Es ist das grosse Thema im Limmattal: die rasante Entwicklung. Wohnungen werden gebaut, Arbeitsplätze entstehen. Die Folge: Die Bevölkerung wächst und wächst. Heute sind es 85'000 Personen, 1,5 Prozent mehr als 2012 , wie das Statistische Amt Bezirk Dietikon des Kantons Zürich am Mittwoch mitteilte. Das Thema brennt der hiesigen Bevölkerung so sehr unter den Nägeln, dass eine Mehrheit von über 54 Prozent am Wochenende ein Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung in die Urne legte.

Der Blick in die Zukunft ist nicht minder beeindruckend: In fünfzehn Jahren könnten es gemäss Prognosen bereits 106'000 Personen sein. Es wachsen dabei längst nicht nur die Städte Dietikon und Schlieren. Das kleine Aesch geht bis 2030 von einem Wachstum von 80 Prozent aus und könnte dannzumal 1800 Einwohner zählen.

Abstimmung: Zeichen des Unmuts

Politiker aus der Region werten das Abstimmungsergebnis zwar als Zeichen des Unmuts und der Unsicherheit, wie sie die Bevölkerung bei ähnlichen Abstimmungen schon zuvor geäussert hat. Dietikons Stadtpräsident Otto Müller (FDP) sagt: «Ich interpretiere das Ja als Unbehagen gegenüber den spürbaren Veränderungen, die Wachstum mit sich bringt. Wir müssen politisch in Sachen Entwicklung etwas auf die Bremse treten.» Ähnlich drückt sich Müllers Amtskollege aus Schlieren aus: «Es ist die Angst, von der Entwicklung überrollt zu werden», sagt Toni Brühlmann-Jecklin (SP).

Tausende Zuzüger kamen in den letzten Jahren direkt aus dem Ausland ins Limmattal, die meisten jedoch aus anderen Kantonsteilen. Der Grund ist klar: Hier werden stadtnah (erschwingliche) Wohnungen gebaut, und das nicht zu knapp und mit der Konsequenz wachsenden Unbehagens.

Doch was tun? Einen Baustopp verhängen? Ein Moratorium? Obwohl Willy Haderer (SVP, Unterengstringen) für die Initiative «gegen Masseneinwanderung» gestimmt hat, sagt der Kantonsrat unmissverständlich: «Ich halte nichts davon.» Es gehe nicht darum, die aktuelle Entwicklung abzuwürgen, sondern darum das Limmattal als dichten Siedlungsraum qualitativ zu gestalten.

Dabei sei die Mobilität entscheidend: bessere Busverbindungen quer zum Tal, der Bau der Limmattalbahn, Ausbau von Strassenengpässen. Zudem: Das Limmattal werde als Wohnregion durch die Idee des Agglomerationsparks aufgewertet. Dies alles führe zu mehr Lebensqualität und darauf komme es am Ende des Tages an. In diesem Sinne wertet Haderer das Abstimmungsergebnis: Als Weckruf, die bereitstehenden Lösungen schnell umzusetzen.

Otto Müller ist auch der oberste Planer im Bezirk. Er sagt: Einer unkontrollierten Entwicklung sind bereits heute Grenzen gesetzt, durch die Kulturland-Initiative der Grünen, durch die kantonale Richtplanung und durch das nationale Raumplanungsgesetz. Es werde einzig in Geroldswil etwas Bauland ausgeschieden, was allerdings der Zustimmung des Kantonsrats bedarf, so der Präsident der Zürcher Planungsgruppe Limmattal.

Trotzdem wird eifrig gebaut werden. Es gibt von privater Seite so manche Idee für Grossüberbauungen, einige stehen vor der Realisierung – in Dietikon wie in Schlieren. Für Brühlmann ist klar: Diese Entwicklung kann nicht gestoppt werden, wenn sie im Rahmen der gültigen Bau- und Zonenordnung geschieht. Lenken, nicht verhindern, heisst deshalb die Devise. Schlieren kann und will Einfluss auf die Qualität nehmen. Diese sieht Brühlmann durch das extra dafür erarbeitete Stadtentwicklungskonzept gesichert.

Müller spricht ebenfalls von Qualität statt Quantität: «In Sachen Niederfeld zeigen wir deshalb Zurückhaltung, und zwar bereits vor der Annahme der Initiative. Wir wollen die Entwicklung nicht überhitzen.» Dies nicht nur, um das rasche Bevölkerungswachstum abzubremsen, sondern auch um mit der städtischen Infrastruktur nachzukommen.

Die Bauerei wurde im letzten Jahrzehnt nicht nur im Limmattal gefördert, sie ist national vorgegeben. Entwicklung soll nämlich in dichtbesiedelten Regionen stattfinden, die durch den öffentlichen Verkehr gut erschlossen sind – so wie das Limmattal. Damit soll der Zersiedelung der Landschaft in der Schweiz entgegengewirkt werden. Verdichtung ist wichtig, um grossräumiges Pendeln zu verhindern.

Pierre Dalcher (SVP), Präsident der kantonsrätlichen Kommission für Bau und Planung und neu gewählter Stadtrat in Schlieren, will ebenfalls nichts von einem Baustopp wissen. Die realisierungsreifen Projekte liessen sich nicht mehr stoppen. Dennoch wünscht er sich, dass danach «Zeit bleibt, das Ganze setzen zu lassen». Das grosse Thema sei nämlich, die vielen Neuzuzüger ins gesellschaftliche Leben zu integrieren. In Schlieren, aber auch im übrigen Bezirk.