Lehrstellen

Über 100 offene Lehrstellen: Nachwuchssorgen im Limmattal

Nicht immer springt der Funke über: Unternehmen im Bereich Handwerk und Industrie tun sich schwer, Lernende zu finden, die den Ansprüchen genügen.

Nicht immer springt der Funke über: Unternehmen im Bereich Handwerk und Industrie tun sich schwer, Lernende zu finden, die den Ansprüchen genügen.

Wer heute noch keine Lehrstelle hat, muss die Hoffnung noch nicht aufgeben: Mehr als 100 Limmattaler Lehrstellen sind noch nicht vergeben. Das Problem ist jedoch, dass fast zwei Drittel davon im Bereich Handwerk oder Industrie sind.

Im Bezirk Dietikon gab es per Ende April dieses Jahres 559 angebotene Lehrstellen. Im Vergleich zum April des Vorjahres sind das 97 Lehrstellen oder fast 15 Prozent weniger. Ein Grund zur Sorge?

Nicht wirklich. Denn wer die noch offenen Lehrstellen vergleicht, dem fällt auf: Während Ende April 2010 noch 118 Lehrstellen im Bezirk zu haben waren, sind es mit 111 in diesem Jahr nur eine Handvoll weniger.

Geburtenschwacher Jahrgang

Dass sich die Anzahl der noch offenen Lehrstellen trotz dem kleineren Angebot nicht verändert hat, dürfte mit dem geburtenschwachen Jahrgang zusammenhängen: Im Bezirk Dietikon gibt es laut Zürcher Bildungsstatistik dieses Jahr gut 750 Schulabgänge, während es noch im Jahr 2008 mit gegen 850 fast 100 mehr waren.

Dies bedeutet auch, dass sich den Schulabgängern im Bezirk Dietikon auf dem Lehrstellenmarkt eine ähnliche Situation präsentiert wie im Vorjahr.

Dass aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge eine gewisse Entspannung auf dem Lehrstellenmarkt bemerkbar sei, hält auch Ursula Kessler, stellvertretende Leiterin des Berufsinformationszentrums (BiZ) Urdorf, für plausibel. In den letzten beiden Jahren hätten viele Schulabgänger eine Lösung gefunden, sagt sie. «Die Angst, dass man keine Lehrstelle findet, ist nicht mehr so gross wie früher.» Sie betont jedoch auch, dass das Angebot an offenen Lehrstellen sehr branchenabhängig sei.

«Dreckige» Berufe wenig begehrt

Tatsächlich fällt auf, dass sich die offenen Lehrstellen im Bezirk Dietikon – sowie auch im Rest des Kantons – vor allem auf einen Bereich konzentrieren: Von den 111 noch offenen Lehrstellen sind 68 in der Industrie oder dem Handwerk anzusiedeln. Diese Zahlen passen zu den Erfahrungen, die Gregor Biffiger, Präsident des Gewerbeverbands Limmattal (GVL), gemacht hat.

«Berufe, bei denen man sich die Hände dreckig macht, sind nicht besonders begehrt», sagt er. Gerade im handwerklichen Bereich sei es zunehmend schwieriger, an gute Leute heranzukommen, solche, wie Biffiger sagt, die später «auch für Kaderpositionen infrage kommen könnten».

Dies gelte sowohl für Lernende als auch für Angestellte, sagt Biffiger, der die Situation auf dem Lehrstellenmarkt ansonsten auch als «eher entspannt» bezeichnet.

Bald Trendwende?

Jedoch gebe es durchaus auch für die betroffenen Branchen Hoffnung, ist Biffiger überzeugt. «Es wird der Punkt kommen, an dem sich die Situation wieder ändert. Nicht in einem oder zwei Jahren, aber es wird geschehen.»

Denn die gesteigerte Nachfrage nach guten Personen im handwerklichen Bereich werde diese Berufe wieder attraktiver machen, so Biffiger. «Kommen andere Branchen unter Druck, wird ausserdem die Wertschätzung wieder grösser.»

Genau dies denkt auch Stefan Schmid, Präsident des Gewerbevereins Urdorf. «Tendenziell werden handwerkliche Berufe eher wieder beliebter», meint er. Er höre immer wieder, dass Eltern ihren Kindern ans Herz legten, «lieber ein guter Handwerker als ein schlechter Banker» zu werden.

Mehr Lehrvertragsauflösungen

Momentan merke man davon jedoch noch nicht viel, sagt Schmid. «In den handwerklichen Berufen ist es sehr schwierig, Schulabgänger zu finden, die den Ansprüchen genügen.» Gerade die schulischen Leistungen der Lernenden in den handwerklichen Berufen liessen oft zu wünschen übrig.

Dies führe vermehrt auch zu Lehrvertragsauflösungen, da schulisch sehr schwache Jugendliche die Zwischenprüfungen nicht meistern könnten. Der Baumeisterverband berichte von bis zu 50 Prozent Lehrvertragsauflösungen, sagt Schmid. «Das ist ein echtes Problem.»

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es für Kessler besonders wichtig, dass Jugendliche ihre Berufswahl gut planen. «Einige sind einfach noch nicht bereit für eine Lehre», sagt sie. Sie rät jedoch auch zu Offenheit: «Wer unbedingt eine kaufmännische Lehre machen will, in diesem Bereich aber nichts findet, sollte auch eine Alternative in Betracht ziehen.»

Wichtig: Thema Alternative

Das Thema der Alternative ist auch wichtig für Schulabgänger, die heute noch ohne Lehrstelle dastehen. Diesen rät Kessler, im BiZ Urdorf vorbeizukommen. «Wir werden dann zweigleisig fahren», so die Berufsberaterin.

Einerseits prüfe man Möglichkeiten für ein Zwischenjahr. Andererseits sei es gar nicht ausgeschlossen, auch jetzt noch eine Lehrstelle zu finden: «Es zeigt sich immer wieder, dass Jugendliche sogar bis in die Sommerferien noch Lehrstellen finden», sagt Kessler.

Das Wichtigste, so Kessler, sei, dass man sich Unterstützung hole: «Es ist uns ein Anliegen, dass die Jugendlichen eine Lösung haben und nicht ohne Anschluss dastehen.»

Für Schulabgänger, die Anfang Juli noch mit leeren Händen dastehen, findet am 6. Juli um 14 Uhr im BiZ Urdorf die Veranstaltung «Keine Lehrstelle, was tun?» statt, welche Lösungsansätze aufzeigt.

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