Unterengstringen
Trotz höherer Steuern: Warum Weytec ganz ins Limmattal zurückkehrt

Die Weytec kommt trotz höherer Steuern ganz ins Limmattal – warum, sagen die beiden Chefs.

David Egger
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Weytec setzt voll auf Unterengstringen
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Das tastatur-artige Gerät, das hier auf dem Tisch steht, ist von Weytec. Viele Börsenhändler arbeiten täglich damit. Dahinter steckt sehr viel Technik und auch ein Kontrollraum ist nötig.
Ohne Innereien sieht das Tastaturgehäuse so aus. Dieses Kunststoffteil wird in China gefertigt, der grosse Rest ist swiss made.
Ohne diese Platte geht gar nichts: Sie steuert alles und läuft mit einem Weytec-eigenen Betriebssystem.
Die Platten müssen zuerst gelötet werden. Die Weytec macht dies je nach Bedarf auf zwei verschiedene Arten: Entweder nach dem Wellenlötenprinzip...
Diese hochstehende Maschine (ebenfalls ein Schweizer Fabrikat) lötet hingegen nach dem Lötpastenprinzip.
Vor dem Löten müssen die Platen so trocken wie nur möglich gelagert werden. In diesem Gerät, sozusagen dem Gegenteil eines Humidors, herrschen nur 3 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Und so sieht dann eine fertig gelötete Platte aus.
Der Hauptsitz der Weytec liegt an der Dorfstrasse in Unterengstringen. Gegründet wurde die Firma einst in einer Schlieremer Garage.
Auch der JFK-Flughafen in New York verträut auf Technik von Weytec.
Die Wasserqualitätsmessungs-Daten der Wasserversorgung Zürich laufen ebenfalls in einem mit Weytec-Produkten ausgestatteten Kontrollraum zusammen.
Dieser Überwachungsraum, gesteuert mit Weytec-Produkten, steht in Singapur.
Weytec Smart Touch ist eines der neusten Geräte aus Unterengstringen.
Auch der Goldhandel in Frankfurt am Main arbeitet mit Weytec-Produkten.

Weytec setzt voll auf Unterengstringen

Alex Spichale

Anfang Woche liess die weltweit tätige Weytec aus Unterengstringen eine Bombe platzen. Die Firma, die unter anderem Finanzhandels- und Überwachungsräume mit der nötigen Technik ausstattet, bestand bisher aus zwei Teilen: der Wey Elektronik AG in Unterengstringen für die Produktion und den inländischen Markt und der Wey Technology AG für das Auslandgeschäft mit Sitz im steuergünstigen Kanton Zug. Nun fusionieren die beiden, der Sitz in Rotkreuz ist Geschichte und die Weytec zahlt künftig mehr Steuern. Warum sich die Firma, die in den 80er-Jahren in einer Schlieremer Garage gegründet wurde, trotzdem entschloss, ganz ins Limmattal zurückzukehren, erklären die Inhaber und Geschäftsführer Armin Klingler und Mario Okle im Interview.

Mario Okle und Armin Klingler, Sie lösen Ihren Zweitstandort im steuergünstigen Kanton Zug auf. Wie schwer ist Ihnen der Entscheid gefallen?

Mario Okle: Wir mussten uns diesen Schritt gründlich überlegen, das hat eine ganze Weile gedauert. Wir nehmen hier nicht nur eine höhere Steuerbelastung, sondern auch ein höheres Risiko auf uns, da die Verantwortung für das Auslandgeschäft nun auch in Unterengstringen liegt. Aber die Vorteile überwiegen: Wir erhoffen uns mehr Effizienz. In Rotkreuz gelten zum Beispiel andere Feiertage als hier, das war für die Firma ungünstig. Zudem haben wir hier genug Platz für weitere Arbeitsplätze. Den Platz brauchen wir, denn 2016 werden wir 50 Prozent mehr Umsatz erreichen als noch im letzten Jahr.

