Je weniger Gegenstände auf seinem Schreibtisch sind, um so sicherer ist Thomas Winkler. Der Dietiker Stadtammann achtet genau darauf, was auf seinem Pult liegt, denn plötzlich kann alles auf ihn zufliegen. «Ein Brieföffner wäre gefährlich», sagt der 42-Jährige. Schliesslich werde es in seinem Büro ab und zu Mal laut. «Irgendwo entladen sich die Probleme. Die Chance ist hoch, dass dies bei uns passiert.»

Seit drei Monaten ist der 42-Jährige jetzt Stadtammann und Leiter des Betreibungsamtes. Tatsächlich ist der riesige Schreibtisch im Büro an der Poststrasse 14 leer. Ausser Gesetzbuch, Bostitch und Füllfederhalter liegt dort rein gar nichts; es wirkt, als ob Winkler noch keine Zeit hatte, sich einzurichten. Winkler widerspricht: «Ich bin gut gestartet.» Der leere Schreibtisch habe einen anderen Grund: «Ich habe aus Prinzip immer nur etwas auf dem Pult.» Was erledigt ist, landet sofort im Archiv.

Er muss Autos «beschlagnahmen»

Doch der leere Schreibtisch trügt: An Arbeit fehlt es Winkler nicht: 10 000 Betreibungen gibt es in Dietikon pro Jahr, im Kanton Schaffhausen, wo der Jurist bis Ende April arbeitete, waren es 16 000 Fälle auf die doppelte Bevölkerungszahl. «Man merkt schon, dass in Dietikon ein höherer Anteil an Leuten mit Schulden wohnt», sagt Winkler.

Jede Akte, die über seinen Schreibtisch geht, erzählt ein menschliches Schicksal. Manchmal sind es Tragödien. Als Winkler einmal bei einer Frau pfänden musste, ging diese aufs Dach und wollte springen.

Erst der Polizeipsychologie konnte sie beruhigen. «Wohnungsausweisungen sind ein emotionaler Moment, gerade wenn jemand keine neue Wohnung hat», sagt Winkler. Sieben solche Fälle behandelten die Dietiker Behörden dieses Jahr bereits.

Sie gehören ebenso zum Aufgabenbereich des Stadtammanns wie alle anderen Vorgänge, die das Beamtendeutsch mit «Vollstreckungsaufgaben» umschreibt: Kann jemand seine Wohnung oder sein geleastes Auto nicht mehr bezahlen, ordnet das Bezirksgericht den Entzug des Autos oder die Ausweisung aus der Wohnung an. Ausführen muss das Urteil der Stadtammann.

Nicht immer ist das einfach: Steht ein Auto in Schlieren, darf das der Dietiker Stadtammann nicht anrühren. Briefkästen sind oft bewusst nicht angeschrieben. «In Schaffhausen wussten die Nachbarn Bescheid. Hier ist das in gewissen Quartieren nicht der Fall», sagt Winkler.

Acht Jahre lang war der Jurist zuvor Vorsteher des kantonalen Konkursamtes in Schaffhausen. Von dort aus war dem Familienvater die Distanz zum Wohnort in der Innerschweiz zu gross. Als in Dietikon Urs Vogel nach 24 Jahren als Stadtammann aufhörte, ergriff Winkler die Chance.

Mehr Junge mit Geldproblemen

Beängstigend ist für Winkler die Zunahme junger Betriebener, deren Akten auf seinem Tisch landen. «Die Jugendverschuldung ist ein Riesenthema. Früher kamen oft Ausländer zu uns, die sich nicht zurechtgefunden haben, oder wir hatten Scheidungsfälle, bei denen die Alimente nicht bezahlt wurden.»

Sein Beruf habe seinen Umgang mit Geld nicht verändert, sagt der Leiter des Betreibungsamtes. «Ich bin schon immer bewusst damit umgegangen.» Auf dem zweiten Bildungsweg wurde er Jurist, nachdem er die Handelsschule gemacht hatte. Während seines Studiums arbeitete er für Bekannte, die Probleme mit säumigen Schuldnern hatten. «Das hat das Interesse für die Materie geweckt», sagt Winkler, der in seiner Freizeit gerne Velo und Motorrad fährt.

Pfändung in Wohnung ist selten

Auch Pfändungen führt Winklers Behörde durch. In den meisten Fällen müssen die Beamten dafür nicht mehr ausrücken. 95 Prozent der Pfändungen würden über den Lohn laufen, der Gang in die Wohnung sei selten - und auch nicht besonders ergiebig: «Für Möbel und Elektrogeräte gibt es kaum einen Occasionsmarkt, Autos sind geleast und teure Möbel hat man oft auch nicht», sagt Winkler.

Geht der Mann im dunklen Anzug trotzdem zu jemandem nachhause, weiss er nicht, was ihn erwartet. Gerade eben besuchte er eine junge Frau, die gegen aussen völlig unauffällig wirkte. «In ihrer Wohnung konnte ich nicht einmal den Aktenkoffer abstellen», sagt Winkler. «Wir sind die Instanz, die Verwahrlosungsfälle entdeckt.»

Doch Winkler kann auch positive Erlebnisse aufzählen. Er erinnert sich an einen Mann, der «kaum Rechnungen schrieb und auch fast keine bezahlte». Winkler hat ihn fast genötigt, einen Treuhänder zu engagieren. Nach zwei Jahren war er schuldenfrei und bedankte sich beim Betreibungsbeamten, auf dessen Tisch damit eine Akte weniger lag.