Dietikon
Theologinnen sind sich einig: Islam und Christentum sind vereinbar

Eine islamische und eine christliche Theologin diskutierten in Dietikon über gemeinsame Werte. Die beiden Theologinnen legten dar, dass heute mehr oder weniger universell gültige Menschenrechte in Islam und Christentum vorweggenommen sind.

Pablo Rrohner
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Vertreterinnen des interreligiösen Dialoges: Koranlehrerin Yasemin Duran und die reformierte Pfarrerin Hanna Kandal.

Vertreterinnen des interreligiösen Dialoges: Koranlehrerin Yasemin Duran und die reformierte Pfarrerin Hanna Kandal.

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Es waren bemerkenswerte Worte von Yasemin Duran. «Als ich in die Schweiz kam, dachte ich: Hier werde ich mich als Muslimin wohlfühlen. Hier gelten Werte, die mich auch meine Religion lehrt», erinnerte sich die islamische Theologin. Bemerkenswert, weil die Befürworter des Minarettverbots vor drei Jahren unter anderem mit der angeblichen Unvereinbarkeit von christlichen Werten und Islam erfolgreich mobil machten. «Wirklich so verschieden?» lautete deshalb die Leitfrage des von der Dialoggruppe Christentum-Islam Dietikon organisierten Podiumsgesprächs im Stadthaus.

Schnittstellen der Religionen

Mit Yasemin Duran und Hanna Kandal diskutierten zwei Frauen über die Gemeinsamkeiten zweier Weltreligionen, deren heilige Schriften die Frau dem Mann unterordnen. Beide sind Theologinnen, Duran unterrichtet an Moscheen und in einer Primarschule, Kandal ist Pfarrerin der reformierten Kirchgemeinde Schwamendingen. Einleitend hielten die Expertinnen zwei Referate, Jürg Krebs, Chefredakteur der Limmattaler Zeitung, moderierte das anschliessende Gespräch.

In ihrer Eröffnungsrede benannte Kandal Schnittstellen von Christentum und Islam. Beispielsweise sei die soziale Gerechtigkeit in beiden Wertesystemen verankert. Duran pflichtete bei und erinnerte an den drohenden Zerfall geteilter Werte wie Mitgefühl, Familienpflege oder Sorge im Umgang mit der Umwelt. Anschliessend wollte es der dreiköpfigen Gesprächsrunde zwar nicht ganz gelingen, den Begriff Wert zu definieren, was aber nicht weiter schwer wog. Mit einer Vielzahl von Beispielen aus Bibel und Koran schafften es Kandal und Duran aufzuzeigen, dass die Religionen, auf ihre Lehren reduziert, unleugbar miteinander vereinbar sein müssten.

Toleranz durch Akzeptanz ersetzen

Die beiden Theologinnen legten dar, dass heute mehr oder weniger universell gültige Menschenrechte in Islam und Christentum vorweggenommen sind. Verweise auf Werte wie Schutz von Leben und Eigentum, die Erhaltung von Frieden, aber auch Religionsfreiheit liessen sich in beiden Wertesystemen finden. Dass sie Werte wie Würde, Freiheit und Gerechtigkeit teilen, sei gar zwingend für die funktionierende Koexistenz von Islam und Christentum, befand Duran. Entscheidend dafür sei, wie Gesellschaften diese Normen auslegen, gab Kandal zu bedenken. Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensführungen sei daher eine wichtige Errungenschaft, die in der Bibel nicht geschrieben steht. Duran ging noch einen Schritt weiter und plädierte dafür, passive Toleranz durch aktive Akzeptanz zu ersetzen.

Das Votum eines Zuschauers leitete das doch überraschende Ende des Abends ein. Mit dem Beispiel junger Muslime auf Lehrstellen-Suche wies er darauf hin, dass Leitkulturen religiöse Minderheiten oftmals benachteiligen. Manche Muslime liessen sich zu sehr in diese Opferrolle drängen antwortete Duran hierauf und forderte dazu auf, diese abzulegen. «Es ist nicht immer das Kopftuch oder der Name», sagte sie. Ihr Aufruf zur Beteiligung an der Gesellschaft war das Schlusswort eines Abends, der aufzeigte: Islam und Christentum sind sich ähnlich. Verschiedenheit ergibt sich aus der Darstellung.