Schlierefäscht 2015
Theatermacherinnen: «Wir wollen so viele Leute wie möglich»

Vor drei Jahren haben die Theatermacherinnen Karin Berry und Bettina Uhlmann mit der «Kleinen Niederdorfoper» und einem Ensemble von Laienschauspielern am Schlierefäscht Furore gemacht. Nun wollen sie es noch einmal wissen.

Bettina Hamilton-Irvine
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Der Mensch muss spielen: Karin Berry (rechts) und Bettina Uhlmann lieben Theater. Bettina Hamilton-Irvine

Der Mensch muss spielen: Karin Berry (rechts) und Bettina Uhlmann lieben Theater. Bettina Hamilton-Irvine

Frau Berry, Frau Uhlmann, kann man mit Theater die Welt verändern?

Karin Berry: Kunst und Kultur haben immer wieder die Gesellschaft aufgerüttelt, ihr einen Spiegel vorgehalten. In dem Sinn kann auch Theater verändern. Ich bin überzeugt, dass wir mit der «Kleinen Niederdorfoper», unserem letzten Schlieremer Theaterstück, für gewisse Leute einen Unterschied gemacht haben. Aber die Welt verändert hat es wohl eher nicht.

Die Theatermacherinnen

Die in Schlieren geborene und aufgewachsene Karin Berry (41) hat sich an der Zürcher Hochschule der Künste zur Regisseurin ausbilden lassen, zwei Jahre an der Jazzschule Luzern absolviert und in New York und Zürich Gesang studiert. Daneben hat sie die pädagogische Grundausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie das Grundstudium in englischen und deutschen Literaturwissenschaften abgeschlossen. Heute arbeitet Karin Berry, die seit 18 Jahren in Zürich lebt, als Hörspielregisseurin für das Schweizer Radio SRF. Bettina Uhlmann (43), Stadtzürcherin und Absolventin eines Publizistikstudiums, leitete einige Jahre lang Theaterproduktionen, bis sie 1999 ihre eigene Agentur «Stage Coach» gründete, die sie bis heute leitet. Die Agentur organisiert Tourneen und Konzerte, managt das Zurich Jazz Orchestra, organisiert CD Produktionen und übernimmt ganze Produktionsleitungen oder Festivals. Daneben betreut Bettina Uhlmann immer wieder auf Mandatsbasis Kulturprojekte. (BHI)

Vielleicht hat das Stück eine kleine Welt verändert?

Berry: Das wäre schön. Ich glaube, dass Theater sowohl bei den Menschen auf der Bühne wie auch beim Publikum etwas auslösen und in Bewegung bringen kann – wenn man sich darauf einlässt.

Bettina Uhlmann: Auf irgendeine Art haben wir die Welt all jener Leute, die bei der letzten Produktion mitgemacht haben, verändert. Wenn jemand das erste Mal auf einer Bühne steht und singt und das Publikum applaudiert: Das verändert seine Welt.

Berry: Es war sehr berührend, zu merken, dass einige Schauspieler aus dem letzten Ensemble schon wieder der nächsten Produktion entgegenfiebern. Dass ihre Begeisterung die letzten drei Jahre überdauert hat. Dass die letzte Theaterproduktion für sie wirklich einen Unterschied gemacht hat.

Wie haben Sie die Veränderung der Schauspieler erlebt?

Uhlmann: Es ist eine unglaubliche Erfahrung, diesen Entwicklungsweg zu begleiten. Zu sehen, wie die Leute über sich selbst hinauswachsen, ist etwas unendlich Dankbares. Beim Laientheater muss das zwingend zuerst stattfinden, damit man auch beim Publikum etwas auslösen kann. Zudem löst man in einem Ort wie Schlieren mit einer gemeinsamen Theaterproduktion auch für die Dorfgemeinschaft ganz viel aus. Man ist stolz, dass Schlieren das kann.

