Dietikon
Stein um Stein: Der Abbruch dreier Dietiker Häuser in Bildern

Die drei stattlichen Häuser entlang dem Dietiker SBB-Trassee sind nicht mehr. Umhüllt von einem dicken Staubschleier sind die letzten Mauern am Donnerstag eingestürzt. Zwei Wochen dauerte der wohl geplante Abbruch.

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19. November: Die Arbeiter schmeissen die Ziegel vom Dach.
17 Bilder
28. November: Stück für Stück pflückt der Bagger die Holzbalken vom Dach.
Abbruchhäuser Dietikon
29. November: Vom ersten Haus steht nicht mehr allzu viel.
29. November: Mit dem ersten Schnee zeigt sich die Baustelle mit viel Herzlichkeit.
04. Dezember: Auch von Haus 2 steht nicht mehr als eine Wild-West-Filmkulisse
06. Dezember: In einer Staubwolke stürzen die letzten Wände ein.
06. Dezember: Es ist so weit, die Häuser sind verschwunden.
06. Dezember: Ein Teppich schützt das Trottoir vor herabfallendem Schutt
Auf dem Estrich herrscht wildes Chaos
Der Blick in die Stube mit schönem Echtholzparkett
Alte Sicherungen unter der Decke
Die Häuser wurden auf Asbest geprüft
Der Blick aus einem der Abbruchhäuser hinaus auf die Baustelle
Die Arbeiter bugsieren die 200 Kilo schweren Radiatoren aus den Häusern
Der Blick ins Bad eines der verlassenen Häuser
Schwerstarbeit für die Männer

19. November: Die Arbeiter schmeissen die Ziegel vom Dach.

Katja Landolt

Es war ein langsames Verschwinden; fast zwei Wochen lang hat ein Bagger die Häuser vorsichtig abgetragen. Staunend stehen Passanten jetzt vor dem vergitterten Gelände, schauen zu, wie der Bagger den Bauschutt sortiert. Man muss sich an den Anblick gewöhnen, irgendetwas fehlt.

Tage vorher: Ächzend schürgen die Arbeiter die gusseisernen Radiatoren aus den Häusern. Rund 200 Kilogramm wiegt einer, mit Sackkarren bugsieren sie sie über die Treppen nach unten. Ohne Rücksicht auf Verluste, für Sentimentalität ist das nicht der richtige Ort. Kreischend ziehen die kantigen Ofen-Füsse Furchen in die hundertjährigen Bodenplatten.

Alte Türgriffe aus den Türen gesägt

Was schön, was wertvoll war, ist längst weg. Die sanitären Anlagen fehlen grösstenteils. Irgendjemand hat die schönen, alten Türgriffe aus den Türen gesägt. Bei einigen Radiatoren sind die Ventile mit einer Trennscheibe abgesägt worden. «Es haben sich einige Leute bei uns gemeldet, die darum gebeten haben, die alten Teile abschrauben oder heraussägen zu dürfen», sagt René Manz, Vizepräsident der Siedlungsgenossenschaft Eigengrund. Gefragt haben aber längst nicht alle: Unbekannte haben die kupfernen Regenrinnen geklaut, die Bodenplatten im Aussenbereich wurden bereits vor Monaten abtransportiert. Das sei normal, sagen die Arbeiter.

Noch sind die drei Häuser nicht vollständig leer. Da steht noch ein Spiegel, da liegt eine Baby-Transport-Schale. Im einen Keller harrt ein altes Küchenmöbel der Dinge, im Badezimmer im Haus daneben wartet eine freistehende gusseiserne Wanne auf die Altmetallsammlung. Und es sind kleine Dinge, die an die früheren Bewohner erinnern, die bis Ende 2011 hier gewohnt haben: Wandsticker auf der Tapete, ein gewelltes Poster über dem Dampfabzug in der Küche, eine vergessene Wohnzimmerlampe.

Dachboden ist kleine Schatzkammer

Beim Betreten eines Dachbodens tut sich eine kleine, unordentliche Schatzkammer auf. Alles liegt wild durcheinander; wer auch immer hier nach Wertvollem gesucht hat, hat dies schnell getan. Koffer, Ordner, ein Vogelhäuschen, Protokollbücher, Krawatten, eine alte Kasse, Bücher. Die Seiten sind kalt und feucht, die Nässe ist durch die offenen Fenster eingedrungen. Und obwohl es zieht, atmet man nicht Luft. Es ist Staub, Moder, der Geruch des Vergessenen. Vergessen und demnächst verbrannt; vom Fenster im Treppenhaus im dritten Stock flattern und scheppern die Schätze in die Mulden.

Das Ausräumen der Häuser dauert Tage. Nach der vollständigen Entrümpelung geht es ans Eingemachte: Das Täfer wird von Decken und Wänden gerissen, die letzten Toiletten herausgeschlagen, die Fenster ausgehängt, die Küchenmöbel zertrümmert, Balkon- und Treppengeländer abmontiert, Teppiche, Parkett, Linoleum herausgeschränzt. Holz zu Holz, Keramik zu Keramik, Metall zu Metall. Das nennt sich Auskernung; alles Material wird wenn möglich wiederverwertet: Das Altholz wird ins Biomassenkraftwerk der Richi AG nach Weiningen gefahren und dort verbrannt, selbst wenn es behandelt ist. Das könne man entsprechend aufbereiten, sagt Geschäftsführer Jakob Richi. Mit dem Dampf aus der Verbrennung wird eine Turbine angetrieben, die wiederum Strom produziert, der Strom wird ins Netz eingespeist. Plastik geht in die Kehrrichtverbrennungsanlage.

Zange für Zange ist Bagger am Werk

Zum Schluss steigen die Männer aufs Dach: Ein Ziegel nach dem anderen schlittert über das Dach und zerplatzt in der Mulde in tausend Scherben. Dann wird der Dachstock zersägt. Was übrig bleibt, sind Backsteine und Beton. Es ist der grosse Moment für den Bagger: Nicht mit Getöse, sondern Zange für Zange trägt er das Mauerwerk ab. Präzise pflückt er mit seiner Riesenkralle Metallteile und Holzbalken aus dem Schutt. Den schaufelt er dann wie eine Glucke ihre Eier unter ihr Federkleid unter seinen Raupen zusammen. Das geht so lange, bis nur noch die eine Ecke des Hauses und eine Aussenwand stehen. Wie eine Kulisse eines Western-Films.

Das Material wird zu Kies zermalmt und mit Zement vermengt zu Beton. Bis zu 80 Prozent der Häuser werden so recycelt und wieder in den Kreislauf eingeführt. Es klingt etwas pathetisch; aber vielleicht lebt der Geist der drei stolzen Häuser so an einem anderen Ort im Limmattal weiter - in den Wänden eines Neubaus.