Maulend zerren die drei Männer ihre Rollköfferchen vom Bahnhofprovisorium über den gekiesten Weg den stotzigen Hang hoch. Oben schlackern Mountainbiker mit ihren übersäuerten Waden, Kinder staunen über die Absperrung hinweg auf das Zürich in Puppenhausformat hinunter. Wir sind auf dem Üetliberg, 871 Meter über Meer.
Und plötzlich steht er da. Timon Abegglen, 30 Jahre alt, Ultramarathon-Läufer, eben von Windisch nach Birmensdorf gezogen. Wie aus dem Nichts ist er über den Rand der Aussichtsplattform geschossen, mit einem letzten grossen Schritt. Stallikon - Üetliberg innert 24 Minuten und er atmet noch nicht einmal angestrengt.

20 Stunden rennen

Die Strecke Stallikon - Üetliberg - Birmensdorf ist Abegglens Heimweg. Er trainiert pro Woche 25 bis 28 Stunden, davon rennt er allein 20. Daneben arbeitet er Vollzeit als Abteilungsleiter Druckstufe im Druckzentrum in Stallikon und macht die Ausbildung zum Fitnessinstruktor. Eben ist er vom «Marathon des Sables» aus der Sahara zurückgekehrt; mit 223 Kilometern in den Beinen, gelaufen bei Temperaturen um 50 Grad Celsius bei Tag, und solchen um den Gefrierpunkt bei Nacht. Bei 1024 Startern hat er sich auf Rang 59 gekämpft. Es fällt einem schwer, da zu glauben, dass Abegglen vor fünf Jahren noch keine Treppe hochgestiegen sein soll, ohne ausser Atem zu sein.

«Genau so wars», sagt Abegglen und streckt die Beine aus. Er habe sich damals erschrocken, dachte, er würde seinen 30. Geburtstag so nicht mehr erleben. «Ich habe mir alte Turnschuhe angezogen und bin losgerannt. Nach einem Kilometer habe ich gekotzt.» Aus dem einen Kilometer wurden immer mehr, jede Woche. 42 Runden legte er jeweils am Vita Parcours in Windisch zurück. Bis sein Vater 2010 mit der Idee des Wüstenmarathons kam. «Bis dahin war ich noch keinen einzigen Wettkampf gelaufen», sagt er und lacht.

Füsse schwellen um 3 Nummern an

Zur Vorbereitung läuft er ein knappes halbes Jahr später den Marathon in Zürich und verletzt sich, beendet das Rennen aber. Drei Monate später rennt er am Swissalpine K78 mit, dem ersten Ultramarathon seiner Karriere. 79,1 Kilometer über 4700 Höhenmeter in unter zehn Stunden. Die Landschaft, der Wettkampf, die Schmerzen und der Kampf mit sich selbst, der Zieleinlauf. All das überwältigt Abegglen, nie zuvor hat er etwas Vergleichbares erlebt. «Ich habe Laufen zum Lebenssinn erhoben», sagt er und lacht.

In der Wüste Marokkos muss Abegglen 2012 merken, dass körperliche Fitness allein zum Ultramarathon-Laufen nicht reicht. Seine Füsse schwellen in der enormen Hitze um drei Schuhgrössen an. Es dauert eine Stunde, bis er die Füsse in die Schuhe gezwängt hat. 130 Kilometer weit quält er sich durch den Sand, dann gibt er auf. Doch die Motivation ist ungebrochen, Abegglen giert nach mehr. Er plant sogar ein zweijähriges Projekt: 3700 Kilometer quer durch Wüsten, Dschungel und Gebirge rennen, 16 Ultramarathons auf allen sieben Kontinenten absolvieren. Dafür sucht er nun Sponsoren. «Es gibt zwei Sorten Leute», sagt er.

«Die, die etwas erreichen und darin besser werden wollen. Und Leute wie ich, denen es nicht um die Zeit geht, sondern um die gesamte Herausforderung, die gesteigert werden muss, um das Abenteuer.» Das Rennen sei wohl spannend, aber das Abenteuer erst motivierend.

«Weil ich es kann»

Abegglen bezeichnet sich selbst als «leicht fanatisch», als «zielstrebig» und «lösungsorientiert». Aussenstehende sind versucht, ihn als Spinner zu bezeichnen. Abegglen kennt das, die Reaktionen würden meist so ausfallen, sagt er, und verstehen würden ihn sowieso nur die Wenigsten. Manchmal hat er auch keine Lust, darüber zu reden. «Wenn mich einer fragt, warum ich das tue, sage ich: Weil ich es kann. Ganz einfach.»

Sein Leben hat sich durch das Laufen komplett verändert. Freundschaften zerbrachen, neue kamen dazu, Zeit für eine Partnerschaft bleibt nicht mehr. Aber Abegglen ist zufrieden. «Ich bin sehr viel strukturierter, muss mehr unter einen Hut bringen», sagt er. «Ich gehe Hindernisse anders an, bin zuversichtlicher, positiver, ausgeglichener.»

Hat er es nie bereut, sich so auf das Laufen zu konzentrieren? «Gegen negative Gedanken bist du nie gefeit, beim Laufen fragt man sich oft, warum man sich so etwas antut.»
Aber bereut, bereut habe er diesen Weg nie. «Laufen ist für mich kein Beruf, kein Hobby - sondern eine Berufung, eine Leidenschaft. Es gibt mir so unglaublich viel.» Sagt es, wirft seinen Rucksack über und macht sich auf den Heimweg. Üetliberg - Birmensdorf. «In 20 Minuten bin ich zu Hause», sagt er, lacht und rennt los. Er verschwindet