So werden auch sie Teil der nächsten Theaterproduktion

Karin Berry und Bettina Uhlmann bringen für das Schlierefäscht 2015 eine schweizerdeutsche Version von Friedrich Dürrematts Stück «Der Besuch der alten Dame» auf die Bühne. Dafür haben sie 34 Rollen zu vergeben. Melden können sich alle theaterbegeisterten Menschen, die in Schlieren wohnen oder einen starken Bezug zu Schlieren haben. Bühnenerfahrung braucht es keine. Gesucht sind auch Personen, die bei Bühnenbild, Kostümen, Frisuren und anderem helfen. Die Proben beginnen am 4. Mai 2015, die Aufführungen finden vom 5. bis 17. September statt. Für die Castings vom 29. und 30. November 2014 kann man sich bis zum 15. Oktober mit Adresse, Telefonnummer, Alter und Foto unter info@stagecoach.ch anmelden. Erzählen Sie zudem in drei bis vier Sätzen, wieso Sie beim Stück mitmachen wollen. (BHI)

Ihre Inszenierung der Niederdorfoper war am letzten Schlierefäscht ein grosser Erfolg. Ist es nicht gefährlich, zu versuchen, Erfolg zu wiederholen?

Berry: Doch. Deshalb haben wir mit dem «Besuch der alten Dame» von Dürrenmatt ein komplett anderes Stück gewählt. Für uns kam nichts infrage, was der Niederdorfoper zu ähnlich ist.

Jiddu Krishnamurti sagte: «Das blosse Verlangen nach der Wiederholung des Vergnügens ruft Schmerz hervor, denn es ist nicht mehr das gleiche wie gestern.» Kennen Sie dieses Gefühl?

Berry: Das ist genau der Punkt – und deshalb wird diese Aufführung auch ganz anders werden. Wie anders, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber das ist gerade das Spannende an solchen Projekten. Man weiss nie, wohin es einen führt.

Die Niederdorfoper war heiter, der Besuch der alten Dame ist eher tragisch. Funktioniert das für ein Festival, welches «Schliere lacht» heisst?

Uhlmann: Ich hatte das Stück aus der Schule nicht in besonders guter Erinnerung und war total positiv überrascht, als ich es nochmals gelesen habe. Manchmal musste ich laut herauslachen. Das Zwischenmenschliche und diese skurrilen Figuren sind grossartig.

Berry: Das ist die grosse Kunst, die Dürrenmatt beherrscht: Zuerst muss man laut herauslachen – und plötzlich fällt der Groschen und es bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Man realisiert: Ich finde das ja nur lustig, weil ich das von mir selber kenne.

Dann wird es auch lustig werden?

Berry: Auf jeden Fall. Aber es wird auf eine andere Art lustig werden als beim letzten Mal. Die Heiterkeit hat diesmal einen dunklen Schatten, einen Zynismus. Man lacht über das Unvermögen der Figuren auf der Bühne.

Uhlmann: Wenn man ehrlich ist, lacht man aber auch ein wenig über sich selber, weil man sich mit den Figuren identifiziert. Das wiederum macht das Stück total spannend, weil man mitfiebert, beginnt, auf Zwischentöne zu hören.

Wieso ist die Wahl gerade auf dieses Stück von Dürrenmatt gefallen?

Berry: Wir haben bewusst wieder einen Schweizer Autor gewählt, weil das Nähe schafft.

Uhlmann: Passend war auch, dass das Stück an einen Ort gebunden ist, der auch Schlieren sein könnte.

Dann wollen Sie das Stück, wie damals die Kleine Niederdorfoper, auf Schlieremer Verhältnisse umschreiben?

Berry: Das müssen wir dieses Mal gar nicht. Die Strukturen passen: Es geht darum, wie eine Kleinstadt funktioniert.

Was haben Sie von der letzten Schlieremer Theaterproduktion gelernt?

Uhlmann: Wir können nun den Aufwand viel besser abschätzen. Das letzte Mal hatten wir keine Ahnung, was uns erwartet.

Berry: Man kann sich das ein wenig wie bei einer Geburt vorstellen. Man hört zwar viel darüber, aber schliesslich ist es doch ganz anders. Und so ein Projekt ist auch irgendwie eine Geburt. Man stellt sich darauf ein, und dann gibt es trotzdem Momente, da möchte man nur noch schreien und fragt sich, wieso haben wir uns das angetan? Und am Schluss sitzt du selig im Publikum und bist unheimlich stolz auf dein Ensemble, das den Text auf der Bühne zum Leben erweckt.

