wenn die Stützpunktfeuerwehr mit einem Hochhausbrand ein Szenario simuliert, das in der Realität durchaus verheerend sein könnte — oder zumindest in den Köpfen jener, die solche Brände nur aus Filmen kennen. «Dass ein Hochhaus lichterloh brennt, hat mit der Realität wenig zu tun», sagt Stabsoffizier Ruffiner. Bei den heutigen baulichen Massnahmen, etwa Schleusen und Überdrucklüftungen, sowie den Frühwarnsystemen sei es sehr unwahrscheinlich, dass etwa ein Wohnungsbrand auf das ganze Gebäude übergreife. Das treffe nicht zuletzt auf den Limmat Tower zu, der feuerpolizeilich zwar noch nicht abgenommen worden sei, aber dessen Brandschutzmassnahmen auf einem sehr hohen Level seien. «Ich will nichts verharmlosen. Aber der Turm stellt uns vor keine neuen Herausforderungen», sagt Graf. Für die Feuerwehr mache es keinen grossen Unterschied, ob ein Gebäude 40 oder 80 Meter hoch sei. Das gelte insbesondere für das neue höchste Gebäude in der Region. «Im Limmat Tower gibt es einen Feuerwehrlift, der auch im Brandfall benutzt werden kann», so Graf.

Doch was ist, wenn Menschen etwa im obersten Stockwerk nur über die Fenster gerettet werden können? «Das ist nicht möglich. In der Schweiz haben wir Hebebühnen von maximal 50 Metern Höhe», sagt Graf. Das Szenario sei aber sehr unrealistisch, gerade weil die Vorlagen zur Frühwarnung und dem Brandschutz in der Schweiz so strikt seien – und nur schon ein Übergreifen eines Feuers von einer Wohnung zur anderen fast unmöglich sei. «Es müsste schon einen Anschlag auf den Turm geben», fügt Ruffiner an. Mit solchen Horrorszenarien zu rechnen, sei jedoch falsch – «sonst könnten wir nicht mehr schlafen.»