Der Wind ist rau geworden in der politischen Landschaft. Nationalisten und Populisten schüren Ängste und treiben die gesellschaftliche Spaltung voran. Ein gutes Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft widerstrebt den meisten von ihnen. Dagegen will Judith Bühler vorgehen. Die Leiterin des Vereins Jass, der sich für eine inklusive Gesellschaft einsetzt, sammelt positive Einflussfaktoren für das Miteinanderleben. So entstand die Idee für die Podiumsdiskussion «Zusammen leben mit Zukunft» mit anschliessendem Fondue-Essen, die der Verein am Sonntag zusammen mit der Fachstelle für Integration der Stadt Schlieren im Familienzentrum durchführte.

Gekommen waren rund 30 interessierte Besucherinnen und Besucher. Moderatorin Bühler stellte ihre vier Gäste fürs Podium zu Beginn vor. Nur schon die Vielfalt der Diskussionsteilnehmer offenbarte die Themenbreite und -komplexität. Der Limmattaler Muris Begovic setzt sich als Islamwissenschaftler für den interreligiösen Dialog ein. Er ist Imam und Seelsorger in Gefängnissen und Spitälern. Von 2007 bis 2014 war er stellvertretender Imam der bosnischen Moschee in Schlieren. Zudem spielt er beim FC Religionen Fussball, wie er sagte. «Heute fehlen mir an diesem Podium die anderen Mitspieler wie etwa der Rabbi oder der Pfarrer, weil alle Religionsvertreter mit dabei sein sollten.» Beim FC Religionen seien sie ein Team und hätten das Ziel, zusammen zu gewinnen, sagte der 38-Jährige.

Ebenfalls mit dabei war Nora Howald aus Zürich. Als Siedlungscoach arbeitet sie in Genossenschaftssiedlungen, wo sie ein gutes Miteinander unterschiedlicher Menschen fördert. Dass man sich kenne, trage viel zum Wohlbefinden bei, sagte Howald. Deshalb empfehle sie allen Neuzuzügern, einen Kennenlern-Apéro zu organisieren. «Wenn man weiss, dass der Nachbar Tramchauffeur ist, hat man auch mehr Verständnis dafür, dass dieser um vier Uhr morgens duscht.»

Als Dritter in der Runde diskutierte der Schlieremer Stadtpräsident und Kantonsrat Markus Bärtschiger (SP) mit. Seit er Stadtpräsident ist, werde er auf der Strasse vermehrt in seiner politischen Rolle angesprochen und seltener als Mensch. Schon sein Vater war Politiker und dieser habe ihm den Rat mitgegeben, dass man als Politiker eines richtig tun könne; und zwar auf der Strasse «Grüezi» sagen. Nur einmal spätabends im Londoner Soho-Quartier habe er wegen dem Grüssen eine Rüge von einem Polizisten erhalten, weil es gefährlich sei, in dieser Gegend zu dieser Uhrzeit so freundlich zu sein.

Komplettiert wurde das Podium von SP-Gemeinderätin Yvonne Apiyo Brändle-Amolo. Sie habe sechs verschiedene Vornamen von ihrer Mutter erhalten und sei Mitglied vieler Minderheiten, führte Bühler ein. Brändle-Amolo bezeichnete sich als "Fem-Artivistin". Sie drücke ihre feministische und politische Haltung in der Kunst aus. Im Laufe des Gesprächs rang sie sich durch, auch unangenehme Erfahrungen zu teilen, wie wiederholte respektlose Anreden von fremden Menschen an der letzten Schlieremer Chilbi.

Zusammen Essen und Denken

In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass Toleranz allein nicht genügt, sondern eine reflektierte Haltung und Respekt zentrale Faktoren für ein gutes Zusammenleben sind. Dies sei bereits in der Bundesverfassung verankert, sagte Bühler und zitierte daraus den siebten Artikel: «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.» Eine gute Gelegenheit, das Miteinander zu üben, sei es, Menschen übers Essen, Denken oder die Partizipation zusammenzubringen, bilanzierte Siedlungscoach Howald. Als gutes Übungsfeld fürs Miteinander bot sich das Fondue-Essen nach dem Gespräch an.

Beim gemütlichen Zusammensein erzählte die 32-jährige Larissa Sundermann aus Zürich: «Vor zwei Jahren zog ich aus Deutschland hierher. Auch wenn man mir nicht direkt ansieht, dass ich keine Schweizerin bin, habe ich mit ähnlichen Problemen und Vorurteilen zu kämpfen.» Es sei schön, dass unterschiedliche Personen zu Wort kamen und Gemeinsamkeiten fanden. Gleicher Meinung war der 60-jährige Schlieremer Dinu Egger: «Mir gefällt der Gedanke, dass wir alle Menschen und nicht so verschieden sind, wie man zuerst denken könnte.» Auch die Integrationsbeauftragte der Stadt Schlieren, Dascha Krizan, war angetan vom Anlass: «Wichtige Themen betreffend das Zusammenleben kamen zur Sprache und das Publikum konnte mitreden.»