Man brauchte nur einen Fuss ins Theater Potztuusig in Dietikon zu setzen und wurde sogleich eingenommen von einer anderen Welt. Ein farbenfroher Wandteppich leuchtete einem durch das schummrige Theaterlicht entgegen, darunter lagen, mit orientalischen Mustern reich bestickt, zahlreiche Kissen in einer Ecke. Inmitten der Kissen sass Marianne Wenner und hob an, dem Publikum am Sonntag ein Märchen zu erzählen. Doch sollte es keine gewöhnliche Märchenstunde werden.

Am Rande der Wüste lebte einst ein Mann und seine Frau, berichtete sie ernst und ausdrucksstark, den Blick dabei stets in die Ferne gerichtet. Ihr Schoss blieb ohne Frucht, was der Frau grosses Ungemach bereitete. Hilfe versprachen wunderbare Früchte, die «Äpfel der Fruchtbarkeit», die dem Märchen seinen Titel geben. Ihr Schoss aber blieb so karg und öd wie je, und nur der Mann, der ebenfalls von den Äpfeln gekostet hatte, veränderte sich.

Das Kind im Bein

Diesen Mann, gespielt von Petra von Bechtolsheim, sah man nun, wie er sich durch die Steppe schleppte. Kaum konnte er sich mehr aufrecht halten, denn ein riesiges Geschwulst wucherte auf seinem Bein. So blieb ihm nur, seinen Dolch zu zücken und es herauszuschneiden. Da aber zeigte sich – und dazu spielte in geheimnisvollen Tönen ein Klavier – im Bein war ein Kind! Erschrocken setzte der Mann es aus und überliess es der Wüste, wo es von einer Gazellenherde aufgenommen wurde.

Da traf der Sohn des Sultans auf die Ausgesetzte, die nun in der höchsten Blüte der Jugend stand. Mit vor Aufregung zitternden Läufen schaltete sich wiederum das Klavier ein – Gabriela Traasdahl spielte bravourös. Nicht zuletzt zelebrierte Lisa Anna Gross, die Dietiker Oboen-Virtuosin, den schicksalhaften Moment. Sehnsuchtsvolle Melodien entströmten ihrem Instrument. Man konnte richtiggehend hören, wie die Blicke der beiden in süsser Verliebtheit ineinander sanken.

Rasend vor Eifersucht

Mit Trommeln und Bauchtanz setzten die Mitwirkenden anschliessend die Hochzeit in Szene – ein bacchantisches Vergnügen und einer der absoluten Höhepunkte. Vollends zur Mini-Oper wurde das Stück mit dem Auftritt Kathrin Buchers als Sopranistin. Die unfruchtbare Frau hatte es in rasender Eifersucht geschafft, ihre Konkurrentin in eine Taube zu verwandeln. Bucher, auch für den Text und die Komposition der Stücke verantwortlich, klagte das Leid der unfreiwilligen Taube. Aber auch dieses Märchen hielt ein glückliches Ende bereit: Trickreich vermochte der Prinz sie einzufangen und endlich in ihre ursprüngliche Schönheit zurückzuverwandeln.

Das Publikum zeigte sich sehr angetan von dem Stück. «Man hat gemerkt, dass Profis am Werk sind», meinte etwa Liliane Huber-Müller aus Dietikon. «Vor allem beeindruckt hat mich Kathrin Bucher, die sowohl als Tänzerin als auch als Sopranistin überzeugte.» Josua Dill aus Zürich lobte die emotionale Reife des Stücks: «Auch Melancholie und Trauer sind vertreten, es ist kein überzuckertes Märchen.»