Dietikon
Überfälliger Moorschutz ist in Planung

Die Entwicklung in der «Silbern» ist weiterhin blockiert. Nun muss sich auch der Zürcher Regierungsrat mit dem Dietiker Gebiet befassen.

Bettina Hamilton-Irvine
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Das Flachmoor Antoniloch zwischen Dietiker Werkhof und Coop Verteilzentrum hätte schon 1997 offiziell geschützt werden sollen.

Das Flachmoor Antoniloch zwischen Dietiker Werkhof und Coop Verteilzentrum hätte schon 1997 offiziell geschützt werden sollen.

Sandro Zimmerli

Auf Aufforderung der SP-Kantonsrätinnen Rosmarie Joss (Dietikon) und Sabine Ziegler (Zürich) muss sich nun auch der Zürcher Regierungsrat mit dem Dietiker Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) befassen.

Es ist ein weiteres Kapitel in der bewegten Geschichte des ehemaligen Industriegebiets im Norden der Stadt (siehe Kontext). Denn über die «Silbern» ist in den letzten Jahren schon viel diskutiert worden. Und auch immer wieder gestritten.

Schutz ist seit 1997 fällig

Den Höhepunkt markierte im März letztes Jahr die Volksabstimmung über den Gestaltungsplan für das Gebiet, dem ein hochemotionaler Abstimmungskampf vorausgegangen war. Dass die Vorlage angenommen wurde, bedeutete aber bei Weitem noch nicht das Ende des Hin und Hers. Denn heute, fast eineinhalb Jahre später, ist der Gestaltungsplan noch immer nicht festgesetzt.

Zwar sind schon zwei der drei Rekurse, welche die Umsetzung des Volksentscheids blockierten, vom Tisch. Doch der dritte Rekurs, den der Schweizer Vogelschutz gemeinsam mit Pro Natura eingereicht hat, hat einen langwierigen Prozess ausgelöst.

Denn: Der Rekurs, der zurzeit sistiert ist, sprach ein Problem an, das schon vor vielen Jahren hätte gelöst werden müssen. Bereits 1994 setzte der Bund nämlich das Flachmoor-Inventar fest und bestimmte, dass die Kantone die besagten Moore innerhalb von drei Jahren formell schützen müssen. Da dies in Dietikon bis heute nicht geschehen ist, forderten die Rekurrenten, die nötige Pufferzone um das Moor solle nun endlich ausgeschieden werden, um es vor der Entwicklung zu schützen. Heute ist die Baulinie sehr nahe am Naturschutzgebiet.

SLS: Gebiet mit bewegter Geschichte

Bereits 2005 wurde für insgesamt fünf Jahre eine Planungszone über das Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) erlassen - faktisch ein Baustopp. Man wollte Zeit gewinnen, um die Entwicklung zu planen und Verkehrsprobleme zu lösen. Eine vom Stadtrat 2009 verabschiedete Vorlage wies der Kanton zurück, da sie zu sehr auf die Grossprojekte S-Bahn-Station Silbern und Ausbau Autobahnanschluss und Mutschellenstrasse aufbaute, deren Realisierung nicht in der Hand der Stadt liegt. Die überarbeitete Version präsentierte sich ein Jahr später dann ohne die beiden Grossvorhaben und mit reduzierter Nutzung. Diese soll aber wieder erhöht werden, wenn die Erschliessung verbessert worden ist. Am 11. März 2012 sagte das Dietiker Stimmvolk Ja zum Gestaltungsplan SLS. Er legt fest, wie sich das ehemalige Industriegebiet im Norden der Stadt entwickeln soll. So sollen statt der heutigen 6000 Arbeitsplätze künftig 12 000 möglich sein sowie Wohnraum für weitere 3000 Menschen. Verkehrsintensive Geschäfte sollen im Westen konzentriert werden. Entlang der Bahngleise sind teilweise bis zu 70 Meter hohe Häuser möglich. (BHI)

Auch das Postulat der Kantonsrätinnen Joss und Ziegler thematisiert dieses Manko. Der Kanton solle nun «schnellstmöglich» eine Schutzverordnung erlassen, heisst es darin. Damit gehen die Kantonsrätinnen sogar noch einen Schritt weiter als die Rekurrenten, die bloss die Pufferzone verlangten. Diese wäre auch ohne Schutzverordnung möglich.
«Die heutige Situation ist total unbefriedigend», sagt Joss auf Anfrage. «Der Kanton hätte die Schutzverordnung schon seit Ewigkeiten erlassen müssen.» Die Situation müsse nun «im Interesse des Moors und der Stadt Dietikon» endlich geklärt werden. Denn nicht nur im Zusammenhang mit dem SLS-Gestaltungsplan brauche man Rechtssicherheit. Auch weil das Gebiet Stierenmatt zusätzlich für den Bau eines Schulhauses zur Diskussion stehe, müsse man wissen, was möglich sei.

Nun geht es aber vorwärts - wenn auch langsam. Wie der Dietiker Stadtplaner Jürg Bösch sagt, habe man den Kanton nach Eintreffen des Rekurses gegen den SLS-Gestaltungsplan aufgefordert, «die Arbeiten unverzüglich an die Hand zu nehmen», was unterdessen geschehen sei. Wieso der Kanton das Moor nicht schon früher geschützt habe, könne er auch nicht beurteilen, so Bösch.

Die Zürcher Baudirektion betont auf Anfrage, im Kanton gäbe es 125 Flachmoore von nationaler Bedeutung. «Für die Erarbeitung der Schutzverordnungen mussten deshalb Prioritäten gesetzt werden», sagt Mediensprecherin Katharina Weber. Zudem sei die Kernzone des Moors bereits durch einen Beschluss aus dem Jahr 1958 geschützt. Nun seien die Arbeiten für eine revidierte Schutzverordnung aber im Gang.

Auch die beiden externen Gutachten, die der Kanton einholen musste - sie wurden ursprünglich per Ende 2012 erwartet - liegen unterdessen vor. Sie sollen Aufschluss darüber geben, welchen Einfluss der Gestaltungsplan auf die Vögel und die Grundwasserströme im SLS-Gebiet haben könnte.

Komplexe, aufwendige Arbeit

Gestützt auf die Gutachten erarbeiten Kanton und Stadt Dietikon zurzeit gemeinsam Umsetzungsvorschläge. Eine Prognose, wie lange es noch dauern wird, bis die Schutzverordnung erlassen wird, wagen aber weder die Stadt Dietikon noch der Kanton. Stadtplaner Bösch weist darauf hin, dass die Arbeiten komplex seien und deshalb «einige Zeit in Anspruch nehmen». Wenn die Vorschläge erarbeitet sind, müssen diese zuerst mit dem kantonalen Amt für Landschaft und Natur und dem Amt für Raumplanung sowie den Rekurrenten verhandelt werden.

Rekurrentin Christa Glauser vom Schweizerischen Vogelschutz bezweifelt, dass das Ganze rasch über die Bühne gehen wird. «Bis eine Schutzverordnung erlassen wird, dauert es mindestens zwei bis drei Jahre», sagt sie. Dass sich der Prozess so in die Länge zieht, erstaunt sie daher nicht. «Dass man uns die externen Gutachten noch nicht gezeigt hat, überrascht mich hingegen», sagt sie. Diese Zeitverzögerung sei unnötig.