Sonntagsgespräch
Thomas Lutz aus Dietikon ist beim FC Zürich fürs Soziale verantwortlich

Dass Fussballvereine sich in sozialen Projekten betätigen, ist hierzulande eher wenigen bekannt. Thomas Lutz aus Dietikon war Primarlehrer und ist jetzt beim FC Zürich fürs Soziale zuständig - und hat dort schon einiges bewirkt.

Flavio Fuoli
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Thomas Lutz aus Dietikon, beim FC Zürich fürs Soziale zuständig.

Thomas Lutz aus Dietikon, beim FC Zürich fürs Soziale zuständig.

Flavio Fuoli

Weshalb hat der FC Zürich soziale Projekte nötig?

Thomas Lutz: Als Fussballverein haben wir auch eine soziale Verantwortung, die wir schon immer wahrgenommen haben. Es war eine Idee von Präsident Canepa, die sozialen Projekte noch weiter auszubauen. Wir denken, man kann mit Fussball ganz viele Kreise einfacher erreichen und auch etwas zurückgeben. Der FCZ ist eine gute Marke, damit gibt man der Gesellschaft etwas zurück.

Sozial engagierter Fan

Der Dietiker Thomas Lutz (62) war von 1980 bis 2012 Primarlehrer in Dietikon. Er wohnt seit 1981 in der Limmattaler Gemeinde. Lutz ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder sowie zwei Enkelkinder. Seine Hobbys sind Musik, er singt und spielt Gitarre und Fussball. Er ist seit je Fan des FC Zürich. Seit Januar 2012 ist er Leiter soziale Projekte beim FC Zürich. Er ist Inhaber einer Saisonkarte beim Stadtklub. (fuo)

Braucht ein Sportverein eher ein sozialeres Image als ein Industrieunternehmen?

Viele Beispiele finden wir bei ausländischen Vereinen, allen voran beim FC Liverpool, der seit Jahren viel macht.

Waren Sie schon einmal dort?

Ja. Der FC Liverpool beschäftigt sehr viele Angestellte in seiner Sozialabteilung, die in Form einer Stiftung organisiert ist, der Liverpool Foundation. In England sind viele Clubs auf diese Weise miteinander verbunden. Ein Leitsatz ist, in Sachen Armut und Kriminalität könne man mit Fussball viel bewegen. Dem stimme ich zu.

Wo liegen beim FCZ die Schwerpunkte der sozialen Arbeit?

Im Moment bei den Schulbesuchen. Wobei das ein Projekt ist, das punktuell und nicht flächendeckend durchgeführt wird. Wir haben im Herbst nach Zufallsprinzip Schulen ausgewählt.

Wie muss man sich einen Schulbesuch des FCZ vorstellen?

Die Schulen können sich anmelden. Aus der Stadt gingen insgesamt 30 Anmeldungen ein. Im Herbst 2012 führte ich rund 20 Schulbesuche durch. Ich gehe dabei, wenn möglich ist, mit einem Spieler der ersten Mannschaft in eine Schulklasse.

Was passiert dann?

Ich erzähle mithilfe von Bildern die FCZ-Geschichte und weise darauf hin, dass ich nicht Reklame für den Verein betreiben, sondern zeigen will, wie das Ganze ein stetes Auf und Ab ist, wie im Leben der Kinder auch. Es gibt keine Garantien für Erfolg. Ich will dabei jedoch nicht moralisieren. Ein Teil der Lektion ist dem Spieler gewidmet. Ich interviewe ihn und er erklärt, dass es bis zum Erfolg harte Arbeit braucht. Den letzten Teil des Besuchs gestalten wir in Form einer Sportlektion in der Turnhalle. Sie wird von einem Trainer der Letzikids geleitet. Das heisst, wir besuchen eine solche Klasse mit drei Leuten.

Wie kommt der Verein mit seiner sozialen Arbeit bei den Beteiligten an?

Die fanden das jeweils sehr gut und sagten, wir würden viel bieten. Absoluter Höhepunkt ist für die Schüler das Kennenlernen des Spielers.

