In der Schweiz wachsen schätzungsweise 100 000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Hinzu kommen diejenigen, deren Eltern an einer anderen Sucht leiden. Die Kinder verschweigen oftmals ihre Not aus Loyalität gegenüber den Eltern. Diese wiederum verheimlichen aus Angst und Scham ihre Krankheit.

Deshalb erfährt vielfach niemand ausserhalb der Familie von der schwierigen Situation. Dementsprechend erhalten Betroffene auch keine Hilfe. Die Stiftung Sucht Schweiz will dies ändern. Mithilfe einer nationalen Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern will sie das Tabu brechen und die Öffentlichkeit für die Situation und Bedürfnisse dieser Kinder sensibilisieren.

Die Aktionswoche findet vom 11. bis 17. Februar statt und beinhaltet unter anderem Kurse, Diskussionen und Weiterbildungen. Damit reiht sich die Schweiz in eine internationale Bewegung ein. Länder wie Deutschland oder Grossbritannien führen bereits seit mehreren Jahren in den Tagen um den Valentinstag eine solche Aktionswoche durch.

Arbeit mit Schulen

Die jeweiligen Angebote werden von den regionalen Präventionsstellen organisiert. Dazu gehört auch die Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon. Stellenleiterin Karin Aeberhard und Präventionsfachfrau Gabriela Hofer konnten die Bibliotheken Dietikon, Schlieren und Affoltern zum Mitmachen bewegen. «Es wird Thementische mit Broschüren, Büchern und Filmen geben», sagt Aeberhard.

Sie leitet die Fachstelle mit Sitz in Schlieren und teilt sich die Arbeit mit Gabriela Hofer und zwei weiteren Mitarbeiterinnen. Die Stelle arbeitet nicht mit Direktbetroffenen, sondern mit Gemeindebehörden, Schulen, Lehrpersonen oder Spielgruppenleiterinnen und unterstützt diese mit Informationen, Lehrmaterial und Weiterbildungen für Fachpersonen.

«Wir hoffen, dass betroffene Kinder, während der Aktionswoche merken, dass die Verhältnisse, in denen sie aufwachsen, nicht normal sind. Sie sollen das Gefühl bekommen, dass sie nicht alleine sind und jederzeit Unterstützung erhalten können», so Aeberhard. Es solle ein Klima geschaffen werden, in dem Eltern und Kinder das Schweigen brechen. Das Tabu sei nach wie vor gross. «Es ist einfacher, zu sagen, mein Vater hat Krebs, statt zu sagen mein Vater ist Alkoholiker», sagt Hofer. Die Annahme, dass es sich bei einer Sucht um eine Charakterschwäche handle, sei falsch. «Eine Sucht ist eine Krankheit.»

Hofer und Aeberhard ist es ein Anliegen, dass die Aktionswoche möglichst viel Aufmerksamkeit erhält. «Suchterkrankungen in der Familie prägen das spätere Leben der Kinder», sagt Aeberhard. «Ein Drittel erkrankt selbst an einer Sucht. Ein weiterer Drittel trägt psychische Schäden davon. Das letzte Drittel schafft es, das Leben zu meistern, trotz Schaden aus der Kindheit», sagt Hofer.

Dass viele dem elterlichen Muster folgten, liege auf der Hand. «Die Kinder lernen, dass beispielsweise Alkohol eine Bewältigungsstrategie ist», so Hofer. Häufig suchten sie sich im Erwachsenenalter einen Partner, der ebenso an einer Sucht leidet. «Die Sucht ist etwas Vertrautes, mit dem man umgehen kann», sagt Hofer. Ein Teufelskreis.

Wie stark die Suchterkrankung im Elternhaus die Kinder beeinflusst, hängt auch von der Länge der Sucht und vom Alter des Kindes ab. «Je jünger die Kinder sind, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen. Ein Kleinkind braucht Nähe zu Bezugspersonen. Wenn es sich nicht auf sie verlassen kann, keine Geborgenheit und keinen Rückhalt erfährt, wird das Kind sein ganzes Leben Probleme haben, jemandem zu vertrauen», sagt Hofer.

Auch für ältere Kinder sei es keine leichte Situation. Sie würden oftmals die Elternrolle für die kleinen Geschwister übernehmen. «Wenn sie nach Hause kommen, müssen sie sich zuerst um den Haushalt und die Geschwister kümmern, ehe sie Hausaufgaben erledigen oder ihren Bedürfnissen nachgehen können», sagt Hofer.

Die Probleme der Kinder könnten durch die Präsenz von anderen Bezugspersonen wie etwa dem gesunden Elternteil, den Grosseltern oder Götti und Gotte gemildert werden. Auch Lehrpersonen, Kita-Betreuerinnen oder Schulsozialarbeitende könnten diese Aufgabe übernehmen.

Bessere Chancen für Knaben

Statistiken zeigen, in welchem Fall die Kinder noch die besten Chancen auf ein normales Erwachsenenleben haben. «Am besten ergeht es einem Knaben mit einem suchtkranken Vater», sagt Hofer. Knaben könnten sich besser abgrenzen, während Mädchen sich mehr um den kranken Elternteil kümmern würden. Zudem würden Väter die suchtkranken Partnerinnen eher verlassen, als Mütter ihre suchtkranken Partner. Das führe dazu, dass die Kinder eher bei der suchtkranken Mutter aufwachsen.

Aeberhard und Hofer sind sich bewusst, dass eine einmalige Aktion vermutlich nicht viel Besserung bringen wird. «Es wäre wichtig, dass mindestens jährlich ein Anlass stattfindet, der Aufklärung bietet», sagt Aeberhard.

Die Suchtpräventionsstelle versucht das ganze Jahr hindurch Bezugspersonen aus Schule, Kindergarten und Spielgruppe zu sensibilisieren und weiterzubilden. «Es ist wichtig für die Kinder, dass sie im Alltag einen Rahmen finden, in dem sie die schwierige familiäre Situation kompensieren und einfach sie selbst sein können», sagt Hofer. Es sei die Aufgabe der Bezugspersonen den Kindern das ausserhalb des Elternhauses zu ermöglichen.