Ein Lachen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Während ihm der Sitznachbar anerkennend zunickt, geht ein Raunen durch die Ränge des Salmensaals. Die Stimmen sind noch nicht ausgezählt, doch Stanislav Gajic weiss: Er hat gewonnen. Am 1. September sitzt der junge SVP-Politiker erstmals im Schlieremer Gemeindeparlament und wird entgegen den Erwartungen direkt in die Geschäftsprüfungskommission (GPK) gewählt. Ein erfolgreicher Start. Eigentlich. Zehn Tage später erfährt er jedoch, die Wahl müsse an der nächsten Sitzung wiederholt werden – er habe das absolute Mehr doch nicht erreicht.

Solche Rückschläge bringen Gajic nicht aus der Ruhe, denn seine politische Laufbahn verlief bisher immer steinig. Dass der 26-jährige Schlieremer heute im Gemeinderat sitzt, ist etwas Glück zuzuschreiben – aber auch seinem Willen, nach Rückschlägen wieder aufzustehen, weiterzukämpfen.

Die Limmattaler Zeitung trifft Gajic in seiner Wohnung. Freundlich offeriert er ein Bier oder ein Glas Wein – es sei ja Feierabend, sagt er. Seine Wohnung sieht aus, als wäre soeben die Putzfrau da gewesen, es herrscht eine fast akkurate Ordnung. «Bei mir muss alles an seinem Platz sein», sagt er.

Und so hält es Gajic auch in seinem Leben. Auch dort hat alles seine Ordnung: Auf der einen Seite die Karriere als Immobilienbewirtschafter – erst kürzlich hat er das eidgenössische Diplom erhalten, und nun will er noch einen Master in Immobilienmanagement angehen. Auf der anderen Seite die Karriere als Politiker, der er sich mit voller Kraft widmen will. Freizeit bleibt da kaum.

Ordnung, Disziplin, ein genauer Karriereplan, SVP-Politiker – ob er sich in der Schweiz zu gut angepasst hat? Gajic hält kurz inne, entgegnet dann gelassen: Mit Nationalität habe das nichts zu tun. Eher mit der Gegebenheit eines Menschen. Beispielsweise sei er kein kreativer Mensch. Aber mit Zahlen könne er gut umgehen. Er möge es genau.

Feuerwehrmann stach ihn aus

Zur SVP kam Stanislav Gajic mit 14 Jahren. Ein Jahr zuvor wurde der Serbe aus Bosnien in Kilchberg eingebürgert. Damals begann er, Pendlerzeitungen zu lesen, mit seinem Schulfreund unterhielt er sich gerne über Politik. Gemeinsam wollten sie sich engagieren.

Im Internet recherchierten sie, welche Partei zu ihnen passe. Es war die SVP. «Ich bin ein kapitalistisch denkender Mensch», sagt er. «Wer mehr leistet, soll mehr verdienen.» Beide traten der SVP bei. Gajic wurde bald Kassier der Jungen SVP Zürich-West. Sein Freund blieb Passiv-Mitglied, bis heute.

2010 wagte Gajic den Schritt in die Öffentlichkeit: Er kandidierte für den Gemeinderat in Schlieren, wo er inzwischen wohnte. Nun organisierte er den Wahlkampf, machte Plakate, engagierte eigens einen Werber. Auf der Wahlliste der Jungen SVP stand sein Name zuoberst.

Dann die Enttäuschung: Gewählt wurde nicht er, sondern Michael Leppert, der sich am Wahlkampf kaum beteiligte – ein Feuerwehrmann, Mitglied in vielen Vereinen. Gajics Name fiel zurück auf den letzten Platz. Sein Name sei wohl das Problem gewesen, meint Beat Kilchenmann, Präsident der SVP Schlieren. Er hätte damals Gajic gerne im Parlament gesehen.

Als Feigenblatt für die Rechten? Auf keinen Fall, antwortet Kilchenmann. Gajic sei sehr zielstrebig gewesen, federführend im Wahlkampf der Jungpartei. Er hätte die Wahl verdient. Bei Gajic sass der Frust tief. Nicht so sehr aufgrund der Niederlage. Vielmehr, weil jemand gewonnen hat, der laut Gajic keinen Finger gekrümmt hatte. Er habe sich dann gesagt: «Nun konzentriere ich mich umso mehr auf meine beruflichen Ziele.» Er legte alle Ämter nieder. Die politische Karriere schien vorbei.

Mit Glück in den Gemeinderat

Stanislav Gajic wurde die Politik in die Wiege gelegt: Sein Grossvater war in Bosnien auf nationaler Ebene lange Parteipräsident. Allerdings von einer linken Partei. «Mein Grossvater findet es gut, dass ich auch politisiere. Nur sagt er immer: Ich tue es auf der falschen Seite.» Seine Eltern hingegen wählen die SVP. 1989 zog die Familie von Bosnien in die Schweiz. Sein Vater hatte gerade den Doktortitel als Arzt in der Tasche, durfte jedoch hier nicht praktizieren.

Und so arbeitete er als Krankenpfleger im Spital Kilchberg – für zehn Jahre. Dann wurde die Familie eingebürgert. Sein Vater konnte endlich das Staatsexamen absolvieren. Heute führt er in Zürich eine gynäkologische Praxis.

Gajics Vater hat vorgelebt, dass man viel erreichen kann, wenn man für seine Ziele kämpft. Wohl auch deshalb hat Gajic in der Politik doch nicht aufgegeben. 2014 fragte ihn die SVP, ob er für sie als Gemeinderat kandidiere. Beat Kilchenmann sagt, dass sie nach guten Kandidaten gesucht hätten und schnell auf «Stani» gekommen seien. Dessen Lebenslauf und früheres Engagement hinterliessen Eindruck.

Wieder stürzte sich Gajic in den Wahlkampf, wieder wurde er nicht gewählt. Nun aber kam das Glück ins Spiel: Ein SVP-Gemeinderatsmitglied zog weg von Schlieren – Gajic konnte nachrücken. Seit September sitzt er endlich im Gemeinderat. An seiner zweiten Parlamentssitzung wird schliesslich die GPK-Wahl wiederholt: Erneut macht Gajic das Rennen. Die Parlamentarier applaudieren, sein Konkurrent geht auf ihn zu und gratuliert ihm. Nun ist er definitiv angekommen.

Gajic steht auf dem Balkon seiner Wohnung, blickt über Schlieren. Eine gute Fernsicht sei ihm wichtig, sagt er. Im Gemeinderat will er seine Immobilienkenntnisse einbringen, sich in Wirtschafts- und Verkehrsthemen engagieren. Sein oberstes Ziel jedoch: Es soll Schlieren gut gehen. Dafür will er sich einsetzen.