Herr Moser, wie sehen Sie als Statistiker das Limmattal?

Peter Moser: Was das Limmattal auszeichnet, ist, dass es die Agglomeration ist. Dies schlägt sich statistisch auch in der Bevölkerungsstruktur nieder. Früher lebten die Armen, Alten und Arbeitslosen in der Stadt, heute hingegen kämpft die Agglomeration mit diesen Problemen. Auch ist der Ausländeranteil im Limmattal ausserordentlich hoch.

Wer ist statistisch gesehen der durchschnittliche Limmattaler Ausländer?

Es ist jemand aus dem Balkan oder einem südeuropäischen Land, vermutlich ein Moslem. Anders als in den Goldküsten-Gemeinden ist der Limmattaler Ausländer eher Teil der Unterschicht. Er kam nicht in den Genuss einer guten Ausbildung.

Die Vision einer Limmatstadt von Zürich bis Baden kommt von verschiedenen Seiten auf. Wäre das Limmattal aber eine Stadt, hätte es vor zwei Wochen die SVP-Initiative abgelehnt, wie es alle Grosszentren der Schweiz taten. Woher rührt diese Diskrepanz?

Das Bild der Limmatstadt ist Ausdruck eines Selbstbildes, das die Elite von sich hat. Die Elite wäre gerne eine Stadt. Vor zwei Wochen ging abzüglich Nichtwähler, Ausländer und Kinder nur gerade jeder vierte Einwohner des Bezirks Dietikon an die Urne. Dieses Viertel entscheidet dann über das Abstimmungsresultat des Limmattals. Man sieht: Es gibt keinen durchschnittlichen Limmattaler, also auch kein einheitliches Selbstverständnis.

Sie sind also nicht überrascht von der Annahme der SVP-Initiative im Bezirk?

Nein. Das war vorhersehbar. Das Ja ist ein Signal der Bevölkerung dafür, dass ein grosses Unbehagen vorherrscht.

Welchen Einfluss hat der hohe Ausländeranteil auf das Stimmverhalten der Limmattaler?

Der politische Aufstieg der SVP in der Region ist sicherlich eine Konsequenz davon. In den 1990er-Jahren, als es eine hohe Krisenmigration in die Schweiz gab, gewann sie an Wählerstärke. Diese konnte sie bis heute auf demselben Niveau halten.

Warum gerade die SVP?

Die SVP bietet ihren Wählern simple Lösungen auf verschiedene Probleme. Die Zurückbesinnung auf nationale Werte und das Bauen einer Festung finden im Limmattal eine grosse Resonanz. Dass die Globalisierungsprobleme komplexer sind, wird vernachlässigt.

In den 1960er-Jahren kamen auch viele ausländische Arbeitskräfte in den Bezirk. Damals waren aber mehrere SP-Politiker in der Exekutive vertreten. Machte die SP damals «die Politik der einfachen Lösungen»?

Das lässt sich nicht so sagen. Die politische Vertretung der Arbeiter, soweit sie überhaupt noch Schweizer sind, wechselte in den 1990er-Jahren von der SP zur SVP. In den 1960er-Jahren war das Klassenbewusstsein – ein Arbeiter, von denen es damals viele im Limmattal gab, wählte links – Grund für die Stärke der SP.

Was raten Sie den Limmattaler Parteien, die Wähler gewinnen möchten?

Es gibt kein Patentrezept. Die SP beispielsweise ist schon lange keine Arbeiterpartei mehr. Dies hat in den Städten aber ihre Existenz gesichert, wo sie heute eine bessergestellte Schicht vertritt. Sie sehen, viele Faktoren spielen mit.

Die Wohnungsknappheit in der Stadt Zürich drängt viele Menschen ins Limmattal. Wie wird sich die Region in den nächsten Jahren politisch gesehen entwickeln?

Möglich ist, dass in der Regionalpolitik wieder ein Linksrutsch in Richtung Mitte geschieht. Dazu trägt aber nicht nur die Zuwanderung, sondern auch der Generationenwechsel bei. Die Menschen mit einem bildungsferneren Hintergrund werden in einigen Jahren nicht mehr den Grossteil der Limmattaler Wählerschaft ausmachen.

Sie sagen also, dass der SVP im Limmattal ihre Wähler wegsterben?

Ja, ein Stück weit. Die Globalisierungskritik hat in der Politik keine grosse Zukunft. Die Anziehungskraft der SVP in der Region hat ihren Höchststand erreicht. Detaillierte Prognosen für die Parteizusammensetzung in der Limmattaler Politik lassen sich auf langfristige Sicht aber nicht machen.

Linksparteien dominieren in Grossstädten. Können Sie sich dies auch im Limmattal vorstellen?

Nein. Man muss sehen, dass die Bewohner der Grossstadt einen natürlichen Ausleseprozess durchlaufen haben. Einerseits müssen sie solvent genug sein, sich eine Wohnung leisten zu können. Auf der anderen Seite müssen sie die Multikulturalität und die Dichte in der Stadt nicht nur aushalten können, sie müssen diese sogar als Vorteil sehen. Die Menschen, welche diese Anforderungen nicht erfüllen, verlassen die Stadt und ziehen aufs Land. Daher werden die Grossstädte immer progressiver sein.

Dieses progressive Denken weitet sich nicht auf das Limmattal aus?

Ich glaube nicht. Die Bewohner des Limmattals machen den Eindruck, dass sie lieber woanders wären. Ihre Arbeitsstelle hält sie in der Nähe der Stadt, während es ihnen in der Stadt selber zu bunt wird. Menschen, die sich nach dem Land sehnen, aber auf die Stadt angewiesen sind, wohnen in der Agglomeration.

Die Region ist aber auch in einem Urbanisierungsprozess. Grosse Bau- und Infrastrukturprojekte, wie die Limmattalbahn, drücken die Region in ein Stadt-Korsett.

Nur weil man ein Tram baut, werden sich die Mentalität der Bevölkerung und ihre Zusammensetzung nicht von heute auf morgen ändern. Bis Dietiker oder Schlieremer das Gefühl haben, sie wohnten in einer Stadt, wie es der Bewohner des Stadtzürcher Kreis 4 hat, werden noch einige Jahrzehnte vergehen.