Herr Golowin, Kampfsportarten wie Kick-, Thai- oder auch klassisches Boxen erhalten immer mehr Zulauf. Dennoch profitieren sie in der Schweiz kaum von der staatlichen Sportförderung. Warum?
Erik Golowin: Dafür gibt es mehrere Gründe. Asiatische Kampfsportarten setzten sich in Europa erst in den letzten Jahrzehnten durch. Sie sind sportpolitisch noch nicht so weit etabliert, dass sie in Dachverbänden wie Swiss Olympic aufgenommen wurden. Dieser Verband würde theoretisch auch Kampfsportarten fördern, die im Gegensatz zu Taekwondo oder Judo keine olympischen Disziplinen sind. Aber es braucht viel sportpolitisches Lobbying, bis eine Sportart aufgenommen wird.

Sie sprachen weitere Gründe an.
Ja. Vollkontakt-Sportarten wie Thai- oder Kickboxen haben ein Imageproblem. Stars wie Andi Hug verschafften dem Kickboxen zwar Akzeptanz, aber noch heute werden einige Vereine dieser Sportarten in die Nähe des kriminellen Milieus gestellt. Solange sie diesen Ruf nicht loswerden, können sie kaum mit Fördergeldern des Bundes rechnen. Bei J+S wurde das klassische Boxen ja aus dem Programm gekippt, weil man das Niederschlagen des Gegners ablehnt und man erzieherische Bedenken hatte.

Welche Rolle spielte dabei die Studie des Strafrechtlers Martin Killias, die 2009 zum Schluss kam, dass Kampfsportarten die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen fördert?
Ich würde den Entscheid von J+S nicht in einen direkten Zusammenhang damit stellen. Aber die Studie bedeutete für die Kampfsportverbände einen herben Rückschlag. Killias These wurde in den Medien breitgetreten, sodass die Salonfähigkeit der Kampfsportarten arg gelitten hat.

Hatte Killias recht?
Na ja, seine strafrechtlichen Erhebungen mögen diese Schlüsse zulassen. Aber zum einen differenziert er nicht zwischen verschiedenen Kampfsportarten. Gemäss seiner These würde etwa auch Aikido oder Tai Chi die Gewaltbereitschaft fördern, was ich stark bezweifle. Aus dieser Warte betrachtet, ist die Studie unbrauchbar.

Und zum andern ...?
... lässt er die sportpädagogische Komponente völlig ausser Acht. Auch Vollkontaktsportarten können gewalthemmend wirken – wenn die Voraussetzungen stimmen. So müssten etwa Übungen zur Aggressionskanalisierung ins Training eingebaut werden. Und die Trainer sollten eine entsprechende Haltung vermitteln.

Was meinen Sie damit?
Dass er seinem Schüler vermittelt, was Fairplay und Respekt ist. Dass man einem Gegner etwa auch in einer Kampfsituation Rücksicht entgegenbringen und dessen Gesundheit nicht mit Absicht ruinieren soll. Bei traditionellen asiatischen Kampfsportarten schwingen solche Haltungen in einem Kodex mit. Aber auch bei den moderneren Disziplinen ist es wichtig, dass Trainer dafür sorgen, dass ihre Schüler sich diese aneignen.

Wäre es vor diesem Hintergrund denn nicht erst recht sinnvoll, wenn Jugend und Sport normierte Ausbildungen für die Kampfsport-Trainer anbieten würde?
Da haben Sie recht. Derzeit herrscht aber ein Moratorium für die Aufnahme zusätzlicher Sportarten in unser Programm. Wenn dieses aufgehoben ist, wird J+S zumindest bei den Light- und Semikontaktsportarten sicher Bereitschaft zeigen für eine Aufnahme.

Vollkontakt-Sport bleibt also auch längerfristig ausgeschlossen?
Zumindest bei J+S. Unterstützende Leistungen vom Bundesamt für Sport könnten aber bezogen werden, um die Qualität der Trainerausbildung zu verbessern. Eine Aufnahme bei Swiss Olympic wird für diese Verbände erst möglich, wenn sie ein besseres Image geniessen. Dazu müssten sie ihre Strukturen professionalisieren und eigene Trainerausbildungen aufbauen, die mit pädagogischen Modulen versehen sind.