Birmensdorf
Trudi Kilian ist 97 Jahre alt – und spielt jeden Tag auf ihrem Handörgeli

Sie ist 97 Jahre alt und spielt immer noch Klavier oder Örgeli. Trudi Kilian aus Birmensdorf ist ein Phänomen. Sie kann immer noch 350 Lieder auswendig. Woher hat die Seniorin ihr Talent für die Musik?

Florian Niedermann
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Gemeinsam mit ihrem Enkel nahm Trudi Kilian vor eine CD auf

Gemeinsam mit ihrem Enkel nahm Trudi Kilian vor eine CD auf

Florian Niedermann

An dieser Frau hat sich die Zeit schon manchen Zahn ausgebissen. Wenn Trudi Kilian sich ans Klavier setzt, glaubt man kaum, dass sie vergangenen Sonntag ihren 97. Geburtstag feierte. So flink wirbeln ihre Finger über die Tasten, so unglaublich gross ist ihr Repertoire, das sie – wohlbemerkt – auswendig zum Besten gibt. 350 Lieder spielt Kilian auf dem «Örgeli» oder dem Klavier aus dem Handgelenk, darunter vor allem Märsche und Volkslieder. Einige sind älter als sie selbst.

Notenlesen habe sie nie gelernt, sagt die rüstige Seniorin, die noch heute fast täglich musiziert: «Ich musste als Kind in die Klavierstunden. Die Lehrerin schlug mir mit dem Lineal auf die Finger, wenn ich einen Fehler spielte.» Nach zwei Jahren gab sie den Unterricht auf. Geschadet hat es ihr nicht: Die ersten Melodien auf dem Klavier beherrschte sie bereits im Alter von fünf Jahren. Als «Musikus», als der sie schon damals galt, konnte Kilian ganz auf ihr Gehör und ihre Erinnerung vertrauen: «Noch heute muss sie ein Stück nur zwei oder drei Mal hören, und schon kann sie es nachspielen», sagt Gertrud Flöscher, eine ihrer beiden Töchter.

Wie die Grossmuter, so der Enkel

Und diese Gabe ist erblich. Kilian selbst sagt, sie habe das musikalische Gedächtnis bereits von ihrem Vater, einem Handwerker, geerbt. Auch ihr Enkel, der bekannte Oberengstringer Jazzgitarrist Dani Solimine, ist damit gesegnet. Gemeinsam mit ihm nahm Kilian vor 10 Jahren eine CD mit dem sinnigen Titel «Musikus» auf. So erfolgreich sie damit wurden, so traurig ist der Hintergrund seiner Entstehung.

Kilians Ehemann Fritz, einem gelernten Zahntechniker, mit dem sie es 60 Jahre lang «sehr schön hatte» und 50 Jahre in Lichtensteig im Toggenburg lebte, ging es Ende der Neunzigerjahre gesundheitlich immer schlechter. «Wir beschlossen zu unserer Tochter Gertrud nach Birmensdorf zu ziehen, um in ihrer Nähe zu sein», sagt sie. Noch heute wohnt sie ein Stockwerk über Kilian. Die Seniorin pflegte ihren Mann an ihrem neuen Wohnort, bis sie nicht mehr konnte – weil sie selbst zu einem Pflegefall wurde.

