Schlieren
Teil eines kosmischen Energiesystems

Im Start-up BS2 stecken Jahre von ETH-Forschung zur Effizienzsteigerung von Gebäuden.

David Hunziker (Text und Foto)
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Niklaus Haller, promovierter ETH-Architekt und Bereichsleiter Solar bei BS2, erklärt die Funktionsweise eines Aktivhauses.

Niklaus Haller, promovierter ETH-Architekt und Bereichsleiter Solar bei BS2, erklärt die Funktionsweise eines Aktivhauses.

Wenn Niklaus Haller die Tätigkeit des Gebäudetechnik-Start-ups BS2 erklärt, geht es schnell ums Ganze. Haller sitzt an einem Tisch im hellen Eingangsbereich eines modernen Gebäudes auf dem Geistlich-Areal in Schlieren und blättert in einer Broschüre. Diese reicht von detaillierten technischen Zeichnungen einzelner Gebäudeteile bis hin zu einem Plan für die Energieversorgung Europas. Es gehe hier nicht bloss um ein einziges kleines Unternehmen, sagt Haller, sondern um eine umfassendere Vision für einen anderen Umgang mit Energie: «Das fasziniert mich so an meiner Arbeit: Unsere Systeme klinken sich in ein letztlich kosmisches Energiesystem ein, von dem wir nur ein kleiner Teil sind.»

Verfasst wurde die Broschüre von Hansjürg Leibundgut, der an der ETH einen Lehrstuhl für Gebäudetechnik innehat. Die Geschichte von BS2, dessen Geschäftsleitung Haller angehört, beginnt bei Leibundguts Tätigkeit als Chefingenieur der Amstein + Walthert AG. Dort machte er die Feststellung, dass zahlreiche Teile zum Bau von emissionsarmen Gebäuden fehlten. Also machte er sich zuerst in der Privatwirtschaft und später als Forscher an der ETH daran, diese Teile selbst zu entwickeln. Ein Grossteil dieser Forschung fliesst nun in die Gebäudesysteme von BS2, dessen Mitarbeiter selbst mehrheitlich an Leibundguts Lehrstuhl tätig waren. «Wir sind stolz darauf, dass wir das geistige Erbe dieses wichtigen Forschers verwalten dürfen», sagt Haller.

Eine andere Energiestrategie

In der Broschüre formuliert Leibundgut das Konzept für ein Gebäude, das keine CO2-Emissionen verursacht und mit so wenig Strom auskommt, dass seine Verbreitung ohne den Bau zusätzlicher Atomkraftwerke möglich ist. Es geht dabei also nicht nur um ein Gebäude, sondern um eine andere Energiestrategie. «Es werden heute immer noch zu viele Bausysteme subventioniert, die vor allem auf einen tiefen Energieverbrauch statt auf die konsequente Reduktion von CO2-Emissionen fokussieren», sagt Haller.

In konkreten Bauprojekten zeigt sich dieser Paradigmawechsel in einer Umorientierung vom Passivhaus, das möglichst wenig Energie verbraucht, zum Aktivhaus, das selbst Energie produziert. Bei BS2 wurden diverse Forschungsergebnisse zu einem umfassenden Wärmeverteilungssystem für Gebäude kondensiert, das den Namen «Zeleganz» trägt. Zu diesem System gehören eine Solaranlage auf dem Dach, eine Erdwärmesonde, eine Wärmepumpe und ein Lüftungssystem. «Zeleganz» sorgt für Heizung und Kühlung sowie die Aufbereitung von Warmwasser. Es baut auf der Grundidee auf, möglichst viele Teile eines Gebäudes für den Wärmehaushalt zu mobilisieren: Der Boden etwa wird zur Heizung, der Dampfabzug ins Lüftungssystem
integriert.

Die clevere Erdwärmesonde

«Um möglichst wenige CO2-Emissionen zu produzieren, ist unser oberstes Ziel, dass unser System ohne Energie aus fossilen Brennstoffen auskommt», sagt Haller. Wenn der Solarstrom vom Dach zum Betrieb des Systems ausreichen soll, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Es muss zum einen sehr wenig Strom verbrauchen und zum anderen Perioden überbrücken, in denen kein Solarstrom zur Verfügung steht – bei schlechtem Wetter oder in der Nacht –, oder mehr Energie zum Heizen benötigt wird. Beide Bedingungen können durch das Kernstück von «Zeleganz», eine spezielle Erdwärmesonde, erfüllt werden.

«Im Vergleich zu üblichen Erdwärmesonde nutzen wir die Erde nicht als Energiequelle, sondern als Energiespeicher», sagt Haller. Das Gestein unter dem Haus wird im Sommer erhitzt, im Winter oder in der Nacht kann auf die gespeicherte Wärme zurückgegriffen werden. Dadurch muss zum Heizen des Hauses nur ein kleiner Energieunterschied überbrückt werden, der Stromverbrauch bleibt niedrig.

Das Anliegen, die CO2-Emissionen von Gebäuden zu reduzieren, hat Haller kürzlich auch in die Politik getragen. Seine Einzelinitiative beim Zürcher Kantonsrat, die verlangt, dass bis in 20 Jahren im Kanton beinahe ausschliesslich CO2-neutrale Gebäude gebaut werden, sorgte diesen Sommer für Schlagzeilen. Sein Anliegen wird von über 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt, darunter auch ETH-Rektorin Sarah Springman oder der ETH-Klimaforscher Reto Knutti. Aus der Politik kann Haller auf das gesamte links-grüne Spektrum sowie die GLP zählen. «Doch ich wende mich auch an die FDP», sagt Haller. Er wolle bürgerliche Politiker endlich mal beim Wort nehmen, die er ständig von ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit reden höre.