Oetwil
Streit um Bonächer-Einzonung: Oetwil steht heisse Gemeindeversammlung bevor

Philipp Frei (SVP) stört sich an einer Tafel, die für ein Siedlungsprojekt im Oetwiler Gebiet Bonächer wirbt.

Sibylle Egloff
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Seit Mitte Juli ziert diese Tafel das Maisfeld im Bonächer. Sie zeigt, wie das 3,5 Hektaren grosse Land einst aussehen könnte.

Seit Mitte Juli ziert diese Tafel das Maisfeld im Bonächer. Sie zeigt, wie das 3,5 Hektaren grosse Land einst aussehen könnte.

Limmattaler Zeitung

«Generationenübergreifend», «Qualitätsvoll», «Naturnah». Diesen Adjektiven konnte sich wohl kein Spaziergänger entziehen, der in den letzten Wochen entlang der Limmat in Oetwil unterwegs war. Sie prangen seit Mitte Juli auf einer vier Meter hohen Tafel im Maisfeld am Ende der Bohnäckerstrasse. Und nicht nur das. Die Tafel zeigt Visualisierungen, wie sich das Gebiet Bonächer, das sich am westlichen Rand der Gemeinde befindet und von der Limmat, der Mutschellenstrasse und der Limmattalstrasse begrenzt wird, entwickeln könnte. Ein Park mit Wohnhäusern und ein direkter Zugang zur Limmat sind zu sehen. Hinter der Plakat-Aktion stehen die vier Grundeigentümer des rund 3,5 Hektaren grossen Areals, das derzeit landwirtschaftlich genutzt wird.

In Oetwil mangelt es an Baulandreserven. Deshalb plant die Gemeinde die Einzonung des Landes, damit Oetwil dem gemäss regionalem Raumordnungskonzept prognostizierten Wachstum von heute etwas über 2'400 Einwohnern auf rund 2'700 Einwohner bis ins Jahr 2030 standhalten kann. Am 25. September stimmen die Bürger an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung über die revidierte Bau- und Zonenordnung (BZO) ab, die unter anderem diese Einzonung vorsieht.

Irreführung der Stimmbürger

Einzonungs-Gegner Philipp Frei (SVP) ist diese Tafel ein Dorn im Auge. «Der Stimmbürger wird bewusst irregeführt», sagt er. Was da auf der Tafel visualisiert sei, werde nie Realität werden. «Man gaukelt den Leuten etwas vor, zeigt ihnen auf ein paar hübschen Bildern ein Pärkchen und Gärten, die bis zur Limmat reichen.» Die Eigentümer würden das Land verkaufen und nicht selber bauen. «Ein Investor wird das Land aufs Maximum ausnutzen. Alles wird dichter, als es hier aussieht», ist sich Frei sicher. Im Mai gründete er ein überparteiliches Komitee, das sich gegen die Einzonung des Bonächers wehrt. Es zählt laut Frei 30 Sympathisanten. Die ebenso von Frei erstellte Facebook-Gruppe «Nein zur Einzonung des Bohnächers» hat über 300 Mitglieder.

Auch inhaltlich stimmt Frei nicht mit den Landbesitzern überein. Er verweist auf die Website der Initianten, die auf der Tafel ersichtlich ist. «Dort steht das, was auch vom Gemeinderat immer wieder propagiert wird: Oetwil neigt zur Überalterung und leidet unter erhöhten Sozialkosten. Es ist aber auch zu lesen, dass auf dem Land Wohnraum für Leute über 55 entstehen soll.» Das sei ein Widerspruch.

Frei stört sich zudem an den verwendeten Zahlen. «Auf der Website ist die Rede von 300 neuen Einwohnern auf diesem Gebiet. Der Gemeinderat sprach bei einer Informationsveranstaltung zur revidierten BZO von bis zu 300 Wohneinheiten. Das ist ein entscheidender Unterschied.» 300 Einwohner mehr seien verkraftbar, 300 neue Wohneinheiten nicht. «Die Infrastruktur von Oetwil ist dafür nicht ausgelegt. Grosse Investitionen wären nötig, was wiederum einen negativen Einfluss auf den Steuerfuss und die Wohnqualität zur Folge hätte.» Diese Zahlenspielerei sehe er ebenso als eine Irreführung der Bürger. Zu bedenken sei überdies, dass mit der vorgesehenen inneren Verdichtung, die ebenso Bestandteil der Revision ist, weitere 200 Personen im Dorf dazukämen.

