Widen

Therapeutin: «Pferde halten einem den Spiegel vor»

Simone Landolt aus Dietikon therapiert in Widen mithilfe von Pferden Menschen. Die speziellen Methoden machen neugierig. Die az-Redaktorin will es selbst ausprobieren. Es wird eine Begegnung der speziellen Art.

Grandessa steht in der Ecke. Die Ohren gespitzt, der Hals gereckt, die Nüstern gebläht. Ein giftiger Wind fegt über den Platz, hoch oben donnern Flugzeuge über uns hinweg. Die Stute wirft den Kopf hoch, blickt sich um, scheint nicht recht zu wissen, was sie tun soll. So wie ich.

Grandessa und ich stehen auf einem Schnitzelplatz auf der «Sunshine Farm» auf dem Hasenberg in Widen. Hier bietet die Dietikerin Simone Landolt seit einem Jahr Coachings für die Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden an.

Nach einem Studium in Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen und einer steilen Karriere in Verkauf und Marketing hat ein Burnout sie zum Innehalten und Umdenken gezwungen. Landolt hängte ihre Karriere an den Nagel und liess sich nebst dem Zusatzstudium in Pädagogik zum Persönlichkeitscoach ausbilden.

Respekt, Vertrauen, Autorität und Überzeugungskraft

Gemeinsam mit den Pferden sollen Menschen ihr Potenzial kennen lernen und entwickeln, sich ihres Führungsstils bewusst werden. Denn wie in einer Pferdeherde würden Menschen auch nur freiwillig ihren Führungskräften folgen, wenn eine natürliche Balance zwischen Respekt, Vertrauen, Autorität, Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit bestehe. Existiert dieses Gleichgewicht nicht, suchen sich Pferde ein neues Leittier. «Pferde halten einem den Spiegel vor», sagt Landolt.

Mein Spiegel steht nun genauso verloren herum wie ich. Ich soll mich selbst sein, nicht auf Grandessa achten. Eine Kiste voll Spielzeug soll mich animieren, mich selbst sein lassen. Also spiele ich, puste schlotternd Seifenblasen in den Wind. Grandessa schaut aufmerksam zu. Landolt steht ausserhalb der Absperrung, beobachtet uns. Ein merkwürdiges Gefühl.

Vertrauen und Verbundenheit

«Pferde sind uns sehr ähnlich», sagt Landolt. Als Herdentiere seien ihnen Schutz und Geborgenheit wichtig, das Sozialverhalten ist ausgeprägt. Um das Gleichgewicht in der Herde zu wahren, reagieren sie sensibel auf Körpersprache, Stimmung und Energien.

Sie habe schon erlebt, dass ein Pferd in einem Einzelcoaching aufgeregt auf dem Platz herumgesprungen sei. «Der Mann war innerlich sehr angespannt; seine Stimmung hat sich sofort auf das Pferd übertragen», sagt Landolt. Sie sei immer wieder überrascht darüber, was sie auf dem Platz bei der Begegnung zwischen Pferd und Mensch zu sehen bekomme.

«Vertrauen und Verbundenheit sind für den Herdenverband elementar. Jedes Tier hat seinen Platz, nur so können sie überleben.» Pferde vertrauen bedingungslos ihren Leittieren, der Leitstute und dem Leithengst. Während die Stute Erfahrung und Selbstbewusstsein auszeichnen, sind es beim Hengst Eigenschaften wie Mut, Kraft und Potenz. Worauf sie nicht reagieren, sind Status und Äusserlichkeiten. Landolt: «Pferde reagieren auf das, was wirklich ist.»

Authentizität, Souveränität und Besonnenheit

Dass das Gegenüber ein Mensch und kein Pferd ist, spielt dabei keine Rolle. Ich übernehme die Rolle des Leittiers. Als solches müsste ich Führungsqualitäten wie Authentizität, Souveränität, Besonnenheit ausstrahlen. «Sie vertraut und folgt Dir, wenn Du authentisch führst», hatte Landolt gesagt. Doch all diese Fähigkeiten sind gerade dahin, vom Wind verblasen.

Grandessa reagiert so auf mich, wie ich auf die Situation reagiere. Zögerlich, zurückhaltend. Dass Grandessa meine Reserviertheit tatsächlich spürt, ich ihr nichts vormachen kann, lässt mich erst recht zögern. Gefühle kommen nur nach und nach hoch. «Ist der Kopf nicht mehr im Weg, können sich Gefühle ungehindert entwickeln», hatte Landolt vorhin beim Kaffee gesagt.

Ich spaziere herum. Freue ich mich darüber, dass Grandessa auf mich zukommt, bleibt sie stehen, wendet sich ab. «Wir achten zu viel auf Äusserlichkeiten, darauf, wie wir gegen aussen wirken», sagt Landolt. Sobald ich mich über den Erfolg freue, nicht mehr mich selbst bin, verliere ich meine Führungsqualitäten. Grandessa orientiert sich neu.

Es war eine Begegnung der speziellen Art. Aber ich nehme viele Erkenntnisse mit nach Hause.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1