Die dunklen Rastas wippen auf und ab, während Cosme Das Neves Vieira auf der Berimbau, einem brasilianischen Musikbogen, dem Rhythmus seines Herzens freien Lauf lässt. Man sieht es ihm nicht nur an, man hört auch, dass der 42-Jährige die Musik im Blut hat. Der gebürtige Brasilianer lebt seit zwölf Jahren mit seiner Frau Anna Olbrich und ihren gemeinsamen Kindern in Schlieren.

Seine musikalische und sportliche Leidenschaft hat er aus Brasilien mit in seine neue Heimat genommen. «Für Cosme ist Capoeira mehr als nur ein Sport. Die Kampfkunst ist seine Lebensphilosophie», sagt Olbrich. Diese versucht der Brasilianer in seiner Capoeira-Schule «Capoeira-Schlieren», den Schülern weiterzugeben.

Das Neves Vieira betreibt den Sport nun schon seit 33 Jahren. Er kommt aus dem brasilianischen Bundesstaat Bahia, der Geburtsstätte des Capoeira. Über die Jahre breitete sich der Kampftanz von dort nach ganz Brasilien aus und mauserte sich zum Nationalsport. «Für die Brasilianer ist Capoeira wie Fussball für die Europäer. Ungefähr 95 Prozent der Bevölkerung beherrschen die Kampfkunst», sagt der Capoeira-Lehrer.

In der Schweiz ist der Kampftanz jedoch noch nicht so bekannt wie in anderen Teilen der Welt, auch wenn an touristischen Orten vermehrt Capoeira-Shows aufgeführt werden. «Die meisten haben schon einmal etwas davon gehört und wissen, dass wir Saltos machen und zu Musik spielen. Eine konkrete Vorstellung davon, was dahinter steckt, haben aber oft nur diejenigen, die den Sport selber betreiben.»

Kampfsport ohne Körperkontakt

Capoeira ist eine Kampfkunst, die zu Musik ausgeführt wird. Dabei sieht es oft so aus, als ob die Gegner miteinander tanzen. Während zwei Kampftänzer in der sogenannten Roda miteinander spielen, stehen die anderen im Kreis um sie herum, singen, tanzen und klatschen zum Rhythmus. Den Takt des Spiels geben die Instrumente vor, die sich am Rand des Kreises befinden.

Die Capoeira-Kämpfer reden dabei bewusst von einem Spiel und nicht von einem Kampf. Das Ziel ist es nämlich nicht, den anderen zu treffen oder zu verletzen, sondern seine Treffer nur anzuzeigen. Dabei werden die Kicks und Schläge vor dem Gesicht oder dem Körper des Gegners abgebremst. «Die Kicks sind schon gefährlich. Würde man ungebremst zuschlagen, dann wäre schnell einer ohnmächtig», sagt Das Neves Vieira. Während des Spiels findet aber fast kein Körperkontakt statt. Der Grundschritt führt immer nach hinten, vom Gegner weg.

Auch beim Angriff führt der Abschluss des Schrittes wieder nach hinten, um einem eventuellen Gegenschlag des Gegners auszuweichen. Da sich der Sport über die Jahre sehr vielfältig weiterentwickelt hat, unterscheiden sich fast alle Capoeira-Gruppen ein bisschen in ihrem Stil voneinander. Es gibt auch keine einheitlichen Regeln oder offiziellen Wettkämpfe.

Bei Capoeira gehe es nicht darum, anderen etwas zu beweisen und einen Pokal zu gewinnen, sagt Das Neves Vieira. «Es geht viel mehr um einen selbst. Wir wollen uns selber weiterentwickeln und über unsere eigenen Grenzen hinauswachsen.» Der Kampftanz ist dementsprechend sehr frei und kreativ. Die Schüler werden sogar dazu ermuntert, die von ihren Meistern erlernte Capoeira-Kunst zu verbessern und ihren eigenen Stil zu entwickeln.

