Im Kloster Fahr kehrt der Frühling ein: Auf den Aussensitzplätzen der Klosterbeiz blinzeln Spaziergängerinnen den ersten Sonnenstrahlen entgegen, der Kräutergarten ist von einem grünen Flor überzogen, an den kahlen Ästen der mächtigen Bäume spriessen erste Knospen.

Der Frühling ist auch drinnen eingezogen; er manifestiert sich in Priorin Irenes Augen, wenn sie von ihrem Projekt «Kirche mit den Frauen» spricht, das, so Gott will, dazu beitragen soll, dass Frauen in der katholischen Kirche endlich mehr Gehör und ein Mitspracherecht erhalten.

Eine zweimonatige Pilgerreise von St. Gallen nach Rom soll darauf aufmerksam machen, dass viele Frauen sich in der katholischen Kirche nicht ernst genommen und nicht willkommen fühlen, weil sie von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind. Die Kirche solle in Zukunft nicht mehr über die Frauen entscheiden, sondern mit ihnen – in Fragen, die die Stellung der Frau in der Kirche selbst betreffen, aber auch in allen anderen.

Die Priorin des Klosters Fahr engagiert sich im Projekt-Kernteam für dieses Anliegen. Eine Forderung will sie es nicht nennen, stellt sie gleich zu Beginn klar; wohl wissend, dass man mit diesen in der katholischen Kirche noch nie weit gekommen ist. Die Vergangenheit hat wiederholt gezeigt, was ein zu forsches Vorpreschen in der Regel auslöst: Widerstand, ein Machtwort, Frustration, manchmal Abkehr.

Die Kirche blieb stehen

Die Anliegen, die sechs Frauen, ein Mann und zahlreiche Etappen-MitpilgerInnen in den Vatikan tragen wollen, sind schliesslich nicht neu. Seit ihrer Gründung vor rund 2000 Jahren ist die katholische Kirche durch strenge patriarchal-hierarchische Strukturen geprägt – wie lange Zeit auch die Welt um sie herum.

Dann kam die Gleichstellungsbewegung, die in weiten Teilen der Welt innert weniger Jahrzehnte grundlegende Veränderungen mit sich brachte. Die katholische Kirche jedoch blieb stehen. Nicht, weil es keine Frauen und Männer gab, die die Gleichstellung auch in der Kirche realisiert sehen wollten – inklusive konkreter Forderungen, allen voran die Priesterweihe für Frauen. Es waren die männlichen Entscheidungsgremien, die eine ernsthafte Diskussion solcher Anläufe stets im Keim erstickten.

Doch mittlerweile scheint der Wind gedreht zu haben, die Zeit für einen neuen Anlauf reifer denn je. Mit Papst Franziskus steht nun ein Mann an der Spitze der katholischen Kirche, der in seinem ersten Apostolischen Schreiben eine «Erweiterung der Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche» propagierte.

«Wenn nicht heute, wann dann?», habe sich auch «Kirche-mit»-Initiantin Hildegard Aepli gefragt, bevor sie das Projekt ins Rollen brachte, erzählt Priorin Irene. «Papst Franziskus ist ein mutiger Papst. Und er hat ein Herz für die Armen und Benachteiligten - zu denen in der katholischen Kirche heute leider auch die Frauen gehören», sagt Priorin Irene.

Auch in der Schweiz wird es immer schwieriger, das kirchliche Frauenproblem zu ignorieren – selbst für die obersten Vertreter der katholischen Kirche. So ist es mitnichten lediglich eine kleine Truppe religiöser Emanzen, die mit dem Papst in einen Dialog über die Rolle der Frau treten will: Unterstützt wird das Projekt auch von den Bischöfen der Bistümer Basel und St. Gallen oder Urban Federer, Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr, sowie zahlreichen weiteren «Kadermitgliedern» der Kirche. Sie werden auch dabei sein, wenn die Pilgertruppe am 2. Juli den Petersdom erreicht, um ihre Anliegen zu deponieren – und vielleicht sogar vom Papst persönlich empfangen zu werden.

