Schlieren

Trotz Krankheit schreibt sie weiter – und publiziert jetzt die 16. Auflage ihres Anatomie-Standardwerks

Dank Hilfsmitteln steht ihr die Welt der Bücher weiterhin offen: Die sehbehinderte Autorin Erica Brühlmann-Jecklin kann mit dem Lesescangerät Bücher hören.

Dank Hilfsmitteln steht ihr die Welt der Bücher weiterhin offen: Die sehbehinderte Autorin Erica Brühlmann-Jecklin kann mit dem Lesescangerät Bücher hören.

Die Schlieremerin Erica Brühlmann-Jecklin leidet unter einer Autoimmunkrankheit, welche ihre Seefähigkeit beeinträchtigt. Trotzdem hat die Schriftstellerin die 16. Auflage ihres Anatomie-Standardwerks veröffentlicht.

Erica Brühlmann-Jecklin drückt auf die weissen Buchstaben ihrer Tastatur, dabei sieht sie auf den Bildschirm und lauscht den vorgelesenen Worten. Sie könnte ebenso gut mit geschlossenen Augen schreiben, denn die Zeichen kann sie nicht sehen, auch wenn sie in Grossschrift auf den Tasten stehen. Die Schlieremer Schriftstellerin, Psychotherapeutin, Liedermacherin und Lehrerin für Krankenpflege sieht aufgrund einer Erkrankung ihrer Netzhaut in der Mitte nur noch zwei bis fünf Prozent. Dank beinahe intaktem Gesichtsfeld kann sie sich aber gut im Raum orientieren.

Die Sehbehinderung hielt sie nicht davon ab weiterzuschreiben und zu komponieren. Mitte Juni erschien die 16. Auflage ihres medizinischen Arbeitsbuches «Anatomie und Physiologie». Dieses verfasste sie vor vierzig Jahren. «Ich kam zu diesem Buch wie die Jungfrau zum Kind», sagt Brühlmann-Jecklin. Zur damaligen Zeit arbeitete sie als Anatomie-Lehrerin. Als sie Mutter wurde und ihre Stelle einem Arzt übergab, fragte er sie nach ihren Unterrichtsunterlagen. Sie übergab ihm ihre Unterlagen und Zeichnungen. «Als er meine Hellraumprojektor-Folien sah, empfahl er mir, diese einem Verlag zuzusenden.»

So sandte Brühlmann-Jeck­lin ihre Unterlagen nach Stuttgart zum Gustav Fischer Verlag. Der damalige Herausgeber befand das Werk für gut, nur bemängelte er, dass die Illustrationen zu teuer würden. «Im jugendlichen Übermut habe ich gesagt, dass ich diese selbst erstellen könne», sagt Brühlmann-­Jecklin. Mithilfe eines Freundes, der ihr erklärte, wie man mit Tusch auf Pergamentpapier zeichnet, habe sie sich in der Folge an die Arbeit gemacht.

Ein Zylinder ist keine Flasche

Um ihre Illustrationen auch aus kunstmedizinischer Sicht abzusichern, zeigte Brühlmann-Jeck­lin die Zeichnungen jenem Professor an der Universität Zürich, bei dem sie zwei Semester Anatomie studiert hatte. «Als Professor Kubik meine Zeichnungen sah, sagte er, ein Zylinder ist keine Flasche», sagt sie. So habe sie gelernt, dass sie nicht schematisch, sondern naturgetreu zeichnen sollte. Sie beherzigte seinen Ratschlag und sandte die Zeichnungen dem Verlag zu. «Kurz darauf wurde ich zum Unterzeichnen des Vertrags nach Deutschland gerufen.»

Seither wurden über 500'000 Exemplare des Buches verkauft. Alle zwei bis drei Jahre erstellte Brühlmann-Jecklin eine Überarbeitung ihres Werks. Nebst diesem Klassiker verfasste sie auch einige andere Bücher und Kinderbücher. Doch dieses ist bislang das einzige Werk, das sich finanziell ausbezahlte. «Bei den anderen darf man nicht den Aufwand mit dem Ertrag vergleichen. Dann ist man zufrieden, für alles, was trotzdem rausschaut», sagt sie.

Um das Lehrbuch auf dem neusten Stand zu halten, hält sich Brühlmann-Jecklin ständig auf dem Laufenden, liest Studien und hält die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse fest. Doch auch persönliche Erfahrungen fliessen in ihr Werk ein. «In dieser Auflage habe ich beispielsweise die Korrektur eines Lehrers eingearbeitet und auch das Mastzellaktivierungssyndrom in die Krankheitsliste aufgenommen», sagt sie.

Brühlmann-Jecklin leidet seit wenigen Jahren an dieser Autoimmunkrankheit, deshalb hängen in ihrer Küche Zettel, auf denen in grossen Lettern Nahrungsmittel stehen, die sie nicht zu sich nehmen darf. Als sie vor einigen Jahren zunehmend schwerer sehbehindert wurde und die Diagnose Makuladystrophie erhielt, hat sie diese Erkrankung ebenso wie ihre angeborene Muskelschwäche in ihr Buch aufgenommen. Sie habe ihrem Arzt gesagt, dass sie jede ihrer Krankheiten in ihr Buch aufnehme. Darauf habe er ihr nur gesagt. «Aber jetzt reicht es».

Klavier spielen ist möglich Orchester nicht mehr

Ob die 70-Jährige noch eine weitere Überarbeitung des Lehrmittels verfassen wird, ist unklar. Vorbereitet wäre Brühlmann-Jeck­lin aber auf alle Fälle. In ihrem Arbeitszimmer steht ein Computer mit doppeltem Bildschirm und ein Lesescangerät. Diese Maschinen braucht sie täglich, um ihre Bücher zu verfassen und Musik zu komponieren. Die kreative Welt steht ihr auch als sehbehinderte Pensionärin offen. Wandern und Velofahren kann sie ihrer Gehbehinderung wegen nicht. «Das Schwerste von allem war, dass ich im Kammerorchester nicht mehr Geige spielen kann», sagt sie. Klavierspielen ist dagegen kein Problem, das habe sie bereits als Kind blind getan. «Ich liess jeweils den Staubschutz auf den Tasten und spielte.»

Sie setzt sich während des Gesprächs spontan ans Klavier und greift in die Tasten. Dazu singt die Kinderpsychologin ein Lied ihres neusten Musicals. Später stimmt sie das Lied «Dankbar sii» an. Dankbarkeit sei ein Thema, das sie begleite. Obwohl sie viele körperliche Beschwerden aus eigener Erfahrung kenne, gebe es vieles, wofür sie dankbar sei. «Zum Beispiel für die Familie, dass ich in der Schweiz lebe oder für meine Arbeit.» Auch im Spital habe sie erfreuliche Begegnungen erlebt. «Während des Lockdowns hatte ich zwei notfallmässige Rückenoperationen, da sagten mein Chirurg und ein weiterer Arzt, dass sie mit meinem Buch lernten», sagt Brühlmann-Jeck­lin und strahlt dabei.

Dass sie, die vor bald fünfzig Jahren aus gesundheitlichen Gründen nur unter erschwerten Bedingungen zum Abschlussexamen der Krankenpflege zugelassen wurde, nun einen derartigen Erfolg mit einem Medizinbuch hat, ist wohl ein weiterer Grund für ihre Zufriedenheit.

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