Frei spricht sich für dieses verdichtete Bauen aus. Wenn dieses ausgeschöpft sei, könne man immer noch die Einzonung des Reservelands in Betracht ziehen. «Ich sehe nicht ein, dass man auf Vorrat bauen muss, wenn so viele Räume und Wohnungen in der Region freistehen.» Frei befürchtet zudem, dass der Oetwiler Dorfcharakter durch ein neues Quartier verloren gehen könnte. «In Oetwil kennt man sich. Es gibt keine Anonymität. Durch diese Zersiedelung wäre das aber genau der Fall.»

Badestrand und Restaurant

Helena Portenier versteht die Aufregung um die Tafel nicht. Sie ist eine der vier Grundeigentümer im Bonächer. «Uns Landbesitzern geht es darum, den Leuten eine Vision aufzuzeigen, damit sie sich vorstellen können, was im Bonächer möglich ist», sagt sie. Etwas Schönes solle es geben, und ja keine Betonklötze. Portenier wünscht sich unter anderem eine Renaturierung des Limmatufers mit Badestrand, einen Kinderspielplatz, ein Restaurant und ein grosses, überdachtes und üppig bepflanztes Atrium. Weitere Ideen aus der Bevölkerung nehme man gerne entgegen.

Der künftige Wohnraum im Bonächer ist nicht nur für Familien, sondern auch für über 55-Jährige gedacht. «Wem in fortschreitendem Alter Haus und Garten oder die grosse Wohnung zu viel wird, hat in Oetwil Schwierigkeiten, eine Alterswohnung mit gehobenem Standard zu finden», sagt Portenier. Wenn ältere Einwohner in den Bonächer ziehen könnten, würden in Oetwil zudem Häuser und grosse Wohnungen für Familien frei.

Die Bedenken von Frei bezüglich Infrastruktur teilt die Oetwilerin nicht. «Die Wohnhäuser würden sukzessive erstellt. Da kommen nicht aufs Mal 300 Personen nach Oetwil.» Den künftigen Wohnraum im Bonächer sieht sie nicht als Zersiedelung. «Es ist vielmehr ein schöner Abschluss des Dorfs.»

Eine Chance fürs Dorf

Portenier sieht die Einzonung als Chance für die Gemeinde. «Mit einem bestehenden Bebauungsgrad von über 95 Prozent und einem Ausbaugrad von knapp 84 Prozent sind die Reserven in Oetwil fast erschöpft. Dem Siedlungsdruck im Grossraum Zürich wird sich Oetwil nicht entziehen können.» Ohne Bonächer habe die Gemeinde kaum Optionen. «Wenn das Land eingezont wird, kann die Gemeinde ihr qualitatives Wachstum aber noch selbst bestimmen», findet Portenier. Dass ein Investor baut, was er will, ist nicht in ihrem Sinne. «Für mich ist diese Vision eine Herzensangelegenheit. Ich will die Umsetzung begleiten und kontrollieren. Ein Aufschub der Einzonung führt ins Ungewisse.»

Portenier ist sich aber bewusst, dass die Einzonung ein emotionales Thema ist, dem nicht alle Oetwiler positiv gegenüberstehen. «Es wird schwierig werden an der Abstimmung. Viele Leute haben Angst, dass Betonblöcke erstellt werden und die Aussicht verschwindet.» Aus diesem Grund will Portenier Anfang September eine Informationsveranstaltung für die Bevölkerung in der Gemeindescheune durchführen. Sie verrät zudem: «Ein überparteiliches Komitee, das sich für die Einzonung einsetzt, ist ebenso am Entstehen.»

Die Gemeindeversammlung im Herbst verspricht spannend zu werden. Dieser Meinung ist auch Gemeindeschreiber Pierluigi Chiodini. «Es ist uns bekannt, dass die Einzonung polarisiert und dass mit Widerstand gerechnet werden muss.» Ob die revidierte BZO durch die Unstimmigkeiten bezüglich der Einzonung gänzlich zu Fall komme, bleibe offen. «Es besteht die Möglichkeit, dass mittels eines Änderungsantrags die Einzonung aus der BZO gestrichen wird und das Geschäft so trotzdem angenommen werden kann.» Falls die Einzonung beim Stimmvolk keinen Anklang findet, ist sie laut Chiodini für die nächsten Jahre vom Tisch. «Die Bau- und Zonenordnung wird nicht alle paar Monate überarbeitet. Es wird dann wohl einige Jahre dauern, bis man eine Einzonung wieder ins Auge fassen könnte.»