Herr Brühlmann, Schlieren hat mit dem Kanton eine Leistungsvereinbarung zur Integrationsförderung beschlossen. Damit sollen Lücken im Angebot geschlossen werden. Wo gibt es konkret noch Defizite?

Toni Brühlmann-Jecklin: Zum Beispiel in der Erstberatung von Neuzuzügern oder in der Sprachförderung. Auch gezielte Programme für Jugendliche fehlen noch. In diesen Bereichen planen wir ergänzende Projekte.

Zum Beispiel?

Bereits in der Pilotphase befinden sich der Infopoint Integration und die Tour der offenen Türen. Zudem planen wir einen Integrationskurs für Neuzuzüger sowie eine Integrationskonferenz, an der sich alle beteiligten Akteure regelmässig treffen können. Heute wird in verschiedenen Bereichen Integrationsarbeit geleistet, zum Beispiel auch mit der Spielgruppe Plus oder Deutschkursen. Zusammen mit der kantonalen Fachstelle und involvierten Akteuren wie Kirchen und Familienzentrum haben wir nun einen Überblick über Bedarf und Angebote der Integrationsarbeit erstellt.

Wie geht die Arbeit nun weiter?

In der aktuellen Phase wird das Programm noch weiter entwickelt. Wir müssen genau analysieren, wo Integration gefragt ist und wie wir Mittel, die noch nicht gebunden sind, dafür einsetzen. Da haben wir noch einen gewissen Handlungsspielraum.

Für die Integration sind jährlich knapp 200 000 Franken budgetiert. Bisher waren es 53 000 Franken. Ihnen steht also rund viermal so viel Geld zur Verfügung als zuvor.

Diese Rechnung stimmt so nicht ganz. Wir hatten früher schon verschiedene Ausgaben für die Integration, wie das Schüler-Mentoring oder spezifische Jugendkurse, die aber unter anderen Konten aufgeführt wurden. Mit der Leistungsvereinbarung werden diese nun entsprechend verbucht.

Die Gemeinden müssten gemäss Kanton für mindestens 45 Prozent der Kosten aufkommen. Schlieren berappt nun knapp 52 000 Franken, der Kanton rund 147 000. Wie kam es zu diesem vorteilhaften Deal?

Mit der Anerkennung dieser Leistungen im Rahmen der Leistungsvereinbarung können wir mit geringen Mehrkosten mehr Zuschüsse vom Kanton generieren. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu geniessen.

Inwiefern?

Der Kanton hat bis ja anhin schon bezahlt, etwa für Deutschkurse oder die Tour der offenen Türen. So viel mehr Geld bekommen wir nun nicht. Doch mit dem Anteil, den wir drauflegen, wird der Kuchen ein bisschen grösser.

200 000 Franken - ist das genug für eine Stadt mit einem Ausländeranteil von über 45 Prozent?

Für den aktuellen Bedarf stimmt diese Zahl. Es ist aber durchaus möglich, dass für zusätzliche Programmpunkte, die zurzeit in Planung sind, der Finanzbedarf noch wächst.

Es ist ein schmaler Grat zwischen zu viel und zu wenig Aufwand. Was entgegnen Sie Leuten, die meinen, mehr Integration mache Schlieren für Ausländer zu attraktiv?

Wir legen Ausländern keinen roten Teppich aus. Menschen, die auswandern, fragen sich ohnehin nicht zuerst, ob das Zielland gute Integrationsarbeit leistet. Es sind andere Motive, die diese Leute in die Schweiz führen. Viele von ihnen braucht die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft auch, man denke nur einmal an den Bedarf an Arbeitskräften im Pflegebereich. Es ist nicht so, dass wir mit der Integrationsarbeit die Immigration fördern wollen. Die findet sowieso statt.

Das Angebot ist also angemessen.

Ja. Ich bin überzeugt, dass die Aufgaben, die wir heute wahrnehmen, für ein friedliches Zusammenleben notwendig sind. Die Leute sind hier. Es ist doch nichts als recht, ihnen Strukturen zur Verfügung zu stellen, damit sie möglichst gut und schnell Fuss fassen können und sich hier auch ein wenig zu Hause fühlen.