Ende 2002 verstarb Fritz dann 96-jährig. Es folgte die schwere Zeit der Trauer. Kilian, die sonst viel lacht und Spässe macht, zog sich zurück. Auch spielte sie nur noch traurige Lieder. Ihr Enkel Dani Solimine gestand ihr diese Trauerarbeit zwar zu, wollte ihr aber darüber hinweg helfen, wie er sagt. Er motivierte Trudi Kilian dazu, gemeinsam mit ihm fröhlichere Stücke zu spielen. «Schon nach kurzer Zeit stellte ich fest, wie es mit ihr wieder aufwärtsging», sagt der 52-Jährige. Schliesslich schlug er vor, einige der Stücke zu proben und eine CD aufzunehmen. Sie willigte ein. «Bei den Aufnahmen war ich richtig nassgeschwitzt: Ich musste aufpassen wie ein ‹Häftlimacher›, dass ich nichts falsch spiele», erinnert sich Kilian. Die CD sollte dem ungewöhnlichen Duo zahlreiche Auftritte an «Stubeten» und in Altersheimen bescheren. 500 der Alben wurden verkauft. Bald darauf war sie eine gefragte Frau: SRF-Talkmoderator Kurt Aeschbacher lud sie ein, die Schweizer Illustrierte porträtierte sie. Für die Tochter einer Handwerkerfamilie ein ungewohnter Rummel.

Statt «Konsi» folgte eine Lehre

Den Grundstein dafür legte ihr Vater fast Als jüngste von sechs Geschwistern, bekam sie in der vierten Klasse ein Handörgeli. Bald kaufte der Vater auch ein Piano. Nach der Schule hätte Kilian auch ans Konservatorium gehen können. Dafür habe aber wohl das Geld gefehlt, mutmasst Tochter Gertrud heute. Stattdessen schickte sie die Mutter ins Welschland, wo sie eine Hauswirtschaftsschule besuchte. Nach ihrer Rückkehr in die Ostschweiz entschied sie sich für eine Lehre als Coiffeuse, heiratete bald und führte einen eigenen Salon. Später betreuten Sie und ihr Mann Fritz das Toggenburger Heimatmuseum in Lichtensteig, führten Besucher durch die Ausstellung und hielten das Haus im Schuss. «Wir haben immer viel ‹gchrampfet›», sagt Kilian. Neben ihren zwei Töchtern kümmerte sich das Paar im Verlauf der Jahre um insgesamt sieben Pflegekindern.

Die Musik spielte dennoch immer eine wichtige Rolle in Kilians Leben: Bereits in ihrer Jugend wurde sie in Gasthöfe und Brauereien gerufen, um vor Publikum aufzutreten. Im Toggenburger-Museum spielte sie den Besuchern jeweils auf einer alten Hausorgel vor. «Dennoch blieb die Musik eine Freizeitbeschäftigung, wie für andere das Jassen», sagt Kilian Heute.

Ihr bewegtes Leben faszinierte auch die Autorin Susanna Schwager. Sie widmete ihr in ihrem Buch «Das volle Leben» (2007) eine von zwölf Biografien von Frauen über Achtzig. Auf gemeinsamen Lesetouren im Bus lernte Kilian auch einige der anderen Protagonistinnen kennen, darunter die zwischenzeitlich verstorbene Schauspielerin Stephanie Glaser und Chansonsängerin Lys Assia. Kilian nahm ihr «Örgeli» stets mit auf Reisen und spielte, wo immer die Gruppe auf ihren Fahrten «einkehrte».

Körper will nicht mehr richtig

Heute tritt die Volksmusikerin kürzer. Sie frönt ihren Leidenschaften, zu denen neben der Musik auch das Gedichteschreiben und Zeichnen gehören, vor allem in ihrem zu Hause in Birmensdorf, in der Ferienwohnung von Tochter Gertrud im Tessin oder bei ihrer zweiten Tochter in Weggis. Auch an Kilians Körper ging Zeit nicht spurlos vorüber. Kürzlich musste sie sich zwei Gallensteine operativ entfernen lassen. Seither will der Körper nicht mehr so richtig. «Meine Krücken sind heute meine besten Freunde, sie begleiten mich überall hin», sagt sie und lacht wie so oft während des Gesprächs. Dann setzt sie sich wieder ans Klavier, legt ihre faltigen Finger auf die Tasten. Schon bei den ersten Tönen von «Träume der ersten Liebe» ist von den Gebrechen des Alters nichts mehr zu sehen.

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