In der Werkstatt der Birmensdorfer Firma Studer Schleifmittel bearbeitet Inhaber Walter Studer eine Schleifscheibe. Er trägt einen blauen Arbeitsmantel, Schutzbrille und Handschuhe. Aus dem Büro im hinteren Teil der Werkstatt tönen arabische Gesänge, unterlegt mit harten, pumpenden Elektrobeats.

Im Büro: Sein Sohn, Tom Studer (45), sitzt auf einem Drehstuhl zwischen Computer und Mischpult und schiebt die Tonregler rauf und runter. Gewaltszenen aus Palästina flimmern zum Takt der Musik über den Bildschirm: Bombenexplosionen, verletzte Kinder, islamistische Kämpfer mit langen Bärten, dazwischen das englische Wort «Why?» – warum?

Politik spiele in seinen Stücken eine wichtige Rolle, sagt Tom Studer: «Nebst dem Tod, Sex, Umweltschutz und persönlichen Themen». Der Birmensdorfer Familienvater arbeitet derzeit am Comeback seines Musikprojekts «Next Generation».

Im März erscheint das neue Album «Anniversaries and Splendid Tragedies», das er mit Unterstützung seiner früheren Bandkollegen Andy Rippstein und Gerry Ledesma komponiert, getextet und eingespielt hat – 23 Jahre nach dem letzten Album «Exposure». Der Name des neuen Albums spielt auf die Atom-Katastrophe im amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979 an.

«Ehrliche Musik aus Strom»

Hart wie die Themen klingt auch die elektronische Musik auf dem neuen Album. «Das ist ehrliche Musik aus Strom», schwärmt Studer über den Stil, der als Electronic Body Music bekannt ist. Schon während seiner Schulzeit hatte sich Studer mehr für elektronische Musik interessiert als für die Klarinette, die er im Musikverein Harmonie Birmensdorf spielte.

Mit seinen Freunden kaufte er ein paar grosse, schwere Synthesizer zusammen – das sind Musikinstrumente, auf denen mit Tasten, Knöpfen oder Reglern elektronisch Töne erzeugt werden.

1983 nahm Studer mit Bruno Perotto und weiteren Schulkollegen unter dem Bandnamen «Der Zivilschutz» ein Demo-Tonband auf und schickte es an das damals junge Radio DRS 3. «Wir steckten ein ‹Nötli› als Bestechungsgeld dazu. Und prompt spielte der Moderator unseren Song», erzählt er. Das Lied «Sex und Du» wurde sogar in der damaligen DDR von Radio DT64 ausgestrahlt. «Im Bereich der Electronic Body Music waren wir damals Pioniere in der Schweiz», so Studer.

1986 gründete er die Band Next Generation, nachdem er den «Zivilschutz» verlassen hatte. Schon nach einem Album wandte sich Studer allerdings von seinem «Baby» ab, um sich einem anderen Kind widmen zu können: Seine erste Tochter war geboren. «Ich stand vor dem Entscheid, vollberuflich Musiker zu werden oder eine Familie zu gründen.»

Album für die verstorbene Mutter

Im Gegenzug war es seine Familie, die ihn vor ein paar Jahren wieder an die Musik heranführte: Seine Schwägerin arbeitete in der Schule für Körper- und Mehrfachbehinderte in Wollishofen und brauchte für ein Sommerfest ein Lied zum Thema Planeten. «Ich habe zugesagt und mich ganz sachte wieder an die Technik herangetastet», sagt Studer.

In einer Ecke des Wohnzimmers experimentierte er mit Sequenzer-Programmen am Computer, die inzwischen die alten, schweren Synthesizer ersetzt hatten: «Heute mache ich meine Musik fast nur noch virtuell am Computer.» Das Experiment kam gut an – auch bei der heute 20-jährigen Tochter von Studer, wie er stolz erzählt: «Sie sagte: ‹Hey, solchen Sound hört man heute wieder›.»

Nachdem seine pflegebedürftige Mutter im Frühling 2009 verstorben war, arbeitete der Birmensdorfer wieder intensiver an seinen Musikprojekten. «Das gesamte neue ‹Next Generation›-Album ist meiner Mutter gewidmet», sagt er. Und fügt schmunzelnd hinzu: «Auch wenn ihr der Musikstil vermutlich nicht gefallen hätte.»

Nebst seinem neuen Album plant Studer auch «einige ausgewählte Auftritte», für die er noch einen E-Schlagzeuger sucht. Aber nicht mehr wie in den 80er-Jahren, als er und seine Bandkollegen als Exoten an Rockfestivals auftraten. «Das war Bullshit. Heute spiele ich nur noch für Leute, die meine Musik wirklich hören wollen», sagt Studer, während sein Fuss pausenlos zum Takt der harten Elektroklänge wippt.

Weitere Infos im Internet unter: www.thenext-generation.ch