Limmattal
«Taufe soll nicht aus Asylgründen geschehen»: Kirchen sind offen für Konvertiten

Muslimische Flüchtlinge wechseln vermehrt den Glauben. Hiesige Kirchen sind bereit, sie zu taufen. Doch die Entscheidung kann für Konvertiten auch negative Folgen haben.

Anina Gepp
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Wer sich taufen lassen will, muss zeigen, dass er den christlichen Glauben auch leben will. (Symbolbild)

Wer sich taufen lassen will, muss zeigen, dass er den christlichen Glauben auch leben will. (Symbolbild)

Keystone

Die Landeskirchen in Deutschland, die sonst unter Mitgliederschwund leiden, freuen sich über neuen Zuwachs. In den letzten drei Jahren konvertierten mehr als 2000 Muslime zum Christentum. Zwar wird in der Schweiz nicht erhoben, wie viele Flüchtlinge sich pro Jahr taufen lassen, doch das Phänomen ist auch hierzulande bekannt. In Zürich etwa bietet die Freie Evangelische Gemeinde eigene Gottesdienste für Iraner und Afghanen an, die von einem persischen Pastor in der Muttersprache geleitet werden.

Eine Anfrage in Oberengstringen

Auch im Limmattal setzt man sich mit der Thematik auseinander. «Religionswechsel gibt es, und sie sind auch erlaubt unter dem Gesichtspunkt der Religionsfreiheit», sagt Jürg Wildermuth, Pfarrer der reformierten Kirche Schlieren. Bisher habe er zwar keine konkreten Anfragen für einen Religionswechsel erhalten. Kontakte zu Muslimen pflege man vor allem durch die langjährige Beziehung zur bosnischen Moschee in Schlieren, so Wildermuth. Der Pfarrer erinnert sich jedoch an eine Sitzung in diesem Frühjahr, an der sich sein Berufskollege Jens Naske über eine solche Anfrage an die reformierte Kirche in Oberengstringen austauschen wollte.

Selbstverständlich sei die Kirche offen für die Aufnahme neuer Mitglieder, so Wildermuth. Wichtig sei es nur, dass die Taufe einem persönlichen Wunsch nach Zugehörigkeit zur christlichen Kirche folgen soll. «Die Taufe soll nicht aus sekundären Asylgründen geschehen», so der Pfarrer.

Von heute auf morgen werde aber sowieso niemand getauft. Eine Aufnahme durch Taufe in die Kirche brauche in allen Fällen eine sorgfältige Vorbereitung, betont Wildermuth. Dazu gehöre ein Taufgespräch und bei Menschen aus anderen Religionen und Kulturen zudem eine längere Begleitung.

Das Christliche Zentrum Silbern in Dietikon ist ebenfalls offen gegenüber Flüchtlingen, die «praktische und seelsorgerische Hilfe erfahren möchten». Falls jemand wirklich zum christlichen Glauben konvertieren wolle, zeige man den Menschen den Weg dahin auf, sagt Pastor Florian Sonderheimer.

Asylsuchende besuchen Kirche

Wer sich taufen lassen will, besucht vorab einen christlichen Glaubensgrundkurs der Freikirche, der sicherstellen soll, dass der Interessierte versteht, worum es beim christlichen Glauben geht. «Es soll dabei deutlich werden, dass die Person diesen Glauben leben will», erklärt Sonderheimer. Mitglied in der Kirchgemeinde könne man nur werden, wenn man die Glaubenstaufe erlebt habe. Menschen mit Migrationshintergrund benötigten zudem eine staatliche Niederlassungsbewilligung.

Im Zentrum Silbern komme es ab und zu vor, dass muslimische Asylsuchende einen der Gottesdienste besuchten, so der Pastor. Diese Veranstaltungen stünden allen Menschen offen. «Wir haben sogar eigens einen Treffpunkt eingerichtet, wo wir Asylsuchenden begegnen wollen. Ihre Religion spielt dabei keine Rolle.» Das Ziel dieses «Treffpunkt Plus» sei es, wertvolle Begegnungen zu machen, Gemeinschaft zu erfahren und interessante Gespräche zu führen.

Sonderheimer betont, dass der Glaube eine sehr persönliche Sache sei und immer von Herzen kommen sollte. «Natürlich besteht die Gefahr, dass jemand konvertieren möchte, um finanzielle Hilfe oder bessere Asylchancen zu erhalten», sagt er. Darum versuche die Gemeinde bestmöglich, die persönlichen Motive der potenziellen Konvertiten abzuschätzen. Wichtig sei zudem, dass die Initiative von den Asylsuchenden selbst komme und ein echter Wunsch nach dem biblischen Glauben spürbar sei.

Ausgrenzung durch die Familie

Sonderheimer weist aber auch darauf hin, dass diese Entscheidung, zu konvertieren, für die meisten Muslime familiär alles andere als eine Besserstellung bedeute. In einigen islamischen Ländern sei die Konversion eines Muslims zu einer anderen Religion heute noch strafbar. In der Scharia ist dafür sogar die Todesstrafe vorgesehen. Sonderheimer sagt: «Konvertiten erleben in vielen Herkunftsländern Ausgrenzung oder Gewalt.»

Christina Asani, 44, Spreitenbach Ich war mit einem Muslim verheiratet. Aber es kommt für mich trotzdem nicht infrage, zu konvertieren. Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht evangelisch-reformierte Christin wäre. Das bedeutet nicht, dass andere Religionen nicht gut sind, aber ich bin mit dem Christentum aufgewachsen und Jesus nimmt darin eine zentrale Rolle ein.
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Rama Morina, 24, Rapperswil Ich bin zufrieden mit meiner Konfession, dem Islam. Er gibt mir Halt und seine Richtlinien ergeben für mich Sinn. Mein Umfeld beschränkt sich bei weitem nicht auf Menschen derselben Konfession. Denn für mich steht immer der Mensch im Zentrum, egal welchen Glauben er hat. Welcher Glaube ihm zusagt, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Karthiga Naguleswaran, 21, Buchs Als Kind wollte ich auch einen Rosenkranz haben wie alle anderen in der Schule. Doch heute würde ich nicht mehr konvertieren wollen. Mit 19 Jahren habe ich mich mit meiner Religion, dem Hinduismus, auseinandergesetzt. Ich bin als Hinduistin aufgewachsen, dieser Glauben gehört zu meiner Identität. Heute bin ich stolz, Hinduistin zu sein.
Pierre-Raymond Makiese, 55, Urdorf Mein Vater ging mit mir in die protestantische Kirche, während meine Mutter mit mir in die katholische Kirche ging. Die Schule im Kongo, wo ich aufwuchs, war ebenfalls katholisch. Ich sehe keinen Grund zum Konvertieren. Alle Religionen sind gleich. Letztlich ist die beste Kirche das eigene Herz, nichts Materielles oder Physisches.

Christina Asani, 44, Spreitenbach Ich war mit einem Muslim verheiratet. Aber es kommt für mich trotzdem nicht infrage, zu konvertieren. Mir würde etwas fehlen, wenn ich nicht evangelisch-reformierte Christin wäre. Das bedeutet nicht, dass andere Religionen nicht gut sind, aber ich bin mit dem Christentum aufgewachsen und Jesus nimmt darin eine zentrale Rolle ein.

Ly Vuong