Capoeira ist eine sehr komplette Kampfkunst. Sie enthält viele Elemente, die man auch aus anderen Kampfsportarten wie dem Boxen, Karate oder Kung Fu kennt. Von diesen unterscheidet sich der Kampftanz vor allem dadurch, dass die Capoeira-Kämpfer ihre Kicks immer in Bewegung ausführen. «Wir stehen nie still, sondern bewegen uns ständig zur Musik. Wir führen sozusagen eine Art Tanz auf.»

Auch die Musik ist in anderen Kampfsportarten nicht so präsent. «In den Liedern verarbeiten wir das Alltagsleben und stehen in ständiger Auseinandersetzung mit unserer Kultur», erklärt der Brasilianer. Man lerne durch Capoeira vieles. Einerseits ist die Kampfkunst eine gute Basis für jede andere Sportart. Man trainiert Kondition, Koordination und das Rhythmusgefühl und lernt gleichzeitig, sich selber zu verteidigen und mentale Stärke zu beweisen. «Capoeira zeigt uns aber auch vieles im Umgang mit anderen Menschen und wie man sie mit Respekt behandelt», so Das Neves Vieira.

Für jeden ist etwas dabei

Wie so manche Kampfsportarten wird Capoeira heute immer populärer. In seiner Schule unterrichtet Das Neves Vieira jeden Freitagabend sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene. «In Brasilien gibt es auch Leute, die mit 60 oder 70 Jahren noch mit Capoeira anfangen», sagt er. Durch die grosse Vielfalt dieses Sportes habe es für jeden etwas dabei. Bei Kindern kann man beispielsweise den Schwerpunkt auf die Akrobatik und die Koordination setzen. Andere haben ihr Talent und Interesse eher beim Kampfsport und wiederum anderen liegt die Musik mehr als das Kämpfen und sie singen, tanzen und spielen Instrumente. «Es gibt immer etwas, das man weniger gut kann. Aber ich liebe Capoeira genau deshalb, weil die Kampfkunst all diese Komponenten vereint», sagt der Sportler.

Capoeira ist aber auch ein sehr taktischer Sport. Viel hängt davon ab, wie gut man seinen Gegner analysieren und seine nächsten Schritte voraussagen kann. «Das fiel mir am Anfang schwer, aber Cosme ist besonders gut darin. Seine Gegner beobachtet er sehr genau und studiert so deren Muster und Schwächen«, verrät seine Frau. Dies sei nicht nur im Kampftanz so, sondern auch bei gewöhnlichen Gesellschaftsspielen wie Domino. «Er weiss immer genau, wer noch welche Steine auf der Hand hat.»

Gestärktes Selbstbewusstsein

Auch wenn sie einen Handstand machen oder sich in der Luft drehen, richten Kampftänzer ihre Augen immer auf ihre Gegner. «Man muss immer mit allem rechnen», sagt Das Neves Vieira. «Wenn man einen Angriff plant, rechnet man gleichzeitig schon mit fünf Varianten, wie der Gegner zurückschlagen könnte.» Von seinen eigenen Absichten versucht man dabei möglichst wenig preiszugeben. Teil des Spiels ist es, somit zu verbergen, was man vorhat und was man kann. «Wir sagen deshalb oft, ein Capoeira-Kämpfer ist wie ein Schauspieler.»

Viele von Das Neves Vieiras Schülerinnen und Schüler hätten durch die Capoeira-Lektionen und die Kämpfe in der Roda an Selbstbewusstsein gewonnen. «Ich habe einen erwachsenen Schüler, der einen Schlaganfall hatte. Seither ist eine Hälfte seines Körpers stark eingeschränkt in der Bewegung.

Im Capoeira-Training hat er aber wieder deutlich an Beweglichkeit gewonnen. Auch seine anfängliche Schüchternheit hat er überwunden und er macht begeistert in der Roda mit», erzählt Das Neves Vieiras. Der Kampftanz habe seinem Schüler geholfen, die Hemmschwelle seiner Krankheit zu überwinden.