«Manchmal ist es hier so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.» Was Strick-Club-Leiterin Judith Kündig im Voraus gesagt hat, erweist sich als wahr: Kreuz und quer reden die Frauen durcheinander, im Gang faucht die Kaffeemaschine. Die Finger fliegen, die Wollknäuel tanzen über den Boden, die gestrickte Ware zuckt an den Stricknadeln hin und her. Nur das Klicken und Klacken der Nadeln muss man sich dazudenken, das geht im Geplauder unter. Es ist wirklich laut. Laut und herzlich. «Das ist der Vorteil beim Stricken: Man kann problemlos gleichzeitig schwatzen», sagt Kündig und die Frauen lachen und nicken.

Es ist Mittwochabend. Alle zwei Wochen treffen sich acht Frauen hier in einem kleinen Raum im Schulhaus Kalktarren in Schlieren. Judith Kündig hat den Strick-Club vor rund vier Jahren gegründet. «Eigentlich träume ich seit jungen Jahren von einem eigenen Handarbeitsladen, aber dafür bin ich einfach nicht risikofreudig genug», sagt Kündig. Im Strick-Club wird gelismet, genäht, gehäkelt und gefilzt, Kaffee getrunken und Kuchen gegessen; ab und zu gibt es sogar Sekt und Lachsbrötli. Alles ohne Zwang, alles freiwillig. Wer nicht stricken will, darf auch einfach so hier sitzen. Kündig: «Uns geht es um Spass und Geselligkeit.»

Augenfällig ist: Am Tisch sitzen keine ältlichen Lismi-Tanten, sondern Frauen im besten Alter. Sogar vier ganz junge; Töchter, Gottemeitli und Nichten. Nur an Männern fehlt es; erwartungsgemäss. «Ein Mann in dieser Runde, das wäre ein Highlight», sagt Kündig und lacht.

Den Psychiater gespart

Das Schwatzen ist das A und O und mit auch ein Grund, weshalb Kündig den Club gegründet hat: «Viele Menschen sind in ihren vier Wänden gefangen und kommen nicht raus. Hier können sie ihr Herz ausschütten», sagt Kündig und versichert: Was an diesem Tisch in der Strick-Club-Runde erzählt werde, bleibe auch hier. Und eine der Frauen stellt trocken fest: «Wir sparen uns so den Psychiater.» Die Abende ziehen sich deshalb auch regelmässig in die Länge: Vor Mitternacht gehen die Frauen selten nach Hause.

An diesem Abend gibt es lauwarmen Rhabarberkuchen und Kaffee. Die Frauen plaudern über Gartengrills, streunende Hunde, Handarbeitsunterricht und sockenstrickende Männer, diskutieren über Lehrabschlussprüfungen, Esso-Tankstellen und Parkkarten. Und immer wieder muss eine Hund Siro unter den Tisch scheuchen, der mit flehendem Blick nach Kuchen bettelt. Auch wenn man eigentlich völlig fremd ist in der Runde, fühlt man sich sofort als Teil davon. Uns selbst das Stricken geht plötzlich wieder ganz leicht von der Hand, auch wenn es seit dem letzten Versuch Jahre her ist. «Inestäche, umeschlo, durezieh und abelo», ganz einfach.

Entspannend und gut fürs Gehirn

Stricken ist wieder in, das Geschäft mit Garn und Nadel blüht. «Lismen ist wieder spannend», sagt Kündig. Das liege nicht zuletzt an den Wollproduzenten, die immer verrücktere Produkte auf den Markt bringen. Doch längst nicht nur: «Lismen ist gut fürs ‹Hirni›», sagt Kündig und doppelt nach: «Das ist sogar medizinisch bewiesen.» Jede Hand mache etwas anderes, das sei gut für die Motorik. Ausserdem müsse man den Kopf ganz schön bei der Sache haben, gerade wenn man ein Muster strickt, Bordüren oder Knopflöcher. Das halte das Gehirn auf Trab. Und trotzdem entspanne es, lasse Zeit zum Plaudern und fördere die Geselligkeit. «Stricken ist eben mehr als bloss Handarbeit.»