Schlieren
Top-Curlerin Janine Greiner: «Ich möchte einen Winter nur für mich»

Die ehemalige Spitzencurlerin Janine Greiner blickt auf die schönsten Momente ihrer Karriere zurück und verrät, wieso sie nach ihrem Rücktritt nicht wusste, was sie mit ihrer Freizeit anfangen soll, und weshalb sie das Curlingspielen doch nicht ganz lassen kann.

Fabio Baranzini
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Janine Greiner in ihrer neuen Wohnung in Schlieren, wo sie seit ihrem Rücktritt viel mehr Zeit verbringt als zuvor.

Janine Greiner in ihrer neuen Wohnung in Schlieren, wo sie seit ihrem Rücktritt viel mehr Zeit verbringt als zuvor.

Fabio Baranzini

Janine Greiner gehört zu den erfolgreichsten Athletinnen in der Geschichte des Schweizer Curlingsports. Im Team von Mirjam Ott wurden sie Europa- und Weltmeisterin und war auf nationaler Ebene über Jahre das Mass aller Dinge. Einzig eine olympische Medaille fehlt im beeindruckenden Palmarès der Limmattalerin.

Die Wintersportlerin

Janine Greiner ist 33 Jahre alt und wohnt in Schlieren. In ihrer Curlingkarriere gewann sie an internationalen Titelkämpfen sieben Medaillen. 2008 wurde sie im Team von Skip Mirjam Ott Europameisterin und vier Jahre später konnte sie mit dem Gewinn des Weltmeistertitels den grössten Erfolg ihrer Karriere feiern. Nach dem enttäuschenden vierten Platz an den Olympischen Spielen in Sotschi hat die Limmattalerin im März ihre aktive Laufbahn beendet. Janine Greiner, die das eidgenössische Handelsdiplom gemacht hat, bestreitet derzeit ein 80-Prozent-Pensum bei einer Firma in der Immobilienbranche. Curling spielt sie nur noch ab und an zum Spass. (fba)

In Vancouver und in Sotschi reichte es zwei Mal nur zum undankbaren vierten Platz. Diesen Makel kann sie nicht mehr beheben, denn vor rund einem halben Jahr haben sich die vier Curlerinnen vom Team Davos entschieden, ihre aktive Laufbahn zu beenden.

Ebenfalls Teil des Teams war die Limmattalerin Carmen Schäfer, die jedoch seit längerer Zeit in Frutigen wohnt. Die Sportlerin hat ihre Prioritäten verschoben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. In absehbarer Zukunft wird sie nicht in den professionellen Curlingsport zurückkehren.

Janine Greiner hingegen war bereit, im Rahmen des Sonntagsgesprächs auf ihre sportliche Laufbahn zurückzublicken. Doch auch sie musste es sich zwei Mal überlegen. Wie ihre ehemalige Mitstreiterin steht auch sie nicht gerne im Mittelpunkt und noch weniger möchte sie auf der Strasse oder im Ausgang erkannt werden. Trotzdem sagte sie für dieses Interview zu, das in der Dachwohnung des Hauses ihrer Grosseltern in Schlieren stattfand, wo Janine Greiner nach dem Wegzug aus Weiningen lebt.

Frau Greiner, vor rund zwei Wochen hat die neue Curlingsaison begonnen. Normalerweise wären Sie jetzt in Kanada und würden die ersten Turniere bestreiten. Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht dabei zu sein?

Janine Greiner: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin glücklich, dass ich in diesem Jahr nicht nach Kanada reisen muss, sondern einfach zu Hause bleiben kann. Die Resultate der Turniere verfolge ich aber trotzdem.

Vermissen Sie den Curlingsport?

Das kann ich noch nicht so richtig sagen. Die intensivste Zeit mit den vielen Turnieren kommt erst noch. Aber ich bin froh, dass ich im Sommer nicht ins Training musste und Zeit für andere Dinge hatte.

Wie gross war die Umstellung, von einem Moment auf den anderen nicht mehr täglich zu trainieren, Turniere zu bestreiten und quer durch die Welt zu reisen, sondern ein ganz normales Leben zu führen?

Das war eine grosse Umstellung. Am Anfang habe ich es sehr genossen, einfach nichts zu tun. Aber schon nach wenigen Tagen wusste ich gar nicht mehr, was ich mit der vielen freien Zeit anfangen soll. Während der letzten acht Jahre war praktisch jeder Tag durchgeplant und ich musste gar nicht überlegen, was ich mache. Nach dem Rücktritt musste ich erst wieder lernen, mich zu beschäftigen.

Womit beschäftigen Sie sich denn nun?

Nach dem Rücktritt habe ich lange kaum mehr Sport gemacht. Nun habe ich wieder begonnen, regelmässig joggen zu gehen und ich freue mich aufs Skifahren. Zudem habe ich mein Arbeitspensum bei der Immobilienfirma in Wallisellen, wo ich seit 13 Jahren arbeite, auf 80 Prozent erhöht. Meine Arbeitskollegen haben mich während meiner Karriere stets unterstützt. Mit meinen vielen Absenzen habe ich aber ziemlich viel Unruhe ins Team gebracht. Daher ist es an der Zeit, dass ich mehr arbeite und mich so revanchiere.

