Was in ihm vorging, war dem jungen Limmattaler nicht anzusehen, als ihm am Bezirksgericht Dietikon am Freitagnachmittag eröffnet wurde, dass er das Gefängnis nicht mehr so bald verlassen wird. Bleich, regungslos und mit hängenden Schultern sass er vor Richter Benedikt Hoffmann, der ihn soeben schuldig gesprochen hatte: vorsätzliche schwere Körperverletzung, pflichtwidriges Verhalten bei einem Unfall, vorsätzliche grobe Verletzung der Verkehrsregeln, Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit, Vergehen gegen das Waffengesetz und mehrfache Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes.

Für den 23-jährigen, vorbestraften Schweizer heisst das: 50 Monate Freiheitsentzug unbedingt – abzüglich der gut 16 Monate, die er bereits in Untersuchungshaft im Gefängnis Pfäffikon verbracht hat. Dort wird er auch vorläufig bleiben: Das Gericht hat entschieden, dass er wegen Wiederholungsgefahr bis zum ordentlichen Strafantritt in Sicherheitshaft bleiben muss.

Bestraft wird der Limmattaler – der auch Kokain und ein illegales Messer besass – hauptsächlich für einen ungewöhnlichen Vorfall, der sich an einem Freitagmorgen im August 2016 zutrug. Auf der Autobahn zettelte der Mann, der nach dem Ausgang auf dem Heimweg war, kurz nach fünf Uhr einen Streit mit einem Taxifahrer an, der knapp vor ihm auf die linke Spur geschwenkt war. Er hängte sich dicht an die Fersen des Taxis und bedrängte dieses mit Lichthupen und dem Signalhorn. Er sei «ein bisschen hässig» gewesen, hatte er an der Verhandlung am Mittwoch zu Protokoll gegeben.

Eskalation vor dem Lichtsignal

Für das Bezirksgericht nicht erstellt war hingegen, dass der Mann das Taxi rechts überholt und danach mit Schikanestopps zu heiklen Bremsmanövern gezwungen hatte, wie es der Taxifahrer ausgesagt hatte. Unbestritten ist hingegen, dass der Limmattaler dem Taxi nach der Ausfahrt Urdorf auf der Bernstrasse folgte und dieses bedrängte, bis die Auseinandersetzung vor dem Lichtsignal, bei dem die Bremgartnerstrasse nach Dietikon abzweigt, eskalierte.

Nachdem der Beifahrer, ein Kunde, das Taxi verlassen und erfolglos versucht hatte, mit dem Verfolger zu sprechen, wendete dieser sein Fahrzeug, wobei er den Beifahrer beinahe erfasst hätte. Danach beschleunigte er rapide und fuhr direkt auf den Taxifahrer zu, der sein Auto mittlerweile ebenfalls verlassen hatte. Dieser wurde über die Motorhaube geschleudert, überschlug sich und kam mit dem Rücken voran auf dem Asphalt zu liegen, während der Täter Fahrerflucht beging. 

Der 57-jährige Taxifahrer musste mehrmals operiert werden und trug schwere, dauerhafte Schäden davon. Er ist bis heute zu 100 Prozent arbeitsunfähig und gemäss Anklageschrift depressiv und suizidal. «Sie haben das Leben dieses Mannes zerstört», sagte Richter Hoffmann gestern. Auch der Staatsanwalt hatte am Mittwoch deutliche Worte gefunden: Der Angeklagte habe «die ganze Lebenskraft» dieses Mannes ausgelöscht, sagte er. 

«Aus völlig nichtigem Grund»

Dem Taxifahrer wird der Verurteilte 25'000 Franken Genugtuung zahlen müssen. Er ist zudem schadenersatzpflichtig – über den genauen Betrag wird jedoch ein Zivilprozess entscheiden müssen. Der Anwalt des Taxifahrers hatte 292'000 Franken verlangt.

Als Strafe hatte der Staatsanwalt fünfeinhalb Jahre Gefängnis gefordert, während der Anwalt des Beschuldigten 36 Monate, davon die Hälfte bedingt, angemessen fand. Das Gericht folgte der Anklage weitgehend. Das Strafmass fiel dennoch etwas tiefer aus, weil eine Gefährdung des Lebens nicht nachgewiesen werden konnte. Hingegen nannte Hoffmann es «besonders verwerflich», dass der junge Limmattaler mit der Tatwaffe Auto gegen einen hilflosen Fussgänger vorgegangen war.

Er rügte ihn zudem dafür, dass er «aus völlig nichtigem Grund» gehandelt habe. So gebe es keinerlei Hinweise auf eine Provokation, die vom Taxifahrer ausgegangen sei. Nicht glaubhaft wiederum sei die Aussage des Beschuldigten, er habe den Mann nicht absichtlich umgefahren. Leicht strafmindernd wirkte sich die Tatsache aus, dass der Limmattaler weitgehend geständig war und, wie es der Richter ausdrückte, «eine gewisse Reue» zeigte — «auch wenn ich meine Zweifel daran habe, wie authentisch diese ist».

Eine weitere Chance, Reue zu zeigen, wird der Verurteilte bereits im August haben: Dann steht er in einem Berufungsprozess vor Obergericht. Er wird beschuldigt, mit zwei Mittätern zwei Männer derart zusammengeschlagen zu haben, dass einer davon dem Tod nur knapp entkam.