Wirtschaft, Politik und Gewerbe treffen sich jedes Jahr in Schlieren zum «Tag der Wirtschaft». Morgen ist es wieder soweit. Der Schlieremer Unternehmer und FDP-Politiker Andreas Geistlich wird den Anlass als Co-Präsident der Wirtschaftskammer Schlieren (WKS) eröffnen. Zusammen mit der Stadt ist die WKS für die Organisation verantwortlich. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Zukunft. In Schlieren sei man dafür gerüstet – dank sinnvollen Investitionen wie Limmattalbahn, Spital und Stadtplatz, findet Unternehmer Geistlich.

Herr Geistlich, in 20 Jahren dürfte die Anzahl der über 65-Jährigen in Schlieren von heute 1800 auf 3000 ansteigen. Was bedeutet das für die Wirtschaft? Gehen Schlieren womöglich die Arbeitnehmer aus?

Andreas Geistlich: Nein, denn ich gehe davon aus, dass dank dem Wachstum der Stadt auch die Anzahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zunehmen wird. Zudem dürfte das Arbeiten im Alter in 20 Jahren viel weiter verbreitet sein, als es dies heute ist.

Das Limmattal boomt – in Schlieren gibt es derzeit 15 000 Arbeitsplätze und die Anzahl an Firmen ist in den letzten 20 Jahren um 400 gewachsen. Sind Sie als Mann der Wirtschaft damit zufrieden?

Für den Wirtschaftsstandort Schlieren und die Standortförderung ist dies ein schöner Erfolg. Die Zunahme der Firmenzahl und der Firmengründungen reflektiert auch einen Trend hin zum gelebten Unternehmertum, der mich sehr freut. Denn dies bedeutet nämlich, dass Menschen Initiative ergreifen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Am Donnerstag findet der 14. Schlieremer Tag der Wirtschaft statt zum Thema «Die 10-Millionen-Schweiz». Der Bund rechnet im Jahr 2038 mit dieser Zahl an Einwohnern. Wie sehen Sie die Wachstumschancen von Schlieren?

Vieles ist gut aufgegleist für ein Schlieren in der «10-Millionen-Schweiz». Die übergeordnete kantonale Richtplanung steht, und der kommunale Richtplan ist in Arbeit. Limmattalbahn, Neubau von Spital und Schulhaus, Stadtplatz und so weiter sind alles sinnvolle Investitionen in die Zukunft. Zudem ist unser Firmenmix hervorragend. Wir Schlieremer haben allen Grund, positiv in die Zukunft zu blicken.

Sie sind im Kantonsrat Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben und Co-Präsident der Wirtschaftskammer Schlieren. Wie setzen Sie sich für den Standort Schlieren ein?

Ich bin ein Advokat für das Limmattal! Ich habe schon mehrfach Kantonsräte nach Schlieren eingeladen und ihnen gezeigt, was hier abgeht. Alle waren extrem beeindruckt.
Sie haben sich kürzlich im Kantonsrat für den Bio-Technopark in Schlieren stark gemacht und angeregt, dass nicht alle Forschung in den geplanten Innovationspark nach Dübendorf geht.

Wie wurde dies aufgenommen?

Es geht mir darum, dass der Innovationsplatz Zürich nicht nur auf Dübendorf reduziert wird, sondern dass auch bestehende Strukturen wie etwa der Bio-Technopark in Schlieren integriert werden. Ich möchte, dass der erfolgreiche Bio-Technopark als Mitglied im Swiss Innovation Park aufgenommen wird und so von dessen Netzwerk profitieren kann. Der entsprechende Vorstoss von mir wurde im Rat diskussionslos überwiesen und von der Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh auch gerne entgegengenommen. Das heisst, dass mein Anliegen verstanden wurde.

Wie wird Schlieren Ihrer Ansicht nach im Kanton wahrgenommen?

Man erkennt, dass dem Limmattal als Wirtschaftsregion und als stark wachsendes Gebiet eine besondere Bedeutung zukommt. Man anerkennt jedoch noch zu wenig die enorme Leistung, die hier vollbracht wird im Bereich der Integration.

Sie sind seit fünf Jahren auch Präsident des Vereins Start Smart Schlieren. Was reizt Sie an der Förderung von Jungunternehmerinnen und -unternehmern?

Die Jungunternehmerszene ist enthusiastisch und unverbraucht. Die Idee der Standortförderung Schlieren, hier Startups anzusiedeln, hat mich von Anfang an überzeugt. Unser Vereinsmotto «Wir bringen Menschen mit Ideen nach Schlieren» symbolisiert den Aufbruch der Stadt in eine neue Ära. Das passt für mich.