Verstehen die Spieler der ersten Mannschaft den Wert der sozialen Arbeit?

Ich war schon vier Mal mit Ludovic Magnin in den Schulen, der hat das schon begriffen. Auch Torhüter David da Costa gefiel die Idee.

Gibts auch Gegenbeispiele?

Nein, ich könnte von niemandem etwas sagen. Gefallen hats allen, auch Spielern der U21-Mannschaft. Sie fanden es interessant, über ihren Beruf zu sprechen.

Was ist die Hauptaufgabe in Ihrem Job?

(Lacht.) Eigentlich Projekte zu erfinden und zu lancieren. Im Moment haben wir noch das Projekt Behindertensport, das zum Ziel hat, zwei Mannschaften aufzustellen, und zwar ein Jugend- und ein Erwachsenenteam. Die werden dann in den Leibchen des FCZ an Turnieren teilnehmen.

Und das klappt auch?

Da bin ich noch am Organisieren. Letztes Jahr bestritten wir ein Turnier mit einer Behindertenmannschaft im Rahmen eines U15-Turniers in Schwamendingen. Es gibt aber auch Turniere. Da kamen Behinderte aus Manchester, Liverpool, Hoffenheim, Österreich, Liechtenstein und Abu Dhabi. Wir haben noch vieles vor.

Sie sind ein alter FCZ-Fan. Das muss ein Traumjob sein, so inmitten dieses Grossvereins tätig sein zu können.

(Lacht.) Ich helfe ja sonst auch noch bei den Heimspielen mit. Das ist ein ganz kleiner Job. Ich helfe, die Einlaufkids zu betreuen. Das ist toll, da kommt man in Tuchfühlung mit der ersten Mannschaft. Das erlebt man sonst als Fan nicht.

Also doch ein Traumjob?

Ich muss fast sagen ja, grundsätzlich schon.

Sie bewegen sich auch im Umfeld der Klubführung. Wie muss man sich den inneren Zirkel des Stadtklubs vorstellen?

Ich habe nicht viel mit der Klubführung zu tun, aber ich kenne das Umfeld der ersten Mannschaft gut, die Trainer und Assistenztrainer. Und selbstverständlich treffe ich auch mal Präsident Ancillo Canepa.

Wie nahe sind Sie an Präsident Ancillo Canepa?

Ich kenne ihn und er kennt mich. Wir haben uns auch privat im Rahmen eines Festes getroffen und wir haben gemeinsame Bekannte.

Erhalten Sie von der Führung des Vereins genügend Unterstützung bei Ihrer Arbeit?

Es ist klar, dass soziale Projekte nicht im Zentrum des Vereins stehen, das kann ja nicht sein. In England müssen die Vereine sich sozial engagieren, das wird auch in der Schweiz so werden. Es gibt hierzulande auch andere Vereine, die soziale Abteilungen führen, zum Beispiel der FC Thun.

Wie erleben Sie die einzelnen Spieler? Ludovic Magnin soll ein sehr lustiger Kerl sein.

Mit Ludovic Magnin hatte ich es sehr gut. Er ist zwar nicht mehr Spieler, aber noch populär. Er hatte die Zeit, in die Schulen zu kommen. Ich empfand alle Spieler als sehr positiv. Die hatten keine Starallüren und machten in den Sportstunden mit Freude mit.

Spüren Sie bei Ihrer Arbeit die derzeitige Krise beim FC Zürich?

Erstaunlicherweise nicht wirklich. Doch ich kann da nur für die Schulbesuche sprechen. Die Kinder reagieren genau gleich, ob der FCZ verloren oder gewonnen hat. Ich hatte ein gutes Erlebnis mit Asmir Kajevic, einem Spieler aus Montenegro. Er spricht kein Deutsch. Da führten wir das Interview in Englisch durch. Die Klasse bekam so gleich noch eine Englischlektion mit auf den Weg. Und auch Kajevic hatte seinen Spass.

Was war bisher Ihr schönstes Erlebnis im Verein?

Das waren sicher die Schulbesuche und die Zusammenarbeit mit den Spielern. Das ist für mich als Fan schon speziell.

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