In dem gemütlichen Hinterhof an der Bergstrasse in Urdorf spielen einige Kinder. Eine alltägliche Szene auf einem Schulhof, könnte man meinen. Nur etwas fällt auf: Die Kinder wollen offenbar nichts miteinander zu tun haben – sie spielen jedes für sich in einer anderen Ecke des Hofs. Für autistische Kinder ein übliches Verhalten.

Die öffentlich finanzierte Tagesschule der Stiftung «Kind & Autismus», zu der der Schulhof gehört, ist in der Schweiz einzigartig. Neben einer privaten Schule in der Westschweiz ist die Urdorfer Stiftung die einzige Schweizer Institution, die einen Schulbetrieb führt, der ausschliesslich auf autistische Kinder ausgerichtet ist. Dies erfordert einen immensen Betreuungsaufwand: Für die 36 betreuten Kinder zwischen 4 und 18 Jahren sind 65 Mitarbeitende im Einsatz, mehr als die Hälfte davon pädagogische Mitarbeiter.

Autismus ist eine Entwicklungsstörung, die zu einer extremen «Abkapselung» von der Umwelt und zu eingeschränkten, sich wiederholenden Verhaltensmustern führt. Die Bemühungen der Tagesschule richten sich daher vor allem darauf, den Kindern die Integration in die Gemeinschaft zu erleichtern und ihnen ein besseres Gefühl für sich und ihre Umwelt zu vermitteln.

Kinder sprechen auf Tiere an

Eine vielversprechende Therapieform ist der Kontakt von autistischen Kindern mit Tieren. Ein Hof in Wettingen, der von Sozialtherapeutinnen der Stiftung «Begegnung mit Tieren» geführt wird, ist auf solche Therapien spezialisiert. Die Urdorfer Schule nimmt dieses Angebot seit Kurzem in Anspruch – mit Erfolg: «Unsere Kinder sprechen enorm gut auf die Tiere an», sagt Annette Haug, Gesamtleiterin der Stiftung «Kind & Autismus». Weil die Kinder auf unterschiedliche Tiere ansprechen, sei die grosse Auswahl auf dem Hof ideal.

Davon, dass dieses Therapieangebot eine gute Sache ist, liess sich Anfang September auch die Katholische Kirchgemeinde St. Johannes in Geroldswil überzeugen, die jährlich etwa 2200 Franken für ein gemeinnütziges Projekt spendet. Da diese Spende immer zweckgebunden ist, leistet sie dieses Jahr einen direkten Beitrag daran, dass die Urdorfer Schülerinnen und Schüler den Hof in Wettingen besuchen können.

«Obwohl dies nicht ausschlaggebend sein sollte, freut es uns natürlich, ein Projekt in der Nähe unserer Kirchgemeinde zu unterstützen», sagt Hans Hintermann, Präsident der Kirchenpflege. Vorgeschlagen wurde die Spende von Kirchgemeinde-Mitglied Brigitte Geyer, die in ihrem Freundeskreis selbst Erfahrungen mit Autismus gemacht hat. Sie weiss daher um die Schwierigkeiten: «Ein autistisches Kind ist eine enorme Belastung für die Eltern», erzählt sie. «Im Gegensatz zu anderen Behinderungen ist Autismus nicht sofort sichtbar. Der Umgang mit dem Verhalten der Kinder in der Öffentlichkeit ist für die Eltern daher besonders schwer.»

Hilfe für Eltern und Fachleute

Gesamtleiterin Haug bestätigt diese Erfahrung. «Oft werden Eltern in der Öffentlichkeit angefeindet, weil Fremde davon ausgehen, dass das auffällige Verhalten ihres autistischen Kindes auf Erziehungsfehler zurückzuführen ist», erzählt sie. Um überforderten Eltern und Fachleuten unter die Arme zu greifen, führt die Stiftung auch ein Beratungs- und Schulungsangebot.

Die Räume der Stiftung in Urdorf, wo die Beratungsstelle, die Verwaltung, die Übernachtungs- und Essräume sowie die Schule untergebracht sind, sind auf die Bedürfnisse der autistischen Kinder zugeschnitten. Gegessen wird etwa in kleinen Gruppen, weil die Kinder sonst überfordert sind und keinen Happen herunterbringen. Einige von ihnen sitzen dabei auf speziell konstruierten Stühlen, die möglichst viel Kontakt mit dem Körper herstellen.

«Ein autistisches Kind muss die adäquate Interaktion mit seiner Umwelt in harter Arbeit Schritt für Schritt erlernen», erzählt Haug. «Gesichtsausdrücke zum Beispiel muss es mit Unterstützung von Fotos oder Symbolbildern bewusst lesen lernen.» Der Kontakt mit Tieren ermöglicht den Kindern vor allem, ein besseres Körpergefühl zu erlangen. «Viele autistische Kinder haben entweder zu viel oder zu wenig Körperspannung», sagt Haug. «Wenn sie auf einem Esel reiten, können wir oft erstaunliche Verbesserungen feststellen.» Wie nachhaltig diese Therapieform sei, sei jedoch noch nicht genau bekannt. «Wir machen das nun während eines Jahres und können dabei hoffentlich viel beobachten.»

Obwohl das Bewusstsein für Autismus in der Schweiz vergleichsweise hoch sei, bleibe in diesem Bereich noch viel zu tun, betont Haug. So sei etwa noch nicht einmal erhoben, wie viele Menschen in der Schweiz von Autismus betroffen seien. Schätzungen gingen jedoch von 0.6 bis 1 Prozent der Bevölkerung aus.