Unterengstringen

Tierauffangstation erhält anonymen Drohbrief - wegen lärmenden Pfauen

In einem anonymen Brief an die Tierauffangstation Schinzenbrünneli in Unterengstringen fordern «lärmgeplagte Anwohner», die Pfauen sollen abends in Ställen eingeschlossen werden. Sonst wolle man zu «anderen Mitteln» greifen.

«Genug ist genug»: Der anonyme Brief, den Nicole Baumeler erhalten hat, spricht eine deutliche Sprache. Im Schreiben beklagen sich die «lärmgeplagten Anwohner», dass die Pfauen der Tierauffangstation Schinzenbrünneli in Unterengstringen tagsüber lärmen würden. Auch nachts sei es manchmal so laut, dass «nicht an Schlaf zu denken ist».

Die Leiterin schüttelt den Kopf: «Mir tut es wirklich leid, wenn sich jemand über die Pfauen aufregt.» Was sie aber gar nicht verstehen könne, sei die Tatsache, dass die Absender nicht zu ihrem Schreiben stehen. «Bei Problemen sollte man das Gespräch suchen und diese persönlich klären», sagt die 43-Jährige. Sie sei sicher bereit, etwas zu unternehmen. Ein anonymer Brief hingegen, das finde sie gar nicht fair.

Baumeler hat die Auffangstation für verletzte und verstossene Kleintiere vor 25 Jahren nahe dem Kloster Fahr gegründet. Heute lebt sie im «Schinzenbrünneli» mit ihrem Sohn und ihrem Freund sowie rund 140 Tieren. Die Pfauen Lourdes, Maui, Ritschi und Buddy sind vier davon. Die beiden braunen Weibchen hält Baumeler seit gut acht Jahren, die Männchen Ritschi und Buddy sind vor drei Jahren hinzugestossen.

Pfauen erwarten Nachwuchs

Seit April befinden sich die Tiere in der Balzzeit. «In dieser Phase schreien die Männchen, um die Weibchen anzulocken.» Lourdes und Maui sind zurzeit daran, an einem vor Marder und Füchsen geschützten Ort je vier Eier auszubrüten. Weil Ritschi und Buddy den Weibchen nur selten über den Weg laufen, schreien sie am Tag und in der Nacht häufiger als sonst nach ihnen. Auch ausserhalb der Balzzeit werden die Pfauen nachts laut; dann allerdings schreien sie, um vor Eindringlingen und Gefahren zu warnen. «Wir sind ja auch froh, wenn die Balzzeit vorüber ist», sagt die Leiterin. Jedoch würde sie sich in dieser Phase mehr Verständnis wünschen. Schliesslich, so Baumeler, liege man auch mitten in der Natur und der landwirtschaftlichen Nutzzone: Die nächsten Anwohner der Tierauffangstation befinden sich nördlich der Autobahnunterführung sowie auf der anderen Seite der Limmat. Sie vermutet, dass der Brief von Bewohnern der Schlieremer Wohnsiedlung gegenüber stammt. «Wenn die Pfauen in der Nacht auf den Tannenbäumen schlafen, dann befinden sie sich in etwa auf der gleichen Höhe wie die Siedlung», sagt Baumeler. Sie könne sich nicht vorstellen, dass das Schreiben von Anwohnern oberhalb der Autobahn stamme.

Bereits vor drei Jahren gab es einen Vorfall. Damals führte das Veterinäramt im «Schinzenbrünneli» eine Kontrolle durch: Weil Baumeler nicht über eine Wildtierpfleger-Ausbildung verfügte, drohte ihr das Amt mit der Schliessung. Sie erlangte das Diplom und führte ihre Auffangstation in Zusammenarbeit mit drei Tierärzten weiter. «Danach hatten wir wieder Ruhe», sagt sie, «bis zum Moment, als der Brief eintraf.» Vielleicht, so Baumeler, stecke ja dieselbe Person dahinter.

«Gesetzliche und andere Mittel»

Die «lärmgeplagten Anwohner» fordern die Leiterin auf, die Pfauen abends in ihre Ställe einzuschliessen, «sodass die Lärmbelästigung aufhört.» Weiter ist zu lesen: «Falls Sie unserer Bitte nicht nachkommen, werden wir alle gesetzlichen Möglichkeiten und andere Mittel ausschöpfen, damit die Belästigung gegenstandslos wird.» Baumeler wird nun versuchen, die Tiere am Abend Richtung Voliere zu jagen. Sie könne jedoch nicht garantieren, dass die Pfauen jede Nacht auch hineingehen werden. «Es sind Fluchttiere. Wenn sie merken, dass man sie einfangen will, fliegen sie davon.» Die Voliere steht denn auch immer offen. Nur: «Sie gehen nur ungern hinein.» Um die Situation zu entschärfen, hat Baumeler auch in Erwägung gezogen, über das Schweizer Magazin «Tierwelt» Ratschläge einzuholen. Den Pfauen die Stimmbänder entfernen, damit sie nicht mehr schreien, das hingegen käme für die Leiterin nicht infrage: «Das wäre Tierquälerei.»

Auf einem Plakat am Rande des Fusswegs, der durch das Areal führt, ist der Brief seit einigen Tagen auch für Spaziergänger sichtbar. Trotz der klaren Worte, die darin zu lesen sind, ist für die Leiterin klar: «Die Tiere gebe ich auf keinen Fall weg.»

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