Mit dem Besen fährt Mila Slehofer über die Grundlinie. Er hält inne und lächelt. Der Stiel des Besens habe nicht vibriert, sagt er. Das bedeute, dass die Linie nicht angehoben sei, sondern perfekt liege. «Die Linien», sagt er, «sind die Schwachpunkte bei einem Tennisplatz.»

Slehofer ist seit zehn Jahren Platzwart beim TC Schlieren, «seit ich pensioniert bin», wie der 74-Jährige sagt. Der Club fragte ihn einst an, ob er nicht Zeit habe, sie suchten einen Platzwart. Slehofer sagte zu. Jetzt im Sommer ist er jeden Tag auf der Anlage, teils schon um 6.15 Uhr. «Ich habe früher mit Früchten und Gemüsen zu tun gehabt», sagt er. «Ich bin es gewohnt, früh aufzustehen.» Was er als Erstes macht? «Wenn ich ehrlich bin, trinke ich zuerst mal einen Kaffee.» Dann kontrolliert er die Plätze und wischt sie mit dem Besen, obwohl die Spieler den Court, auf dem sie gespielt haben, am Vortag schon selber gewischt haben. «Während der Nacht verlieren die umliegenden Bäume Blätter, die auf dem Platz landen», so Slehofer. «Die entferne ich dann.» Gerade, wenn es stürmisch gewesen sei, gäbe es am nächsten Morgen jeweils viel zu reinigen.

Es ist aber auch möglich, dass eine der 36 Bewässerungsdüsen, die nachts die Plätze bewässert, blockiert, weil sie von Sand verstopft ist. «Das gibt dann eine ungleichmässige Bewässerung, und die muss man ausgleichen», sagt Slehofer. «Die eine Seite ist am Morgen sehr feucht, die andere sehr trocken.» Den idealen Feuchtigkeitsgehalt des Sandes erkennt Slehofer an dessen Farbe. «Richtig guter Sand ist dunkelrot», sagt er. «Hellrot ist nicht gut. Das bedeutet, dass der Sand zu trocken ist. Auch nicht gut ist es, wenn der Sand zu grobkörnig ist.»

Manchmal sind die Plätze so abgetragen, dass Slehofer Sand nachschütten muss. Dann fährt er kiloweise rote Sandkörnchen, die nichts anderes als zermahlene Dachziegel sind, in der Schubkarre auf den Platz. Mit der Schaufel wird dann der Sand verteilt – alles Handarbeit. «Viel Arbeit», gibt Slehofer zu.

Zwei Tonnen Sand pro Platz

Pro Saison und Platz werden bis zu 500 Kilogramm Sand verteilt. Doch so richtig viel wird jeweils im Frühling ausgestreut, bevor die Saison beginnt. Dann muss der alte, schmutzige Sand entfernt und durch neuen ersetzt werden. «Wir tragen pro Platz jeweils eine Tonne Sand ab und geben zwei dazu», sagt Danny Freundlieb, der Platzchef des TC Schlieren. Das klingt nach sehr viel, ist es aber nicht. «Eine Tonne Sand entspricht gerade mal einer Schicht von der Höhe eines Millimeters», so Freundlieb.

Freundlieb, als Tennisprofi einst die Nummer 13 der Schweiz, war nach seiner Karriere erst als Tennislehrer aktiv. Dann übernahm er die Leitung des Tenniscenters Spreitenbach und war später im Vorstand des TC Wettingen. Nun sitzt der 61-Jährige im Vorstand des TC Schlieren und sorgt mit seiner Firma dafür, dass viele Arbeiten auf dem Platz maschinell ausgeführt werden können. Dazu gehört unter anderem das Walzen des Sandes, sodass der Platz keine Unebenheiten aufweist. Aber auch andere Arbeiten werden maschinell ausgeführt. «Wenn sich zum Beispiel die Linien angehoben haben, egalisieren wir sie mit der Maschine», sagt Freundlieb. «Bei manchen Clubs wird das noch von Hand gemacht.»

Auch beim TC Schlieren war das so. «Oh, das war mühsam», stöhnt Slehofer. «Da musste man mit dem Hammer die Linie runterschlagen.» Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Doch auch so gibt es für Slehofer noch genug zu tun. Denn er kümmert sich nicht nur um die Plätze. «Zu Wochenbeginn liegt jeweils relativ viel Abfall um die Anlage herum», sagt er. «Den nehme ich auf und werfe ihn weg.» Und wenn in der angrenzenden Schule tagsüber jeweils grosse Pause sei, kämen viele Kinder auf die Anlage und machten «Rambazamba», wie Slehofer mit einem Lächeln bemerkt. «Aber das ist normal, es sind schliesslich Kinder.»

Manchmal spielt er Doppel

Kinder bringen Slehofer also nicht aus der Fassung, unerwünschte Pflanzen auf dem Sandplatz dagegen schon. «Unkraut kann ich nicht ausstehen», sagt er. «Wenn ich Unkraut sehe, beseitige ich es sofort. Ich will hier schliesslich Plätze wie in Roland Garros und nicht wie in Wimbledon.»

Slehofer belässt es aber nicht bei der optischen Kontrolle. Manchmal testet er die Plätze, indem er selber zum Schläger greift. «Es kommt vor, dass einige Mitglieder ein Doppel spielen möchten, aber nur zu dritt sind», sagt er. «Dann springe ich gerne als Joker ein.» Und so dauert sein Tag auf der Anlage mitunter bis 18 Uhr. Jeden Tag am selben Ort, und das als Pensionierter, der im Sommer sein Leben geniessen könnte – bekommt man da nicht irgendwann genug? «Ach nein», entgegnet Slehofer. «Alle sind hier sehr freundlich zu mir.» Dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: «Der Tennisclub ist für mich wie das Sanatorium in Davos.»