Stephan Wittwer, als Sie vor einem Jahr das Gemeinderatspräsidium übernommen haben, bezeichneten Sie sich selber als Schiedsrichter, der nicht zögern werde, die gelbe Karte zu verteilen. Wahr gemacht haben Sie diese Drohung aber nur einmal – und dann hat die Verwaltung die gelbe Karte bekommen. Hat sie kein Gemeinderat verdient?

Stephan Wittwer: Naja, einige der Gemeinderäte sind haarscharf an der gelben Karte vorbeigeschrammt (lacht). Manches, was im Parlament gesagt wurde, war schon an der Grenze des Tolerierbaren.

Wie entscheidet man, ob man eingreift oder nicht?

Das ist tatsächlich nicht ganz einfach. Manchmal bewegt sich jemand ganz knapp an der Grenze des Akzeptablen, fängt sich dann aber gleich wieder auf. Das Problem ist: Bezüglich Respekt gibt es keine klaren Regeln wie im Fussball, bei denen definiert ist, dass man pfeifen muss.

Die Verwaltung beging aber nicht ein Foul aufgrund von fehlendem Respekt, sondern weil aus Ihrer Sicht die Beantwortung von Vorstössen oft zu lange dauert.

Genau. Manchmal nimmt sich die Verwaltung alle Zeit der Welt, um ein Geschäft vorzubereiten, aber wenn es dann bereit ist, sollen die vorberatenden Kommissionen und der Gemeinderat hopp-hopp ihre Sitzungen abhalten und alles durchwinken. Man darf ruhig auch einmal darauf hinweisen, dass das nicht fair ist.

Viel tun können Sie dagegen jedoch auch als Ratspräsident nicht.

Das ist richtig. Als Ratspräsident ist man zwar faktisch der höchste Dietiker, aber man merkt schnell, dass man wenig Einfluss hat. Man ist ein bisschen wie die Königin in England.

Wenn Sie zurückblicken auf das letzte Jahr: Haben Sie immer die richtigen Entscheide getroffen?

Ich hoffe, ja. Doch man kann es nicht allen recht machen und gerät leicht zwischen die Fronten. Aber die Aufgabe des Präsidenten ist es, dafür zu sorgen, dass die Sitzungen ordnungsgemäss verlaufen, und es gehört dazu, dass man Entscheide fällt – und dann auch dahintersteht.

So richtig eskaliert ist die Situation im vergangenen Jahr aber nie.

Wobei ich trotzdem mehrmals intervenieren musste. Ich würde auf jeden Fall nicht sagen, dass es ein besonders ruhiges Jahr war.

Welche Rolle hat dabei gespielt, dass am Ende Ihres Amtsjahres Wahlen waren?

Das habe ich deutlich gespürt – nur schon am Arbeitsvolumen. Es war unglaublich, was da alles kam: Wir hatten noch nie so viele Doppelsitzungen wie im vergangenen Jahr und selten so viele Vorstösse. Daher bin ich froh, wenn die konstituierende Gemeinderatssitzung am Donnerstag vorbei ist und langsam wieder der Alltag einkehrt.

Sie bedauern es nicht, dass Ihr Präsidialjahr nun vorbei ist?

Nein. Es war ein interessantes Jahr, in dem ich viel erlebt und gelernt habe. Aber es ist auch gut, dass es nun vorbei ist, denn die Aufgabe nimmt doch sehr viel Zeit in Anspruch. Zudem musste ich im vergangenen Jahr gleich mit drei verschiedenen Ratssekretären zusammenarbeiten. Die fehlende Konstanz hat den Arbeitsaufwand für mich noch erhöht.

Was war sonst besonders schwierig?

Bei den ersten zwei Sitzungen fragt man sich natürlich noch öfter, ob man alles richtig macht. Doch es gab nichts, was mir Kopfzerbrechen oder schlaflose Nächte bereitet hätte.

Was war Ihr Highlight?

Der Gemeinderatsausflug.

Den Sie selber organisiert haben ...

Ja (lacht). Der war sehr schön. In guter Erinnerung behalten werde ich auch die Altersweihnacht. Generell fand ich es schön, dass ich oft eingeladen wurde und viele Einblicke bekam – sei es bei den Kleintierzüchtern oder dem Armeerapport in der Stadthalle. Es war ein gutes Gefühl, dass ich als Letzter ankommen konnte und doch den besten Platz in der vordersten Reihe bekam. Wann hat man das sonst schon? (Lacht.)

Gemeinderäte ziehen sich nach ihrem Präsidialjahr gern zurück. Sie kehren aber wieder in den normalen Ratsbetrieb zurück. Fällt Ihnen das nicht schwer?

Nein. Ich habe kein Problem damit, mich wieder einzuordnen. Im Gegenteil: Ich freue mich darauf, wieder unter den anderen Räten zu sein und mich dort äussern zu dürfen.

Hat das Präsidiumsjahr Sie als Politiker verändert?

Ich habe heute mehr Verständnis für die Verwaltung. Zudem habe ich das Zusammenspiel zwischen Stadtrat und Gemeinderat von einer anderen Seite kennen gelernt. Einige Gemeinderäte machen es sich zu einfach: Sie poltern über die Stadträte, ohne sich je in ihre Position hineinzuversetzen.

Die Lieblingskritik des Gemeinderats am Stadtrat ist, er nehme sich zu viel Zeit für Geschäfte und setze damit das Parlament unter Druck. Sie sagten kürzlich, diese Kritik sei nicht immer gerechtfertigt.

Nein, das ist sie nicht. Ich habe jetzt gesehen, dass der Stadtrat manchmal seine Sache gut macht und die Antwort auf einen Vorstoss nochmals zurück in die Verwaltung schickt, weil er damit nicht zufrieden ist. Das sieht der Gemeinderat dann nicht.

Morgen Donnerstag soll Christiane Ilg Ratspräsidentin werden. Welchen Tipp geben Sie ihr mit?

Höchstens vielleicht den Rat, den mir auch mein Vorgänger Pius Meier gegeben hat: Schau gut an, was du unterschreibst. Ansonsten will ich gar keine Tipps geben, denn sie soll ihre eigenen Erfahrungen machen und ihren eigenen Weg gehen, sodass sie am Schluss sagen kann: Es war ein gutes Jahr.

Können Sie das nun sagen?

Ja. Aber es ist jetzt auch gut, dass es vorbei ist. Ich würde kein zweites Jahr anhängen wollen.