Die sich im Bau befindliche Limmattalbahn bezeichneten Sie einst als Jahrhundertprojekt. Was bedeutet es für die Wirtschaft, wenn sie am 23. September vorzeitig gestoppt würde?

Die Limmattalbahn ist ja nicht nur eine Bahn, sondern ein ganzheitliches Verkehrsprojekt, welches helfen wird, die Pendlerströme zu bewältigen. So gesehen profitiert auch die Wirtschaft davon. Ein Stopp jetzt wäre ein Schildbürgerstreich erster Güte. Aber auch wenn ich den involvierten Bauunternehmungen einen hervorragenden Job attestiere: Die Bauphase ist für die einheimische Wirtschaft natürlich eine grosse Belastung.

Nach der gescheiterten Abstimmung zum Stadtsaal im vergangenen Frühling fehlt es dem Schlieremer Gewerbe immer noch an einem geeigneten Ort für Kongresse und öffentliche Anlässe. Das ist ein schlechtes Signal an die Wirtschaft, oder was halten Sie davon?

Ja, das ist leider so. Nicht nur an die Wirtschaft, sondern auch an die Vereine. Ich hoffe, dass bald eine neue Vorlage kommt.

Schlieren gilt als Biotech-Valley der Schweiz. Welche weiteren Clusters sollen hier demnächst angesiedelt werden – angedacht war ja eine Anhäufung von Medienunternehmen und eine konzentrierte Motor-Meile.

Dies zu definieren ist Sache des Stadtrates und der Standortförderung. Ich persönlich fände den Bereich digitale Welt spannend.

Die Schlieremer Firma Geistlich ist im chemischen Industriesektor tätig. Die Entstehung der Familien-Aktiengesellschaft geht bis ins Jahr 1851 zurück, damals gründete Heinrich Geistlich in Zürich die «Lymhütte», eine Manufaktur für Knochenleim. Was haben Ihre Vorfahren richtig gemacht, dass sich die Firma über all die Jahre gut halten konnte?

Unsere Vorfahren haben immer wieder Neues gewagt und ständig in das Unternehmen investiert. Die heutigen Aktivitäten der Firma haben mit klassischer Chemie nicht mehr viel zu tun. Vom traditionellen Klebstoffgeschäft haben wir uns vor zwei Jahren getrennt. Heute sind wir in der Medizinaltechnik und im Immobilienbereich sehr erfolgreich tätig. Industrielle Reinigungstextilien und kosmetische Produkte runden das Sortiment ab.

Was wird die nächste Generation richtig machen müssen, wenn das Unternehmen weiterhin florieren soll?

Ich denke, jede Unternehmergeneration muss die Firma für sich neu definieren. Es gilt, eine Unternehmenskultur zu gestalten, in der Neues entstehen kann und trotzdem das Bewährte gepflegt wird.

Zum Schluss zurück zum Limmattal: Es ist eine der am stärksten wachsenden Regionen der Deutschschweiz. Was wünschen Sie sich für das Limmattal?

Die Vielseitigkeit des Tals soll trotz des Wachstums erhalten bleiben. Die Regionale Projektschau Limmattal setzt sich ja genau für dieses Anliegen ein. Für die Menschen, die hier wohnen, wünsche ich mir, dass das Limmattal nach all der Bauerei und den politischen Zwisten rund um die Limmattalbahn auch wieder zur Ruhe kommt.

Und was geben Sie aus Sicht der Wirtschaft dem neu gewählten Stadtrat mit auf die erste Legislatur?

Wir wünschen uns, dass der Stadtrat eine Wirtschaftsstrategie ausformuliert, also einen Leitfaden für das Planen und Handeln in Sachen Wirtschaftsfragen in Schlieren. Wir wünschen uns auch, dass der Stadtrat ein offenes Ohr für die Anliegen der Wirtschaft hat und uns – dort, wo wir betroffen sind – über partizipative Verfahren in die Entscheidungsfindung miteinbezieht. Und wir erwarten, dass die Arbeiten rund um den kommunalen Richtplan bald in die Formulierung einer neuen Bau- und Zonenordnung münden, welche planerische Rechtssicherheit bedeutet. Zudem ist und bleibt die verkehrstechnische Erschliessung der Firmen und Geschäfte essenziell.

Tag der Wirtschaft 2018, «Die 10-Millionen-Schweiz», 6. September. Mehr Informationen unter: www.tagder-wirtschaft.ch. Anmeldung und Tickets für 70 Franken.