Sonntagsgespräch
Thomas Hoffmann zum ersten Soloalbum: «Ich will Spuren hinterlassen»

Seit 13 Jahren ist Thomas Hoffmann Sänger und Gitarrist der Acapulco Stage Divers. Nun wollte er etwas Neues ausprobieren. Der Unterengstringer veröffentlicht mit «Geboren 1980» sein erstes Soloalbum.

Sandro Zimmerli
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Thomas Hoffmann, war 1980 ein gutes Jahr?

Thomas Hoffmann: Ja, in diesem Jahr bin ich geboren. Ich habe mir den Albumtitel lange überlegt. Es ist immer schwierig, einen Namen für ein Album zu finden. Das gilt auch für Songtitel. Für mich müssen sie keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Songs haben. «Geboren 1980» hat keinen tieferen Hintergrund. Es soll ein Statement sein, dass es sich um meine Soloplatte handelt.

Dann sind die Songtexte gar nicht autobiografisch?

Autobiografisch ist mir ein zu starkes Wort. Wenn man Kunst macht, hat das immer etwas mit einem selber zu tun. Ich gehöre eher zu jenen, die beobachten. Wenn ich eine Geschichte schreibe, heisst das nicht, dass ich sie auch erlebt habe. Allerdings stelle ich beim Lesen meiner Texte immer wieder fest, dass Teile davon von meinem Leben erzählen. Es gibt nur wenige Künstler, die ihre Arbeit und ihr Leben ganz klar trennen können, die zwei verschiedene Gesichter haben.

Hat der Solokünstler Thomas Hoffmann ein anderes Gesicht als das Bandmitglied Thomas Hoffmann?

In der Band schreibe ich auch alle Texte und die Melodien. Danach wird die gesamte Musik in einem gemeinsamen Prozess entwickelt. Beim Soloalbum wollte ich selber über die Musik entscheiden.

Wie äusserte sich diese Entscheidungsfreiheit?

Ich habe die Musiker ausgesucht und ihnen Vorgaben gemacht. Musikalisch hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich konnte zum ersten Mal mit Bläsern arbeiten.

Haben Ihre Kollegen von den Acapulco Stage Divers etwas gegen Bläser?

Nein, im Gegenteil. Wir werden auf dem nächsten Album wahrscheinlich mit Bläsern arbeiten. Ich kann allerdings nicht stillstehen. Das nächste Album der Acapulco Stage Divers habe ich schon geschrieben. Nun wollte ich etwas für mich machen, mein eigenes Statement abgeben. Mit der Band haben wir 2011 ein Album veröffentlicht, 2012 eine EP. Zudem waren wir viel unterwegs. Danach war Pause angesagt, im Herbst beginnen wir, an neuem Material zu arbeiten.

Welches Statement geben Sie ab?

Das Statement lautet, frei nach Jack Kerouac, ich habe nichts anzubieten ausser meine eigene Verwirrung.

Sie sind mit den Acapulco Stage Divers schon seit 13 Jahren unterwegs. Wieso kommt Ihr Soloalbum so spät?

Weil ich so viel zu tun hatte in den letzten Jahren. Neben den Alben mit der Band habe ich Gedichtbände veröffentlicht, war mit szenischen Lesungen auf Tour und habe einen Kurzfilm realisiert. In dieser Zeit habe ich alle Songs, die ich geschrieben hatte, für die Band verwendet. 2011 habe ich dann extra eineinhalb Wochen Ferien genommen, um in Davos das Soloalbum zu schreiben.

Das war ein bewusster Entscheid?

Ja. Keine Gedichte, keine Band, nur ich und meine Songs.

Das Album ist ruhiger als die Aufnahmen mit den Acapulco Stage Divers.

Ich wollte es ruhiger. Es war aber eine spezielle Situation. Als ich zurück in Zürich war, habe ich ein Demotape aufgenommen und es an alle Musiker verschickt, die ich auf dem Album haben wollte. Sie kamen danach ins Studio, spielten ihren Part ein und gingen wieder. Was ich aus ihren Aufnahmen machte, wussten sie nicht. Das war eine besondere Erfahrung, die ich mit der Band so noch nicht kannte.