«Überall gehen Knospen auf»

Priorin Irene freut sich über die männliche Rückendeckung. Sie sei eines von vielen Zeichen der Öffnung, die sie in letzter Zeit wahrnehme. «Knospen», nennt sie die Episoden, die sie hoffen lassen, dass der Frühling der Frau in der katholischen Kirche naht.

Eine weitere war etwa die Ansprache des vatikanischen Exerzitienmeisters Ermes Ronchi vom 8. März, dem internationalen Tag der Frau: Dieser warf in Anlehnung an ein Jesus-Zitat aus dem Lukas-Evangelium vor versammelter Kurie die Frage in die Runde: «Siehst du diese Frau?» Wenn Jesus ihn heute dasselbe fragen würde, wird Ronchi auf «Radio Vatikan» weiter zitiert, «dann müsste ich antworten: Nein, Herr, hier sehe ich nur Männer. Das ist nicht ganz normal, geben wir es zu. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass hier eine Leere ist, die nicht der Wirklichkeit der Menschheit und der Kirche entspricht.»

Dass ein Geistlicher dieses Ranges vor der ganzen Kurie genau dieses Evangelium auf genau diese Weise auslegt, das gebe ihr Hoffnung, sagt die Priorin, die vor genau 30 Jahren entschied, ihr Leben Gott zu widmen. «Überall spriessen solche kleine Knospen», sagt sie, «und ich bin gespannt darauf, welche Blüten aus ihnen entstehen.»

Der prominente Rückhalt, den das Pilgerprojekt geniesst, darf zudem durchaus als kleine Sensation gewertet werden, bedenkt man, wie viel Widerhall eine ernsthafte Diskussion über die Rolle der Frau in der Kirche in der Vergangenheit hatte. Der Basler Bischof Felix Gmür bekannte bei der Präsentation des Projekts offen, dass er mit sich gerungen habe, ob er sich ein Engagement für die Frau erlauben könne.

Das Hadern ist verständlich: Die Anliegen, auf die «Kirche mit» aufmerksam machen will, tragen das Potenzial in sich, ihre Verfechter schnell auf heikles Terrain zu führen. Die konservativen Kräfte sind in der katholischen Kirche nach wie vor stark; und wer den Ruf nach mehr Beteiligung zu Ende denkt, landet schnell einmal beim ewigen Schreckgespenst in der katholischen Frauenfrage: der Frauenordination, die mit heutigem Kirchenrecht unvereinbar ist. «Im Moment sind im Kirchenrecht ganz viele Aufgaben an einen Priester gebunden», sagt Priorin Irene - «dort stösst man an Grenzen».

Denn an weiblicher Beteiligung an sich mangelt es in der katholischen Kirche nicht, im Gegenteil: Frauen erledigen einen grossen, wohl gar einen grösseren Teil der kirchlichen Arbeit im Alltag als die Männer. Viele Aspekte des Lebens in den Pfarreien gestalten Frauen, viele von ihnen ehrenamtlich. «An der Basis leisten vorwiegend Frauen Arbeit», sagt die Priorin. Abwesend sind sie nur in den meisten höheren Entscheidungsfunktionen.

Daher rühren auch die vorsichtigen Formulierungen der Priorin: «Anliegen» statt «Forderungen», «Themen, die die Frauen in der Kirche, aber auch alle Getauften betreffen» statt konkreter Ziele. Bei Priorin Irene ist das allerdings mehr als reine PR: Dieselbe Offenheit, die sie sich von den männlichen Entscheidungsträgern gegenüber ihren Anliegen wünscht, will sie auch selbst zeigen, wenn es um die konkrete Umsetzung derselben geht. Ihr Wunsch ist eine Kirche, die für alle Menschen da ist – so, wie Jesus das eigentlich vorgesehen hatte. Etwas bewegen können nur Frau und Mann gemeinsam, ist ihre tiefe Überzeugung.

Viele Frauen geben auf

Die Strategie des Mittelwegs – nicht die Faust im Sack machen, aber auch nicht mit der Tür ins Haus fallen – bietet Angriffsfläche für Ultraprogressive wie auch Ultrakonservative, dessen ist sie sich bewusst: «Den einen geht ‹Kirche mit› zu wenig weit, den anderen viel zu weit», sagt sie. Dennoch konnte sie einfach nicht anders, als sich aktiv dafür einzusetzen. «Zeitlich dürfte ich mir dieses Projekt eigentlich gar nicht leisten», sagt sie.

