Stella Hertach, wie sind Sie zum Hebammenberuf gekommen?

Stella Hertach: Ich war mitten in meinem Studium der Germanistik und der Philosophie. Ich hatte einen Studienfreund, der mich zu einer Hausgeburt einlud. Das war so überwältigend. Es war eine Art Eingebung. Dann habe ich mich entschieden, in St. Gallen an der Frauenklinik eine dreijährige Ausbildung zu machen. Und jetzt bin ich seit 28 Jahren als Hebamme tätig.

Was fasziniert Sie daran so sehr?

Ich war beeindruckt vom Werden des Menschen und vom Übergang in das Leben hinein. Welche geburtshilfliche Begleitung braucht die werdende Mutter? Wie schafft sie es, das Vertrauen in sich zu gewinnen?

Die Hebammenarbeit hat mir gezeigt, dass Leben nicht selbstverständlich ist. Als Hebamme muss ich stets aufmerksam und präsent sein. Die Bedürfnisse von Mutter und Kind lassen sich oft nicht verschieben. Ich lebe im Jetzt, wie die Mütter mit ihren Neugeborenen. Diese Herausforderung gefällt mir.

Was ist Ihre Aufgabe als Hebamme?

Als Hebamme bin ich verantwortlich für den physiologischen Prozess. Also Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Die grösste Herausforderung ist, dass ich Mutter und Kind unversehrt und gesund durch den ganzen Prozess begleiten kann. Eine weitere Herausforderung ist, falls dies nicht der Fall ist, sie an die richtige Stelle zu verweisen.

Eine wichtige Aufgabe der freischaffenden Hebamme bei der Wochenbettbetreuung ist die Begleitung im Bindungsprozess, also im Prozess eine Familie zu werden. Ich unterstütze die Eltern, ihr Kind und dessen Bedürfnisse zu verstehen. Ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen, und helfe ihnen, eine eigene Form des Zusammenlebens zu finden. Das braucht Zeit und das sind wir Erwachsenen nicht gewohnt, weil bei uns alles schnell gehen muss.

Wo gibt es am meisten Nachfrage?

Bei der Wochenbettbegleitung. Das liegt vor allem an den kurzen Spitalaufenthalten. Früher blieb man zehn Tage im Spital, dann fünf. Heute müssen Frauen schneller gebären, bleiben danach drei bis vier Tage im Spital. Dann sind sie auf sich gestellt. Sie sind noch erschöpft und durcheinander. Ich erkläre ihnen, dass das am Anfang normal ist, und begleite sie.

Ich möchte den Eltern das Vertrauen geben, sodass sie befähigt werden, den Alltag mit dem Neugeborenen leben zu können. Bei der Wochenbettbegleitung überprüfe ich beim Baby den Gewichtsverlauf, den Stillprozess und die Ernährungsform. Bei der Mutter zum Beispiel die Kreislaufkontrolle, die Rückbildung der Gebärmutter und das allgemeine Befinden.

Was gefällt Ihnen an diesem Beruf?

Mir gefällt, dass ich in einem so wichtigen Moment dabei sein darf, dass ich bei diesem Übergang mit meinem Fachwissen die werdenden Eltern unterstützen kann. Es ist wichtig, wie die ersten Bindungen im Leben laufen. Ich glaube, sie sind bedeutungsvoll für unsere menschliche Entwicklung.

Mir gefällt deshalb nicht, dass man diesen Prozess heute schon ab der Empfängnis so kontrollieren möchte: Es werden schnell pränatale Diagnostiken gemacht und Entscheidungen müssen getroffen werden. Das belastet die Eltern. Die Frauen verlieren das Vertrauen in ihren Körper. Sie haben eigentlich daran geglaubt, dass sie das Kind beispielsweise gesund und ohne Kaiserschnitt auf die Welt bringen können. Deshalb sollte man sie lieber ermutigen und für die Geburt stärken.

Als freischaffende Hebamme besuchen Sie Frauen in ihrer eigenen Umgebung. Wie wichtig ist das?

Ich bin auf diese Weise immer mit der Familie und kann den Entwicklungsprozess besser verfolgen. Es ist spannend, wie man durch diesen Beruf mit Menschen und ihren Schicksalen in Berührung kommt. Als freischaffende Hebamme komme ich zu den Frauen nach Hause in ihre eigene Umgebung.

Ich kann beobachten, abwägen und so gezielt den Frauen mit ihren Bedürfnissen helfen. Dietikon ist in dieser Hinsicht ein sehr spannender Ort zum Arbeiten. Ich habe im Jahr 2017 Frauen aus 28 Nationen betreut. Das ist unglaublich interessant. Jede Familie hat in diesem Prozess andere Bedürfnisse.

Inwiefern?

Es gibt Kulturen, da sind die Frauen sehr zurückhaltend oder sie dürfen das Haus während des Wochenbetts nicht verlassen. Andere wollen ihr Baby jeden Tag waschen, während wir generell ein- bis zweimal pro Woche empfehlen. Das sind Traditionen, die ich in meiner Beratung berücksichtige. Ich bin jemand, der von draussen in die Welt und Kultur eintritt, in der sich die Frauen befinden. Ich versuche, das immer zu respektieren.

Was ist der schönste Moment in Ihrer Karriere, an den Sie gerne zurückdenken?

Das war, als mir eine schwangere Mutter sagte, dass sie ihre ältere Tochter bei ihrer Geburt dabei haben wolle. Die Wehen hatten schon begonnen, als ich morgens um fünf Uhr bei ihr eintraf. Die Geburt war schon sehr fortgeschritten. Die ältere Tochter schlief noch. Erst als die Tochter aufwachte, konnte die Mutter kurze Zeit später das Baby gebären.

Da habe ich einfach gemerkt, wie eine Frau nicht gebären kann, bevor etwas eintritt. Das ist faszinierend. Wir wissen bis heute nicht genau, was eine Geburt auslöst. Das ist ein multifaktorieller Prozess. Ich beobachte die Mutter während ihrer Schwangerschaft. Mit dem Wissen aus meiner Ausbildung kann ich abwägen, wann etwas nicht geht und was die Frau braucht.

Wo muss sich etwas verändern in diesem Berufsbild?

Ich glaube, dass die Geburtsmedizin noch nie so eng mit Wirtschaftlichkeit und Jurisprudenz verbunden war. Das führt zu vermehrtem Druck für die Frauen im Prozess der Mutterschaft. Das sollte sich ändern. Es wäre begrüssenswert, wenn der Dialog zwischen Ärzten und Hebammen durch Weiterbildungen gestärkt würde. Diesen Austausch finde ich wichtig, weil wir das gleiche Ziel haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft dieses Berufes?

Für Spitalhebammen wünsche ich mir hebammengeleitete Geburten. Ich wünsche mir weniger Interventionen und dass Frauen mehr begleitet werden, damit sie stark sind. Wir sollten versuchen, den Frauen wieder mehr positive Botschaften zukommen zu lassen. Sie müssen die Wertschätzung und Wichtigkeit der Schwangerschaft, der Mutterschaft und des Stillens spüren. Ich finde, Frauen müssen wieder mehr in ihre Selbstermächtigung reinkommen, und dass die Tarifverhandlungen für die freipraktizierenden Hebammen positiv ausfallen werden.