Können Sie von Ihren Erfahrungen als Spitzencurlerin im Berufsalltag profitieren?

Ja, absolut. Curling ist ein Teamsport, und wenn es im beruflichen Umfeld um Teamarbeit oder um Offenheit gegenüber anderen Personen geht, helfen mir die Erfahrungen meiner Sportlerkarriere. Zudem habe ich über die Jahre auch eine gewisse Gelassenheit entwickelt und werde nicht sofort wütend auf jemanden, nur weil er einen Fehler gemacht hat.

Sind Sie seit Ihrem Rücktritt schon wieder auf dem Eis gestanden?

Ja, ich konnte es nicht ganz lassen. Dafür spiele ich einfach zu gerne Curling. (Lacht.) Ich habe in den letzten Monaten drei Sommerturniere gespielt und im Winter werde ich ab und zu in der Super Liga spielen.

Wie ist es, für einmal nicht um Weltcupsiege und Medaillen zu kämpfen, sondern einfach zum Spass zu spielen?

Das ist etwas ganz anderes. Der soziale Aspekt des Curlingsports steht viel mehr im Zentrum. Nach dem Spielen trinkt man noch was zusammen, unterhält sich und lernt neue Leute kennen. Das ist wirklich cool. Wenn man auf höherem Niveau spielt, kommt das zu kurz. Da zieht man auf dem Eis einfach sein Ding durch und geht wieder. Die Wettkampftage bestehen quasi nur aus Curlingspielen, Essen und Schlafen. Höchstens am Ende eines Turniers verbringt man etwas Zeit mit den anderen Spielerinnen.

Könnten Sie sich vorstellen, dem Curlingsport in einer anderen Funktion treu zu bleiben? Beispielsweise so wie Mirjam Ott, die als Trainerin das Team der Urdorferin Alina Pätz betreut.

Das ist durchaus möglich. Ich wurde vom Curling Club Limmattal auch bereits angefragt, ob ich mit den Junioren was machen möchte. Dieses Angebot habe ich aber vorerst abgelehnt. Ich möchte einfach mal einen Winter für mich haben, ganz ohne Verpflichtungen.

Was hat eigentlich den Ausschlag gegeben, dass Sie im März zurückgetreten sind?

Das hing sicherlich mit dem vierten Platz in Sotschi zusammen. Dass wir zwei Mal hintereinander die Olympiamedaille so knapp verpasst haben, war eine riesige Enttäuschung und nagt noch heute an mir. Danach war die Luft ein wenig draussen und wir wollten den Aufwand nicht noch einmal auf uns nehmen, vier Jahre so intensiv weiterzutrainieren. Vor allem auch weil der Curlingsport immer anspruchsvoller wird.

Inwiefern?

Wenn wir früher nach Kanada gereist sind und dort mehrere Turniere gespielt haben, haben wir zwischen den Einsätzen ein wenig Ferien gemacht. Das ist heute nicht mehr möglich. Seit den Olympischen Spielen in Vancouver ist das Curling viel professioneller geworden. Vor allem im physischen Bereich wird viel mehr gearbeitet. Jeder freie Tag wird genutzt, um zu trainieren. Viel mehr als die Curlinghalle, das Hotel und vielleicht mal noch ein Einkaufszentrum siehst du daher während des gesamten Aufenthalts nicht.

Wenn eine Karriere zu Ende geht, ist dies immer auch der Moment, um zurückzublicken. Was waren Ihre persönlichen Höhepunkte?

Die gesamten acht Jahre waren sehr schön. Es war eine tolle Erfahrung, dass wir so viel reisen konnten und Länder wie Südkorea besucht haben, die wir sonst wohl nie gesehen hätten. Wenn ich ein einzelnes Ereignis herauspicken müsste, wäre das der Weltmeistertitel 2012. Es ist ein tolles Gefühl, zuoberst auf dem Podest zu stehen und die Schweizer Nationalhymne zu hören. Auch die Gratulationen und die Zusprüche waren überwältigend.

Was bedeuten Ihnen solche Reaktionen, gerade auch von Personen ausserhalb Ihres nächsten Umfeldes?

Das ist extrem schön. An den Olympischen Spielen in Vancouver haben wir sehr viele Nachrichten aus der ganzen Welt erhalten. Leute haben uns geschrieben, dass sie unsere Leistungen verfolgten, dass wir ihre Lieblingssportler seien und dass sie wegen uns die ganze Nacht wach geblieben wären. In solchen Situationen wird einem erst bewusst, wie viele Menschen einem unterstützen. Und im kanadischen Vernon haben wir quasi unseren eigenen Fanclub, bestehend aus ausgewanderten Schweizern, die uns seit der WM 2008 jedes Jahr unterstützen, wenn wir dort spielen. Das ist schon sehr speziell.

Wie oft stehen Sie mit Ihren ehemaligen Teamkolleginnen in Kontakt?

Wir treffen uns natürlich viel weniger als früher; vielleicht noch etwa ein Mal alle zwei Monate. Wir haben aber noch immer unseren «Team Davos Gruppenchat», in dem wir uns regelmässig schreiben.