Können mit den Integrationsausgaben andere verhindert werden?

Wenn wir eine Willkommenskultur pflegen, sind die Leute viel schneller bereit, sich auf unsere Regeln des Zusammenlebens einzulassen. So gibt es auch weniger Nachfolgeaufgaben, die man regeln muss, zum Beispiel in der Sonderpädagogik oder der Sozialhilfe. Es ist nicht ganz einfach, solche Zusammenhänge zu belegen, aber für die Frühförderung ist dieser Nachweis gemäss Fachleuten erbracht.

Die genannten Programme fokussieren auf Neuzuzüger sowie Kinder und Jugendliche. Wie erreicht man die übrigen?

Leute, die schlecht integriert sind, befinden sich auch häufig in prekären ökonomischen Verhältnissen. So können wir einige von ihnen über die Sozialhilfe erreichen, andere über die Arbeit mit Kindern, die sich in Strukturen befinden. Manchmal muss man Integrationsbemühungen nahe an die Menschen herantragen, um deren Isolation zu überwinden.

Auch im Rahmen der Entwicklung von Schlieren Südwest finden Integrationsprojekte statt. Was ist mit den übrigen Quartieren?

In Schlieren Südwest probieren wir aus und sammeln Erfahrungen. Was sich hier bewährt, kann man später auch auf andere Quartiere übertragen.

Der Kanton will mit den neuen Strukturen die Integration stärker in den Gemeinden verankern. Ist das mit der Auslagerung von Projekten an Externe wie die Asylorganisation Zürich noch erfüllt?

Ja. Wir müssen nach wie vor auf spezialisierte Institutionen zurückgreifen können. Alles andere wäre unsinnig. Die Verantwortung für die Organisation und die Qualitätskontrolle liegt nun aber bei uns.

Diese Aufgaben soll neu der Integrationsbeauftragte übernehmen. Die Stelle war Voraussetzung für die Vereinbarung mit dem Kanton. Ist er auch aus Schlieremer Sicht nötig?

Ja. Diese Aufgabe wurde früher schon ansatzweise von einer andern Organisation, der Antenne, wahrgenommen. Es ist wichtig, dass die einzelnen Teile der Integrationsarbeit koordiniert werden.

Der Kanton sieht dafür ein 70-Prozent-Pensum vor. Die Stadt hat nun 25 Prozent budgetiert. Geht das?

Diese 70-Prozent-Stelle würde auch Aufgaben wie die Erstinformation von Neuzuzügern beinhalten. Es ist aus unserer Sicht sinnvoller, gewisse Arbeiten auszulagern. Zudem wird der Integrationsbeauftragte eine Person sein, die sich mit den Strukturen der Verwaltung schon auskennt. So können Synergien genutzt werden.

Für gute Integration braucht es die ganze Gesellschaft. Wie viel kann die Stadt alleine überhaupt bewirken?

Der Leistungsausweis liegt eigentlich vor: Wir haben den grössten Ausländeranteil des Kantons, ohne deswegen mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert zu sein. Auch das muss einmal gesagt sein: Die Leute gehen gut miteinander um, ob im Bus, im Einkaufszentrum oder auf der Strasse.

Führen Sie das auf Ihre bisherige Integrationspolitik zurück?

Wir haben nie bei der Integration gespart. Schlieren hat soziale Fragen immer schon ernst genommen. Wir verfügen über einen hochprofessionellen Sozialdienst und eine gut ausgebaute Schulsozialarbeit, während andere Gemeinden in der Vergangenheit in diesem Bereich gespart haben. Auch unsere Polizei ist überdurchschnittlich gut besetzt. Das alles sind wichtige Beiträge zur Integration, weil sie helfen, Konflikte zu verhindern. Schlieren leistet seit Jahren viel für die Integration, ohne es an die grosse Glocke zu hängen.