Maturarbeit
Tamira Ernst betrachtet behinderte Kinder genauer

Tamira Ernst fotografierte für ihre Maturaarbeit behinderte Kinder aus der Tagesschule «Visoparents» aus einem etwas anderen Blickwinkel. Ihre Maturaarbeit ist mit 50 weiteren in der ETH ausgestellt.

Meret Michel
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Tamira Ernst wurde für ihre Fotografie-Maturarbeit ausgezeichnet.jpg

Tamira Ernst wurde für ihre Fotografie-Maturarbeit ausgezeichnet.jpg

Limmattaler Zeitung

Tamira Ernst hat einen aufmerksamen Blick, der nicht nur im Gespräch mit ihr auffällt. Sie hat ihn auch in ihrer Maturarbeit «Visoparents - Wir sind Helden» unter Beweis gestellt. Die Fotoreportage in der Tagesschule für blinde, seh- und mehrfach behinderte Kinder des Vereins «Visoparents» in Zürich Oerlikon wurde von «Impuls Mittelschule» zu einer der 50 hervorragendsten Maturitätsarbeiten im Kanton Zürich ernannt. Die Arbeiten sind zurzeit im Hauptgebäude der ETH Zürich ausgestellt. Fünf davon werden zudem von einer Jury ausgewählt und bei der Preisverleihung heute Abend ausgezeichnet (siehe Box).

Ausgewählt: 50 herausragende Arbeiten

Insgesamt 50 Maturitätsarbeiten wurden von «Impuls Mittelschule» ausgewählt und sind in der ETH Zürich zu sehen. Neben der Fotoreportage von Tamira Ernst sind in der Ausstellung auch drei Arbeiten von Schülerinnen der Kantonsschule Limmattal zu sehen. Lia Hellwig aus Dieitkon hat mit «Hello Leprechaun. The formation of an educational radio play for children» ein Lernhörspiel für Kinder im Vorschulalter konzipiert. Die Geroldswilerin Leonie Flückiger hat mit «Wenn Struktur und Oberfläche von Naturobjekten die Mode inspiriert» ihre eigene Modekollektion gemacht und Melina Ehrsam aus Affoltern am Albis hat in «Die Herstellung (m)eines Parfüms» ein Honig-Cassis-Parfüm entwickelt. Die Maturaarbeiten sind noch bis zum 24. Mai in der ETH ausgestellt.

Hemmschwellen überwinden

«In meiner Arbeit wollte ich das Soziale mit dem Kreativen verbinden», sagt die Uitikerin, die die Kantonsschule Wiedikon besucht. Auch dass sie fotografieren will, war klar. «Ich habe schon immer gerne mit der Kamera gearbeitet. Ausserdem glaube ich, ein Thema so zusätzlich aus einer anderen Perspektive zeigen zu können, als wenn ich nur darüber schreiben würde.»

Die Idee für das Thema kam ihr dank eines Sozialeinsatzes bei der Tagesschule «Visoparents». «Es war das erste Mal, dass ich mit Behinderten in Kontakt gekommen bin», erzählt die Schülerin. «Am Anfang hatte ich Hemmungen gegenüber den Kindern», sagt Tamira. Vor allem, dass sich ihr viele der Kinder nicht richtig mitteilen konnten, habe ihr Mühe bereitet. «Hat man die Berührungsängste jedoch überwunden, sieht man die Kinder mit anderen Augen. Die Behinderung spielt dann keine Rolle mehr.»

Diese Perspektive will Tamira auch in ihren Bildern vermitteln: Nicht das Offensichtliche, die Behinderung, soll der Betrachter wahrnehmen, sondern das Kind hinter seiner Beeinträchtigung. «Ich möchte mit meinen Bildern nicht provozieren», sagt die Fotografin und nennt zum Vergleich die Werbeplakate von «Pro Infirmis»: «Dort springt die Behinderung sofort ins Auge, mit dem Ziel, den Betrachter aufzurütteln.» Tamira jedoch verfolgt ein anderes Ziel - statt das Offensichtliche darzustellen, möchte sie im Gegenteil zum genaueren Hinschauen anregen.

100 Bilder in fünf Tagen

Um den Alltag der Kinder einzufangen, habe sie sich viel Zeit nehmen müssen, so Tamira. Schon nur dadurch, dass sie sich für analoge statt digitale Fotografie entschieden hat. «Manchmal habe ich einem Kind eine Stunde lang nur beim Spielen zugeschaut, bevor ich ein Bild gemacht habe.» An fünf Tagen in der Schule sind so gerade mal 100 Fotos entstanden. «Mit Digitalfotografie hätte ich dieselbe Anzahl in fünf Minuten gemacht. Ich bin aber der Meinung, dass das genaue Beobachten fast wichtiger ist als das Fotografieren selber.»

Die Hemmschwelle, von den Kindern Fotos zu machen, war anfangs noch gross: «Ich habe mich oft gefragt, ob es richtig ist, die Kinder zu fotografieren. Sie können sich schliesslich nicht dagegen wehren.» Trotzdem glaubt Tamira, den Kindern mit ihrer Arbeit etwas Gutes getan zu haben. «Wenn die Leute bei meinen Bildern die Kinder sehen statt ihre Behinderung, habe ich mein Ziel erreicht.»