Limmattal

Streit um Asylunterkünfte: meist viel Lärm um wenig

Die Asylcontainer Birmensdorf – das jüngste Beispiel für den Widerstand gegen eine neue Unterkunft. Fni

Die Asylcontainer Birmensdorf – das jüngste Beispiel für den Widerstand gegen eine neue Unterkunft. Fni

Der Blick in die Vergangenheit zeigt – das Entsetzen über Asylbewerberunterkünfte legt sich meist schnell. Aktuellstes Beispiel ist die Gemeinde Birmensdorf: Dort hatten sich Bewohner mit Händen und Füssen gegen den Standort der Asylcontainers.

Der Bund will bis zu 140 Asylbewerber in einer Militäranlage im Freiämter 560-Einwohner-Dorf Bettwil unterbringen. In der Aargauer Gemeinde ist die Wut über diese Massnahme gross, gegen den Gemeindeammann wurde sogar eine Morddrohung ausgesprochen. Die Bettwiler wollen die geplante Asylunterkunft mit allen Mitteln verhindern. Ähnlich tönt es beispielsweise in Eglisau: Die Gemeinde kämpft seit Jahren gegen ein geplantes Durchgangszentrum mit 120 Plätzen, mit Unterschriftensammlungen und Kundgebungen.

Die Bevölkerung kämpft gegen die Eröffnung einer Asylunterkunft – eine Geschichte, die sich schweizweit x-fach wiederholt. Auch im Limmattal. Die az Limmattaler Zeitung hat einen Blick in die Archive geworfen und festgestellt: Nach dem Sturm der Entrüstung haben sich die Wogen jeweils schnell wieder geglättet. Und: Vor 20 Jahren war alles noch ein bisschen anders.

In die Kiesgrube verbannen

Aktuellstes Beispiel für den Widerstand ist die Gemeinde Birmensdorf: Dort hatten sich Bewohner mit Händen und Füssen gegen den Standort der Asylcontainer gewehrt. «Nicht hier!», stand auf einem Protestplakat, man schlug vor, die Asylsuchenden in die Kiesgrube zu verbannen.

Inzwischen stehen die Unterkünfte, die 29 Männer sind eingezogen. Die Fassade der Container wurde grün-grau angestrichen und Laubhecken als Sichtschutz zwischen Strasse und Container gepflanzt. Für rote Köpfe sorgte die so genannte «Asylantengasse» – ein Weg, damit die Asylsuchenden direkt zum Bahnhof gelangen können und keinen Umweg durchs Quartier gehen müssen. Erzürnte Leserbriefschreiber und ein umstrittenes Zitat von Gemeindepräsident Werner Steiner schaukelten die Angelegenheit hoch; das Verhalten der Gemeinde nehme apartheidspolitische Züge an, wurde behauptet. Am Donnerstag hat schliesslich der Regierungsrat die Parteien beschwichtigt: Er sehe keinen Anlass, bei der Gemeinde zu intervenieren (az Limmattaler Zeitung von gestern).

«Bis jetzt hatten wir noch keine Probleme mit den Asylsuchenden», sagt Steiner. Die Hotline für verunsicherte Quartierbewohner, die eigens für Notfälle eingerichtet wurde, werde nicht gebraucht.

«Es war kein Thema»

Schlieren beherbergt heute in der Asylunterkunft an der Wiesenstrasse 28 Personen und weitere 50 in verschiedenen Wohnungen; das entspricht dem vom Kanton auferlegten Kontingent von rund 80 Personen. Als die Asylunterkunft vor 20 Jahren gebaut wurde, glaubt sich Sozialvorstand Robert Welti zu erinnern, habe es keinen grossen Aufstand in der Bevölkerung gegeben. «Der Bau wurde nicht an die grosse Glocke gehängt.» Seither habe es keine grösseren Probleme gegeben. Welti: «Wenn die Asylsuchenden anständig betreut werden, dann gibt es nicht mehr Probleme als in jedem Wohnblock.»

Ebenfalls vor rund 20 Jahren wurde das Oberengstringer Asylantenheim am «Lanzrain» gebaut. «Es war kein Thema», erinnert sich Alt-Gemeindepräsident Walter Beck. «Man wusste, dass man es machen muss. Also haben wir es gemacht.» Damals hätte sogar eine Gruppe Frauen Bettwäsche gesammelt und Kleiderschränke für die Möblierung der Unterkunft organisiert.

Unterengstringen hatte jahrelang dafür bezahlt, dass andere Gemeinden ihre Asylsuchenden aufnahmen. Ein Begehren für einen Kredit zur Errichtung eines Wohncontainers beim Alten Schulhaus wurde 2009 an der Gemeindeversammlung deutlich zurückgewiesen. «Alle sind dafür, dass man Asylsuchende aufnehmen soll, aber nicht in ihrer Nachbarschaft», sagt Gemeindepräsident Peter Trombik zum damaligen Tenor. Die üblichen Argumente wie «Kriminalität», «Drogenhandel» und «Vergewaltigung» hätten die Runde gemacht. Heute erfüllt Unterengstringen das Kontingent von 17 Personen zu rund 90 Prozent; die Asylsuchenden wurden in Wohnungen untergebracht. Derzeit wird nicht aktiv nach einer anderen Lösung gesucht, so Trombik. Das Thema «Asylunterkunft» stehe aber auf der To-do-Liste.

Aufmerksamkeit ist gross

Die Asylunterkünfte in den Gemeinden Aesch, Birmensdorf, Dietikon und Urdorf werden von der ORS Service AG betreut, einem Unternehmen, das sich auf die Betreuung und Unterbringung von Asylsuchenden und Flüchtlingen spezialisiert hat. Roman Della Rossa, Kommunikationsverantwortlicher der ORS Service AG, kennt die Ängste und Befürchtungen vor Asyl-Projekten: «Diskussionen entstehen immer dann, wenn die Unterkunft neu eröffnet wird. Je grösser die Unterkunft, desto grösser das Konfliktpotenzial.» Und gerade jetzt, nach dem Arabischen Frühling und den damit verbundenen Flüchtlingsströmen, seien die Aufmerksamkeit und damit auch die Unsicherheit in der Bevölkerung besonders gross – nicht zuletzt deshalb, weil kriminelle Nordafrikaner, hauptsächlich Tunesier, derzeit schweizweit für negative Schlagzeilen sorgen (siehe Box).

Della Rossa bestätigt aber die These vom «Sturm im Wasserglas»: «Sobald eine Unterkunft sieben bis acht Monate geführt wurde, hört man erfahrungsgemäss weder aus der Bevölkerung noch in den Medien etwas.»

Ähnlich tönt es bei Regula Manz, Vizedirektorin und Abteilungsleiterin Sozialhilfe und Unterbringung bei der AOZ (Asylorganisation Zürich), die die Gemeinden Schlieren und Oberengstringen betreut: «Der Aufschrei bei Bauvorhaben von Asylunterkünften ist immer gross.» Da sei es wichtig, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und Befürchtungen und Ängste zu thematisieren. «Wenn die Unterkünfte dann erst einmal gebaut und die Bewohnerinnen und Bewohner eingezogen sind, wird es nicht nur ruhig, sondern wir erleben oftmals sogar engagierte Unterstützung durch die Bevölkerung.»

Wochenkommentar Seite 21

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1