Armin Klingler: Der Inhaber Hubert Wey erlaubte uns vor 20 Jahren den Aufbau des Auslandsgeschäfts unter der Bedingung, dass dieses in eine separate Gesellschaft ausgelagert wird. So war sichergestellt, dass im Falle eines Scheiterns das Schweizer Geschäft weiterlaufen kann. Mittlerweile kennen wir die Risiken des Auslandsgeschäfts und glauben, dass eine vollständige Integration der beiden Firmen im Limmattal mehr als nur vertretbar ist.

Die Gemeinde Unterengstringen wird sich freuen. Verraten Sie uns, wie viele zusätzliche Steuern Sie nun zahlen?

Okle: Das wird von Jahr zu Jahr unterschiedlich sein, aber wir haben natürlich unsere Rechnung gemacht. Basierend auf den Vorjahreszahlen kann ich eine Schätzung abgeben: Wir zahlen etwa 20 Prozent mehr.

Zudem sagten Sie, dass Sie zusätzliche Arbeitsstellen schaffen wollen. Wie viele sind geplant?

Klingler: Bis Ende 2017 werden wir ein gutes Dutzend zusätzliche Personen anstellen.

Spüren Sie dabei den Fachkräftemangel? Schliesslich sind Sie im Hightech-Bereich tätig.

Klingler: Ja, den spüren wir. Ingenieure suchen wir beispielsweise immer. Solche Fachkräfte stellen wir dann an, wenn sie zur Verfügung stehen, nicht nur dann, wenn wir sie explizit suchen. Sollte die Politik die Anstellung ausländischer Fachkräfte erschweren, werden wir dies noch mehr zu spüren bekommen.

Als weltweit tätiges Unternehmen sind Sie sicher auch im Ausland unterwegs. Wie oft gehen Sie auf Geschäftsreise?

Okle: Das Ziel ist, die Aussenstationen mindestens einmal pro Jahr zu besuchen. Wichtig ist aber vor allem, dass die Mitarbeiter der einzelnen Ländergesellschaften einmal im Jahr zu uns kommen. Die Ausbildung und Weiterbildung der Techniker und Verkaufsverantwortlichen geschieht hier am Hauptsitz.

Und was denken Ihre Kollegen aus New York, Moskau und Singapur über das kleine Unterengstringen?

Klingler: Also vorab muss ich sagen, dass noch nie jemand Unterengstringen richtig hat aussprechen können. Zudem sind sie meistens überrascht von den kleinräumlichen Gegensätzen zwischen Industrie, Landwirtschaft, Städtischem und Dörflichem.

Früher waren Sie von der Finanzbranche abhängig. Wegen der Finanzkrise sind Sie dann ins Kontrollraumgeschäft eingestiegen und zählen heute auch viele Polizeikorps zu Ihren Kunden. Wie zeigt sich das in den Zahlen?

Klingler: Das Kontrollraumgeschäft macht etwa 60 Prozent aus, der Rest 40 Prozent. Und es wird weiter zunehmen. Zurzeit gehen wir davon aus, dass das Kontrollraumgeschäft dereinst 80 Prozent ausmacht und der Rest 20 Prozent. Dazu muss man wissen: Ins Kontrollraumgeschäft sind wir erst vor acht Jahren eingestiegen, das beginnt jetzt so richtig zu laufen.

Ihre Wachstumszahlen erinnern an das Silicon Valley. Haben Sie einfach keine Konkurrenz?

Klingler: Doch, doch. In der Schweiz haben wir zwar bei der Ausstattung von Handelsräumen tatsächlich keine richtige Konkurrenz und bei den Kontrollräumen sind es vielleicht eine bis zwei Firmen. Im gesamten deutschsprachigen Raum sind es aber über 20 Firmen, wovon ein halbes Dutzend mit uns gleichauf ist. Schwierig war es, bis uns die erste Kantonspolizei vertraute, danach konnten wir eine Polizei nach der andern ausstatten, das ist auch eine Art Mund-Propaganda.

