Skulpturen
Trotz frühlingshafter Temperaturen: In Schlieren herrscht Eiszeit

Gestern entstanden in Schlieren aus Eisblöcken Seepferdchen, Schwäne und Steinböcke. Sie werden nicht lange leben.

Franziska Schädel
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Vivi Savoia als Engel
12 Bilder
Konrad Marxer haut sich das Mittagessen für die Familie raus
Mit der Motorsäge geht Fredi Odermatt zur Sache
Gemütlicher Schwatz im warmen Sonnenschein
Jan Marxer versucht sein Glück am Gutschein-Eisblock
Fredi Odermatt skizziert mit leichter Hand
Familienfoto mit Seepferdchen
Eisskulpturen Schlieren
Eisige Engelsflügel
Ein Schwan entsteht
Ein Seepferdchen auf Reisen
Der Eis-Steinbock hält Wache

Vivi Savoia als Engel

Franziska Schädel

Es ist ein wenig Winter in Schlieren. Schnee ist zwar weit und breit nicht auszumachen. Die Kappen und Schals sind zu Hause geblieben. Ein mildes Lüftchen weckt so etwas wie Frühlingsgefühle. Trotzdem brach gestern in Schlieren die Eiszeit aus – dank einer Ausstellung vergänglicher Eisskulpturen, organisiert von der Detaillistenorganisation Pro Schlieren und dem Lilie Shoppingpoint.

Fredi Odermatt ritzt die Figur eines Schwans in die Vorderseite eines rechteckigen Eisblocks. Schnell und sicher setzt er den Meissel an. Er ist gelernter Möbelschreiner und Bildhauer und hat die Kunst des Schnitzens von seinem Vater und später von seinem Onkel gelernt. Dieser war Koch auf einem Schiff und schnitzte dort Eisskulpturen für die Gäste. Die recht warme Lufttemperatur ist für Fredi Odermatt kein Problem. Im Gegenteil: Die Grundidee einer Eisskulptur sei eigentlich, dass man beobachten könne, wie sie schmelze, sagt der Künstler. «Es ist eine veränderliche Kunst. Man sieht, wie sie sich langsam auf das Wesentliche, auf ihre Grundform, abstrahiert.»

«Gib alles!»

Eisig ist es auch im Lilie Shoppingpoint, wo man sich mit letzten Weihnachtsgeschenken eindecken kann. Ein Parfüm für die Freundin? Bioprodukte für die Schwiegermutter? Oder doch lieber eine Reise in den Süden für die ganze Familie? Am Eisblock, aus dem innert 30 Sekunden mit strategischem Geschick, Muskelkraft und einem Pickel Geschenkgutscheine herausgehauen werden können, versucht die Familie Marxer ihr Glück.

Die Kinder Jan und Amanda leisten wacker Vorarbeit, Vater Konrad Marxer bringt die Sache erfolgreich zu Ende. Die Eisspäne fliegen, der Pickel saust wieder und wieder durch die Luft. «Gib alles! Weiter oben, nein mehr nach links, noch einmal», ruft die Tochter. Noch zehn Sekunden. Da fällt der erste Gutschein aus dem Eisblock heraus, dann der zweite.

Konrad Marxer ist zufrieden: «Mit dem Geld gehen wird jetzt gemütlich Mittagessen.» Etwas weiter vorne warten Engelsflügel aus Eis auf Selfie-Kundschaft. Vorsichtig berührt eine Frau die Skulptur: «Das ist ja Eis – und das mitten im Sommer», lacht sie. Für ein Selfie ist sie aber dezidiert nicht zu haben.

Auf dem Stadtplatz ist der Schwan inzwischen schon weit gediehen. Jetzt geht Fredi Odermatt mit schwerem Gerät zur Sache. Die Motorsäge heult auf, aus dem Eisblock schält sich langsam die fertige Figur mit geschwungenem Hals und aufgestellten Flügeln, wie es sich für einen stolzen Schwan gehört.

Die Eisstücke fliegen dem Künstler um die Ohren, sein Gesicht, seine Haare, seine Jacke sind mit Eisfirn bedeckt, als wäre er in einen Schneesturm geraten. «Schön ist das», strahlt Alice Frey und ihr Mann Kurt sagt: «So was könnten wir nicht. Aber wenn das alle könnten, würde ja niemand mehr zuschauen.»

Eine neue Idee

An den runden Tischen auf dem Stadtplatz lassen sich die Besucherinnen und Besucher gerne bei Glühwein und einem gemütlichen Schwatz mit Bekannten die lang entbehrte Sonne aufs Gesicht scheinen. Der «Little Drummer Boy» singt, auf Adventsgestecke gibt es 20 Prozent Rabatt und wer noch keinen Esstisch hat, kann an einem Stand einen solchen erwerben – am besten zusammen mit den passenden Trüffelprodukten, die nebenan feilgeboten werden.

Vor der Bibliothek hält ein eisiger Steinbock Wache und das Eis-Seepferdchen begrüsst vor der Drogerie die Kundschaft. «Wir wollten etwas machen, was es zur Weihnachtszeit im Flachland noch nirgends gibt», sagt Philipp Locher, Präsident der Detaillistenvereinigung Pro Schlieren.

«Die Eisskulpturen sind ein Testlauf. Wenn die Idee ankommt, könnte ich mir gut vorstellen, dass wir in den kommenden Jahren 20 bis 30 Eisfiguren in Schlieren präsentieren werden.» Auch diese werden nicht lange leben: Sollte Petrus kein Einsehen haben, werden Steinbock, Schwan und Seepferdchen in ein bis drei Tagen ihr kurzes Leben wohl ausgehaucht haben.