Und nun haben Sie das erste Kind geboren und wissen, es geht?

Berry: Wir wissen, wir schaffen das. Gerade im Rückblick kommt diese Rührung, die ich damals erlebt habe, für mich nochmals sehr stark zurück. Ich glaube, ich war noch nie so stolz auf etwas wie auf die Leute in diesem Ensemble. Klar, manchmal haben wir uns auch aneinander gerieben, aber was sie am Schluss erreicht haben, ist fantastisch.

Ist diese Reibung nötig, damit etwas Gutes entsteht?

Uhlmann: Es braucht die Auseinandersetzung mit der Materie, mit sich selber und dem Team. Das ist ein anstrengender Prozess für alle. Es ist wie beim Sport: Nur durch hartes Training läuft man zur Höchstleistung auf. Auf der Bühne ist es genauso.

Berry: Wir mussten die Schauspieler aus ihrer Wohlfühlzone herauslocken und sie ermutigen, ihre eigenen Grenzen zu überwinden. So funktionieren alle Schauspieler, auch ich: Meinen Sie, ich begebe mich gerne auf der Bühne in unbekanntes Territorium? Nein, ich brauche auch einen Regisseur, der mich an der Hand nimmt und sagt: Spring! Man muss aber auch Vertrauen schaffen, denn es braucht Mut, zu springen und das zu verlassen, was man kennt. Aber erst dann entdeckt man neue Facetten und es wird richtig gut.

War es teilweise schmerzhaft für diese Leute, zu springen?

Berry: Ich denke schon. Man wird mit seinen Schwächen, mit seinen Ängsten konfrontiert, die es zu überwinden gilt. Und das kann schmerzhaft sein. Aber nur, wer die eigenen Grenzen überwindet, kommt auf die nächste Stufe.

Uhlmann: Man darf nie vergessen: Als Schauspieler exponiert man sich wirklich. Man gibt auf der Bühne in aller Öffentlichkeit sein Innerstes preis.

Haben Sie nie infrage gestellt, dass Sie diese Aufgabe wieder übernehmen wollen?

Berry: Mit etwas Abstand nicht. Aber natürlich bedeutet eine Theaterproduktion immer auch eine sehr hohe Belastung für alle, physisch wie psychisch. Man zieht einen riesigen Karren. Am Schluss ist man kaputt, aber selig, auch wenn man sich zwischendurch schwört: Das mache ich nie mehr.

Uhlmann: Und dann macht man es doch wieder. Das gehört einfach dazu.

Was wollen Sie nicht mehr so machen wie beim letzten Mal?

Berry: Ich kann die Proben nun viel ruhiger angehen. Ich wusste beim letzten Mal nicht, wie weit ich die Schauspieler bringen kann, ob es einen Punkt gibt, an dem wir einfach nicht mehr weiterkommen. Dieses Mal bringe ich mehr Gelassenheit mit, weil ich weiss, es geht, wir kommen weit und ich kann mich auf meine Leute verlassen.

Wer soll sich fürs Casting anmelden?

Berry: Alle! (lacht) Wir wollen so viele Leute wie möglich, Alt und Jung, Gross und Klein. Je bunter, desto besser.

Uhlmann: Das Wichtigste ist das Interesse und die Lust, mitzumachen. Und die Bereitschaft, etwas zu investieren.

Berry: Brecht sagte einmal, der einzige Massstab für Talent ist Interesse. Wer sich entscheidet, dass er mitmachen will, der wird das auch schaffen.

Charles Bukowski sagte einst etwas Ähnliches: Potenzial bedeutet nichts. Du musst es tun.

Berry: Da hat er absolut recht. Und das möchte ich auch den Leuten sagen, die sich für unser Projekt interessieren: Habt keine Angst, meldet euch einfach. Ihr werdet eine richtig gute Zeit und unglaublich viel Spass haben.