Bienen
Sterben die Bienenvölker im Limmattal aus?

Wenn im Frühjahr die Pflanzen zu blühen beginnen, fliegen die Bienen wieder aus, um Pollen zu sammeln. In den letzten Wochen konnte allerdings der Eindruck entstehen, dass weniger Bienen in der Luft sind als auch schon.

Simon Hungerbühler
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«Früher hatten wir 20 bis 30 Sauerbrutfälle pro Jahr. 2010 waren es 1000», sagt Bienenexperte Richard Wyss. Walter Schwager

«Früher hatten wir 20 bis 30 Sauerbrutfälle pro Jahr. 2010 waren es 1000», sagt Bienenexperte Richard Wyss. Walter Schwager

Limmattaler Zeitung

Hat das einen Zusammenhang mit dem Bienensterben der vergangenen Jahre – oder täuscht das Gefühl? Jean Daniel Charrière, Agronom beim Zentrum für Bienenforschung an der Agroscope in Liebefeld, beruhigt. Zwar habe er von einzelnen Imkern gehört, die in den letzten Monaten grosse Verluste erlitten hätten, «doch dieser Winter war nicht so dramatisch». Die endgültigen Zahlen nach der Auswinterung seien zwar noch nicht erhoben; es deute aber vieles darauf hin, «dass die Völkerverluste geringer sind als in den Vorjahren». Im Winter 2009/2010 sind laut Charrière bis zu 20 Prozent der Völker eingegangen. Nach Angaben des Zentralpräsidenten des Vereins Deutschschweizerischer und Rätoromanischer Bienenfreunde, Richard Wyss, seien Winterverluste von rund zehn Prozent normal.

Auch Wyss zerstreut die Sorge, dass derzeit nur wenige Bienen unterwegs sind. «Ich habe es noch nie erlebt, dass die Bienen so früh ausgeflogen sind wie in diesem Jahr.» In tiefen Lagen hätten die Tiere bereits im Januar Pollen heimgebracht. Und dank des schönen, milden Wetters in den letzten Wochen seien die Völker sehr schnell gewachsen. Allerdings hätten die Bienen mit der Entwicklung der Vegetation nicht ganz Schritt halten können. «Es dauert 21Tage, bis aus einem Ei eine Arbeiterin schlüpft», erklärt der Bienenexperte.

Natelantennen keine Gefahr

Selbst wenn die Winterverluste in diesem Jahr geringer ausgefallen und nicht weniger Bienen ausgeflogen sind als befürchtet – ganz unproblematisch ist die Situation für Bienenvölker in der Schweiz auch dieses Jahr nicht. Harte Wintermonate sind nämlich nicht das Einzige, was den Bienen zu schaffen machen kann. Laut Bienenforscher Charrière gibt es unter anderem bakterielle Erkrankungen wie die Faul- und die Sauerbrut, Parasiten wie die Varroa-Milbe oder Pestizide wie Clothianidin, das zur Beizung von Saatgut verwendet wird, die die Völker gefährden.

Und Gerüchten zufolge litten Bienen unter dem Elektrosmog von Mobilfunkantennen. Doch Letzteres räumt der Agronom sogleich wieder aus: Es gebe keine Hinweise auf einen Einfluss der Strahlung. Zudem: «Bienen laden sich im Flug elektrostatisch sehr stark auf, im Vergleich dazu sind die elektromagnetischen Wellen der Mobilfunkantennen vernachlässigbar», sagt Charrière.

Anders sieht die Bedrohung der Völker durch die Parasiten aus. «Die Varroa-Milbe beschäftigt uns seit mehr als 20 Jahren», sagt Bienenvereinspräsident Wyss. Nur dank sauberer, zeitgemässer Imkerei könne man die Situation einigermassen in Schach halten. Werden die Bienenstände nicht richtig behandelt, werden die Völker durch die Parasiten geschwächt und sind anfälliger für Krankheiten wie Faul- und Sauerbrut. Und die habe man nicht im Griff, sagt Wyss.

Bereits 23 Fälle im Kanton

Auch die Sauerbrut beschäftigt die Imker seit vielen Jahren, doch sind die Zahlen von Bienenvölkern, in denen die Krankheit ausgebrochen ist, in letzter Zeit richtiggehend explodiert. «Früher hatten wir 20 bis 30 Fälle pro Jahr. 2010 waren es 1000», sagt Wyss. Und auch in diesem Jahr sehe die Situation nicht viel besser aus, obwohl man seit 2009 mit einem neuen Bekämpfungskonzept des Bundesamtes für Veterinärwesen gegen die Krankheit vorgehe.

Die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel bestätigt die akute Situation. Weil die Witterung schon früh im Jahr sehr warm gewesen sei, seien die Bienen früher als gewohnt ausgeflogen und die Seuchenfälle entsprechend früher aufgetreten. «Im Kanton haben wir bereits jetzt 23 registrierte Sauerbrutfälle», sagt Vogel. Wie stark sich die Krankheit weiterverbreitet, ist offen. Und ob es mit dem neuen Bekämpfungskonzept gelingt, die Seuche zu bezwingen, lasse sich noch nicht sagen, dazu werde es noch zu wenig lang angewendet. Doch Vogel ist guten Mutes: «Zwar nimmt die Zahl der Fälle noch zu, doch das Wachstum hat sich verlangsamt.»

Bricht die Sauerbrut in einem Bienenvolk aus, bleibt nur dessen Abtötung durch Schwefelgas und die Entfernung der betroffenen Waben. Sind mehr als die Hälfte der Völker eines Standes betroffen, wird der Stand total saniert. Im Bezirk Andelfingen war das in diesem Jahr noch nicht nötig, wie Adrian Ulrich sagt. Der Bieneninspektor des Bezirkes hat aber bereits fünf Teilsanierungen veranlasst. Dabei zeige sich, dass sich die Seuche in seinem Zuständigkeitsbereich geografisch verlagert habe. «Waren in den letzten Jahren Ossingen und Marthalen stärker von der Sauerbrut betroffen, sind es in diesem Jahr die Bienenstände rund um den Irchel.»

Imker sind sensibilisiert

Mit der Arbeit der Imker ist Ulrich zufrieden. Insbesondere Jungimker würden sehr schnell melden, wenn sie in ihrem Bienenhaus einen Ausbruch der Sauerbrut vermuten. Zudem reagierten die Imker verständnisvoll, beispielsweise auf seine Kontrollbesuche, die er nach einem Sauerbrutfall bei allen Bienenbesitzern im Umkreis eines Kilometers um den befallenen Stand macht. Ulrichs Visiten sind denn auch kein Ausdruck des Zweifels am Handwerk der Imker. «Schliesslich kann es jeden treffen, auch den besten.» Und der Bieneninspektor, der selbst 120Völker besitzt, weiss, wovon er spricht. Vor zwei Jahren ist er nämlich selber Opfer der Sauerbrut geworden.

Wie frustrierend ein solches Erlebnis für einen Imker ist, weiss der oberste unter den Bienenfreunden: «Wenn ein Imker das erste Mal von der Sauerbrut betroffen ist, dann ist das eine Katastrophe. Nach dem zweiten oder dritten Mal schmeissen viele den Bettel hin», bilanziert Zentralpräsident Richard Wyss.