Ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium verspricht einen sicheren Job und ein gutes Gehalt. Warum ist es so schwierig, Schulabgänger dafür zu begeistern?

Stefan Gerig: Das Problem ist, dass viele Schüler bereits früh in der Schule einen grossen Respekt vor solchen Fächern entwickeln.

Die Schüler denken also, sie seien einem solchen Studium nicht gewachsen?

Es ist tatsächlich so, dass mathematische Fächer weithin als kompliziert wahrgenommen werden. Die Schule müsste diese Angst nehmen. Bei Frauen sind die Bedenken oft noch grösser.

Wie erklären Sie sich, dass vor allem Männer ein technisches Studium angehen?

Einerseits gibt es natürlich Frauen, die besonders in der Mathematik gut sind und dann auch an die ETH gehen. Aber gerade in der Schweiz besteht noch immer die Idee, dass technische Berufe eine Männersache seien. Das ist eigentlich ein Schweizer Phänomen. In anderen Ländern ist es gängig, dass auch Frauen einen technischen Beruf wählen. Etwa in Island, Belgien, Bulgarien oder Polen studieren auch viele Frauen beispielsweise Maschinenbau.

Dann existiert in der Schweiz noch immer ein veraltetes Rollenbild?

Das kann ich so genau nicht sagen. Aber: Die Sozialisation ist entscheidend. Einerseits spielt die Familie eine Rolle, andererseits die Schule. Selbst in der Schule wurden oft die Weichen so gestellt, dass Knaben eher mathematische und Mädchen eher die sprachliche Richtung einschlagen. Hinzu kommt, dass es in der Primarschule vermutlich viele Lehrkräfte gibt, die dann selber auch nicht so affin für den technischen Bereich sind.

Was wird dagegen unternommen?

Es gibt nun vermehrt Bestrebungen, dass die Lehrer darin gefördert werden, den Spass an naturwissenschaftlichen Fächern stärker zu vermitteln. Und auch die Kantonsschulen müssen die sogenannten MINT-Fächer (siehe Artikel unten) stärker fördern. Andererseits führt etwa die ETH Schnupperwochen eigens für informatikinteressierte Schülerinnen durch. An Universitäten gibt es auch spezielle Besuchstage für Schulklassen in Labors.

Was kann das BIZ dazu beitragen?

Wir versuchen, den Schülerinnen Mut zu machen. Wenn etwa eine junge Frau kommt, mit vielen naturwissenschaftlichen Interessen, dann machen wir sie natürlich aufmerksam auf die technischen Studiengänge. Wir versuchen, sie auch für die ETH zu motivieren.

Wie wichtig ist es für die Wirtschaft, dass mehr Schüler ein Mint-Studium wählen?

Die Wirtschaft ist auf Fachkräfte angewiesen, und davon gibt es zu wenige. Gerade bei den hoch spezialisierten Berufen ist es schwierig, genügend Nachwuchs zu finden.

Stefan Gerig, Leiter Studien- und Laufbahnberatung am Berufsinformationszentrum in Oerlikon.