In der Band wird über die Musik und über die Texte diskutiert. Fehlte Ihnen diese Auseinandersetzung nicht?

Die Texte sind mein Hoheitsgebiet. Meine Bandkollegen machen mir diesbezüglich keine Vorschriften. Das weiss ich zu schätzen. Aber die Musik wird gemeinsam analysiert. Beim Soloalbum gab es schon Momente, in denen ich dachte, oh Gott, jetzt musst du alles selber entscheiden, die Songreihenfolge, die Lautstärke der Bläser. Das ist definitiv schwieriger, wenn man alleine ist. Ich wollte diese Erfahrung aber machen, wollte in gewisser Weise meine Grenzen ausloten. Es hat Spass gemacht und man lernt wieder etwas dazu über das Musikmachen.

Mehr Spass als im Bandgefüge zu arbeiten?

Das kann man so nicht sagen. Es ist wie beim Joggen. An einem Tag scheint die Sonne, am anderen regnet es. Die Tätigkeit bleibt aber die gleiche. Mir ist es wichtig, nicht stehen zu bleiben. Ich habe den Anspruch, Neues auszuprobieren. Irgendwann will ich zum Beispiel ein Album mit Dialekttexten aufnehmen.

Ist das Soloalbum für Sie zu einem gewissen Grad ein Experimentierfeld?

Nein. Das würde ich so nicht sagen. Ich sehe mich in der Tradition eines Liedermachers, der sich durch seine Werke definiert, so verschieden sie auch sein mögen.

Sie sagen von sich, Sie seien ein Getriebener, der nie ankommt. Sie arbeiten zu 100 Prozent und verdienen mit der Musik kaum Geld. Was ist Ihr Antrieb, so viel in Ihre Kunst zu investieren?

Das frage ich mich ab und zu auch. Es ist wahre Leidenschaft. Es ist der Versuch, mich in dieser Welt zu hundert Prozent zu spüren und zurecht zu finden. Ich habe eine unglaubliche Sehnsucht in mir nach etwas, das unver-
fälschlich ist. Beim Musikschreiben und beim Musikmachen erkenne ich mich. Zudem will ich Spuren hinterlassen.

Was für Spuren sind das?

Ich halte nichts von der Idee, meine Spuren nur durch einen Beruf zu hinterlassen. Spuren hinterlasse ich durch meine Aussagen, meinen Gesang, meine Werke. Wenn ich dereinst auf mein Leben zurückblicke, dann ist die Musik das, was ich hinterlassen habe. Ständig setze ich mich mit der Frage auseinander, wie bringe ich das, was ich bin aus mir heraus. Durch die Musik gelingt mir das.

Wäre es trotzdem nicht auch schön, damit Geld zu verdienen?

Es würde mir ganz klar schmeicheln. Noch vor zehn Jahren wollte ich Rockstar werden. Allerdings könnte ich mich nicht einschränken. Ich habe in der 6. Klasse begonnen, Gitarre zu spielen und besuchte ein halbes Jahr den Musikunterricht. Dann musste ich aufhören. Seither spiele ich jeden Tag Gitarre. Ich will alles, was ich fühle, sofort umsetzen.

Sie hätten also gar nicht die Geduld, sich der Musikindustrie auszusetzen?

Natürlich wäre es schön Erfolg zu haben, aber nach meinen Spielregeln. Nicht nach Regeln von aussen. Deshalb ist es für mich nicht primäres Ziel, eine Castingshow zu gewinnen.

Was ist für Sie Erfolg?

Erfolg ist, irgendwann ein Album in Amerika aufzunehmen, analog mit altem Equipment. Mit den Acapulco Stage Divers auf Europatournee zu gehen oder einfach jederzeit meine Ideen umsetzen zu können.

Die Ziele gehen Ihnen nicht aus?

An Ideen mangelt es nicht. Ich will sicher wieder einen Gedichtband schreiben. Ein anderes Ziel ist es, ein Album aufzunehmen, auf dem nur ich mit meiner Gitarre zu hören bin und keine anderen Musiker. Ich habe eher Angst, dass ich nicht genug Zeit habe, alle umzusetzen.