Limmattaler Zeitung: Herr Jordi, Sie bezeichneten, letzmals in einer Kolumne der Neuen Zürcher Zeitung, das Quartier Limmatfeld als eines der erfolgreichsten städtebaulichen Projekte der Region. Was gefällt ihnen so am Limmatfeld?

Marc Jordi: Das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch diejenige anderer Architekten und Städtebauer. Auf Empfehlung von Kollegen habe ich mir das Limmatfeld vorort angeschaut. Beachtlich ist, dass im Limmatfeld klassischer Städtebau umgesetzt wurde.

Woran erkennt man diesen?

Im Vordergrund steht der öffentliche Raum, der Rapidplatz, wo sich die Menschen gerne aufhalten und in den angrenzenden Geschäften Einkäufe erledigen können.

Bei jeder guten Arbeit finden sich auch Kritikpunkte. Wo liegen diese beim Limmatfeld?

Die Gebäude und der Rapidplatz sind in ihrer Dimension für Dietikon vielleicht zu grossstädtisch. Auch ist die Architektur zu quadratisch, praktisch, gut. Es dürfe sicherlich mehr Atmosphäre haben.

Atmosphäre lässt sich nicht so einfach definieren oder gezielt erstellen.

Das stimmt. Mit Fassaden, die ein Blickfang sind, lässt sich durchaus mit einfachen Mitteln Atmosphäre erschaffen. Die durchgerasterten Lochfassaden bieten nur wenig visuelle Reize.

Haben Menschen nicht unterschiedliche, individuelle Auffassungen, was ein schönes Quartier mit einer grossen Aufenthaltsqualität ist?

Sicherlich ist es etwas Individuelles, wo sich Menschen wohlfühlen. Bei Befragungen, ob ein bestimmtes Quartier schön oder hässlich sei, ergeben sich jeweils klare Mehrheitsverhältnisse für das eine oder das andere. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, der sich nicht immer mit der Meinung der Fachwelt deckt.

Denken Sie, dass das Limmatfeld bei einer Befragung seiner Einwohner positiv oder negativ beurteilt wird?

Derzeit nehmen die Bewohner das Quartier nach dessen Fertigstellung in Beschlag. Die Euphorie des Neuen wird mit der Zeit schwinden. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass in 20 bis 30 Jahren das Quartier sehr geschätzt wird.

Die Überbauung von Industriebrachen ist in ihren Augen nicht immer ein Erfolg. Der Überbauung an der Parkallee in Schlieren beispielsweise, attestieren zu wenig Visionäres.

Dort setzte man auf den klassischen Siedlungsbau der Nachkriegszeit. Damals hatte man aber noch viel Platz, sodass der Zwischenraum Qualität hatte. Um die Zersiedelung zu bekämpfen, muss heute alles dicht bebaut werden. Dies führt dazu, dass Zwischenräume einerseits zu klein und andererseits überfunktionalisiert sind.

Was meinen Sie damit?

Die Zwischenräume sind mit Abfallcontainern, Garageneinfahrten und Velohäuschen zugestellt. Zum Verweilen lädt dies nicht ein. Daher ist die Entscheidung für eine städtische Bebauung anstatt für eine Siedlung sinnvoller.

Wie kommt es, dass man auf einen Bebauungstyp der Nachkriegszeit setzt?

Die Planung von monofunktionalen Überbauungen ist einfacher: nur Wohnen, nur Arbeiten oder nur industrielle Nutzung. So wird man gewisse Problemstellungen los. Den Planern des Limmatfeldes, wo Wohn-, Geschäfts- und Büronutzung aufeinandertreffen, ist daher ein Kränzchen zu winden, da sie den Aufwand und das Risiko nicht scheuten. 

Auch im Schlieremer Rietpark hat es Büros, Läden und Wohnungen. Doch auch ihm attestieren Sie zu weniger städtebauliche Qualitäten.

Diese Mischnutzung ist sicherlich positiv. Aus meiner Sicht handelt es sich beim Rietpark vor allem um eine Aneinanderreihung von Nutzungen. Nicht viel mehr.

Dem Park, der die Gebäude verbinden soll, gelingt dies nicht?

Nur bedingt. Dies mag einerseits an der Länge des Grundstücks liegen, andererseits sind die Gebäude städtebaulich betrachtet nicht aufeinander abgestimmt. Es ist alles stark auf Funktion ausgerichtet.

Hat die Funktionalität bei Quartierentwicklungen aus Sicht des Investors nicht oberste Priorität?

Doch. Daher ist es auch die Aufgabe der Städte und Gemeinden in Gestaltungsplänen Rahmenbedingung zu definieren. Im Rahmen dieser kann der Investor seinen Gewinn noch immer optimieren.

Bei der Überbauung «Ecofaubourg» in Schlieren wurde der Fokus auf Nachhaltigkeit gelegt. Die Gebäude stehen zueinander in Verbindung. Was halten Sie davon?

Auch hierbei handelt es sich um eine Überbauung und nicht um Städtebau. Auch wenn der Innenhof als Spielplatz und für Familiengärten genutzt werden, treten die Gebäude nicht mit dem Strassenraum in einen Dialog.

Bald will der Dietiker Stadtrat den Gestaltungsplan für eines der letzten grossen, überbaubaren Gebiete des Kantons präsentieren: das Niderfeld. Was Erhoffen Sie sich von diesem Gestaltungsplan?

Es braucht ein Strassennetz, das das Niderfeld mit den bestehenden Quartieren für Fussgänger und Verkehr gut verbindet. Dazwischen sind attraktive Stadtplätze zu planen. Was die Bebauung angeht, wären klare Blockränder mit ruhigen Höfen, die in Parzellen unterteilt sind, das Ideale. Dies hat den Vorteil, dass keine Megablöcke entstehen, die von einem Investor überbaut werden. Stattdessen wird Vielfalt geboten. Vielfalt in Sachen abgestimmter Architektur, Bauherrschaft und Nutzung.

Sie sagen, dass guter Städtebau mehr ist, als die Aneinanderreihung von Gebäuden. Was ist das?

Hochzeitsfotos werden in der Regel an schönen, anmutigen Orten gemacht. Vor Kirchen, Brunnenanlagen, Arkaden und Stadtplätzen. Erreicht man es, solche Motive zu erschaffen, hat man Städtebau wieder verstanden.