Limmattal
Türken aus der Region zum Wahlergebnis: «Erdogan macht, was er will»

Türken aus der Region verfolgten den Urnengang vom Wochenende mit Hochspannung.

Alex Rudolf
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Den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan dürfte das Ergebnis zum Verfassungsreferendum freuen.

Den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan dürfte das Ergebnis zum Verfassungsreferendum freuen.

AP

Noch steht die Bekanntgabe des offiziellen Abstimmungsergebnisses durch die beauftragte Kommission aus, doch die Türkei ist in Aufruhr. Das Verfassungsreferendum vom Wochenende ging zugunsten von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan aus. Laut Prognosen votierten 51,4 Prozent dafür, dass er weitreichendere Macht erhalten soll. Doch: Gestern wurde bekannt, dass die politische Opposition die Annullierung des Resultates fordert. Der Grund dafür sind mehrere Unschlüssigkeiten beim Ablauf der Wahl.

Auch prominente Türken im Limmattal verfolgten die Abstimmung vom Wochenende mit Hochspannung. Cengiz Yükseldi, Präsident der Türkischen Moschee in Dietikon, ist nun froh, dass der Sonntag vorüber ist. «Das Ergebnis fiel so aus, wie ich es erwartet hatte», sagt er auf Anfrage. «Von den Gegnern hörte man in der Türkei nur wenig.» Zwar sei das Referendum in der Moschee thematisiert worden. «Doch verstehen wir uns als Gotteshaus, das sich aus dem politischen Diskurs raushält», so Yükseldi. Nur: Es gebe in seiner Moschee Verfechter beider politischen Lager. Nun sei es wichtig, nach vorne zu blicken. «Die Türkei ist noch immer die Türkei und dies wird auch so bleiben.» Dass bei der Wahl tatsächlich Unregelmässigkeiten vorgekommen sein sollen, glaubt Yükseldi nicht. «Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Gegner dem Ergebnis mit diesen Mitteln die Legitimation entziehen wollen.»

«Betrug an der Urne erwiesen»

Ali Demir, Politikwissenschafter aus Zürich, ist kritischer eingestellt. «Die Unregelmässigkeiten an der Urne sind von verschiedenen Seiten gemeldet worden. Trotzdem wird dies am Ergebnis nichts ändern», sagt er, da eine knappe Mehrheit ausreiche. Er verweist darauf, dass Exponenten aus dem Nein-Lager sowie Medienvertreter systematisch inhaftiert wurden, um den Weg für ein Ja zu ebnen. «Seit Jahren arbeitet Erdogan genau darauf hin.» Viel Hoffnung setzt Demir in die türkischen Grossstädte. So haben Istanbul und Ankara das Referendum abgelehnt. «Der Druck auf Erdogan bleibt bestehen, auch wenn er nun mehr Macht geniesst.» Zwar plant Demir derzeit keine Reise zurück in sein Heimatland. «Doch lasse ich mich vom Ausgang dieser Abstimmung nicht beirren.»

«Das Ergebnis fiel so aus, wie ich es erwartet hatte.» Cengiz Yükseldi, Präsident der Türkischen Moschee in Dietikon

«Das Ergebnis fiel so aus, wie ich es erwartet hatte.» Cengiz Yükseldi, Präsident der Türkischen Moschee in Dietikon

Limmattaler Zeitung

Ähnlich klingt es bei einer anderen Limmattalerin mit Wurzeln in der Türkei. Aus Angst vor Repressalien gegenüber ihren Angehörigen in der Heimat möchte sie nicht namentlich genannt werden. Doch ist sie sich sicher, dass der Urnengang manipuliert wurde. «Dieses Prozedere ist in der Türkei nicht so sauber organisiert wie hier in der Schweiz. Möglichkeiten für Betrug gibt es viele.» Zudem könne auch nicht jeder Einwohner in der Türkei lesen und schreiben, was Erdogan ebenfalls in die Hand spiele. Grosse Hoffnung, dass nach einer allfälligen Intervention der ausländischen Wahlbeobachter das Resultat doch noch gekippt werden könnte, macht sie sich nicht. «Erdogan macht, was er will. Selbst wenn die Wahlbeobachter erhebliche Mängel und Unstimmigkeiten feststellen, wird er sich darüber hinwegsetzen. Davon bin ich überzeugt», sagt sie.

Während sie selber ihren Lebensmittelpunkt in der Schweiz aufgebaut habe, sei es für die Generation ihrer Eltern im Pensionsalter schwer. «Sie machen sich grosse Sorgen um ihre Freunde, Bekannte und Familienangehörigen, die dort leben. Denn wie Erdogan künftig regieren wird, das weiss niemand genau.» Bereits vor Jahren habe sie damit aufgehört, in den Ferien in die Türkei zu reisen – aus Protest gegen Erdogan. «Was die Wähler in seine Arme treibt, ist der wirtschaftliche Aufschwung, den das Land in jüngster Zeit erlebte.» Als im Ausland wohnhafte Person könne man Erdogan nur schaden, indem man als Tourist fernbleibe.