Doch der Wunsch, dass Frauen in der Kirche endlich stärker miteinbezogen werden, lag ihr zu fest am Herzen. «Viele engagierte Frauen geben auf. Das macht mich traurig - und deshalb engagiere ich mich auch.» Sie ist überzeugt, dass vor allem die Kirche als Institution davon profitieren würde. «Wenn man uns Frauen ernst nimmt, mit uns ins Gespräch kommt, kann eine ganz neue Kultur, eine neue Dynamik entstehen», sagt sie.

Dass eine Kombination männlicher und weiblicher Sichtweisen zu einer gegenseitigen Bereicherung führen, erlebe sie in ihrer täglichen Arbeit als Priorin. Das Frauenkloster ist seinem Einsiedler Bruderpendant hierarchisch zwar unterstellt. Die Nonnen gestalten ihr Leben aber weitgehend autonom; einmal in der Woche kommt der Abt auf Besuch, denn die Messe kann nur er abhalten. Das stört Priorin Irene nicht.

Mit anderen Sakramenten, die an die Priesterweihe gebunden sind, hat sie mehr Mühe. Sie erinnert sich etwa an den Moment, in dem eine Schwester notfallmässig ins Spital gebracht werden musste. Unsicher, ob der Tod nahe war, habe sie gespürt, dass die Schwester sich nichts sehnlicher wünschte als die Krankensalbung, wohl bekannter als «letzte Ölung». Doch diese durfte die Priorin als Frau nicht durchführen.

Auch aufgrund solcher Erfahrungen würde sie sich wünschen, dass die Gleichstellung – «gleiche Möglichkeiten, gleiche Rechte» – in der Kirche Realität wird, so «wie es heute in unserer Gesellschaft ja eigentlich normal ist».

Ob Frauen innerhalb der bestehenden Strukturen ihren Platz finden können oder ob die Strukturen hinterfragt werden müssen, lässt die Priorin offen. Sie sagt aber: «Unser Leitbild ist das Evangelium.» Das Kirchenrecht sei dazu da, Leitplanken zu setzen, damit die Prinzipien des Evangeliums in der jeweiligen Zeit gelebt werden können. «Doch das Kirchenrecht wird auch immer wieder revidiert, um es der entsprechenden Zeit anzupassen.»

Eine Revision, die den Frauen mehr Kompetenzen zuspricht, ist für Priorin Irene also längst nicht so undenkbar, wie Papst Johannes Paul II es 1994 darstellte. Sie will aber auch nicht «den zweiten Schritt vor dem ersten tun» – um überhaupt erst über die Strukturen zu diskutieren, müssten Frauen zuerst einmal Zugang zu den wichtigen Diskussionen haben.

Dafür sieht Priorin Irene auch Wege, die innerhalb der heute geltenden Gesetze Platz fänden. Etwa im Rahmen des Kardinalsamts: Dieses bekleideten in den letzten Jahrhunderten zwar stets geweihte Priester, im Kirchenrecht sucht man aber vergeblich nach einem Passus, der die Weihe zur zwingenden Voraussetzung macht. Hätten Frauen Zugang zu den einflussreichen Positionen und Gremien, die Kardinäle besetzen, hätten sie auch eine Stimme bei Entschlüssen zu Sachthemen und Wahlen – und das ganz legal, sozusagen.

Aufschwung nicht verpuffen lassen

Was genau der Marsch auf Rom bewirken wird, muss die Zukunft zeigen. Für Priorin Irene ist vorerst am wichtigsten, dass man den Aufschwung, den die Gleichstellungsdiskussion zurzeit in Teilen der katholischen Kirche geniesst, nicht verpuffen lässt. «Wenn davon etwas in die nächsten Jahre hineingetragen werden kann, hat sich der Einsatz alleweil gelohnt», sagt sie. Und, vielleicht, fügt sie an, «entsteht, wenn wir offen bleiben, viel Grösseres, als wir uns heute überhaupt vorstellen können.»