Okle: Aber man muss schon sehen, es ist ein brutaler Verdrängungskampf, in dem wir uns befinden. Jeder Auftrag, den wir im Kontrollraumbereich erhalten, bedeutet für eine andere Firma, die vielleicht schon länger im Kontrollraumgeschäft ist, dass sie einen Auftrag weniger hat.

Erlauben Sie mir zum Schluss noch eine saloppe Frage: Sie arbeiten seit über zwei Jahrzehnten Seite an Seite. Geht man sich da nicht irgendwann auf die Nerven?

Klingler: Ich bin mehr der Bauchmensch und Mario ist der richtige Mann, wenn man eine Formel herleiten muss oder es tief in die Technik geht. Wir kennen also unsere Stärken und Schwächen und ergänzen uns im Team. Aber nach Feierabend oder am Wochenende machen wir nichts zusammen, wir sehen uns so schon genug.

Die Weytec spielt bei der nationalen Sicherheit mit

Zentralbanken, Grossbanken, Börsen, Polizeikorps, die Wasserversorgung, Stromhändler und viele mehr: Jeder Schweizer braucht täglich zumindest indirekt die Produkte der Weytec. Das fängt schon am Morgen unter der Dusche oder beim Wasser für die Kaffeemaschine an: Die Zürcher Wasserversorgung prüft die Wasserqualität, die Daten dazu laufen dann auf einer Weytec-Anlage zusammen, in einem unterirdischen Steuerraum in einem Bunker in Zürich-Höngg. Der Weg zur Arbeit führt dann vielleicht durch einen Tunnel, dessen Verkehr in einem Kontrollraum der Kantonspolizei überwacht wird, mit einer Weytec-Anlage. Am Arbeitsort angekommen, sollten dort der Computer und andere Geräte mit Strom laufen: Die Stromhändler, zum Beispiel die Axpo in Baden, vertrauen ebenfalls auf die Weytec. Wenn dann im Verlauf des Vormittags eine Aktie steigt, kann man sich sicher sein, dass irgendein Börsenhändler das gerade auf einem seiner Bildschirme sieht, den er mit einer Weytec-Anlage steuert. Wirft man während der Arbeit noch einen Kaugummi in den Abfall, spielt die Weytec ebenfalls mit: Viele Kehrichtverbrennungsanlagen liessen ihre Kontrollräume ebenfalls von der Weytec ausstatten. Und wenn man dann am Abend zu Bett geht, schalten die Händler in Singapur ihre Weytec-Geräte an, während das Flugzeug, das noch über den Limmattaler Himmel fliegt, von Skyguide kontrolliert wird – auch da sind Weytec-Produkte mit am Drücker. Ebenfalls werden Weytec-Produkte zum Teil in Schweizer Atomkraftwerken genutzt – wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie bei der Polizei oder den Banken. Die Weytec sieht diesen Bereich zudem nicht als Wachstumsmarkt an – so hat sie das Dach ihres Hauptsitzes in Unterengstringen mit Photovoltaik-Anlagen bestückt, die an manchen Tagen 80 Prozent des gesamten Verbrauchs der Firma decken. Apropos Strom: Beide Geschäftsführer, Armin Klingler und Mario Okle, fahren standesgemäss mit einem Strom-Sportwagen der Marke Tesla zur Arbeit. Gegründet wurde die Weytec, die heute als einzige Firma weltweit ihre Steuerungssysteme für Handels- und Kontrollräume selber herstellt, in den 1980er-Jahren vom Schlieremer Mechaniker Hubert Wey in der Garage eines Mehrfamilienhauses. Dort entwickelte Wey erstmals eine Video-Matrix, die Daten von drei PCs auf 600 Bildschirme verteilen konnte. Anfang der 1990er-Jahre zog das Unternehmen dann nach Unterengstringen, wo es seither wächst und wächst. (DEG)