Die goldene Figur auf dem Schrank in Ingrid Hieronymis Büro fällt einem sofort ins Auge. Es ist eine «Maneki-neko», eine jener japanischen Katzenfiguren, die – je nachdem mit welcher Pfote sie winken – entweder Wohlstand und Glück oder Kundschaft und Besucher herbeilocken sollen. Beim Exemplar der neuen Stadtschreiberin ist es die linke: die Kunden-und-Besucher-Pfote. Und tatsächlich erhalte ich schnell das Gefühl, willkommen zu sein: Ein satter Händedruck, wache Augen und ein freundliches Gesicht empfangen mich.

Hieronymi arbeitete vor ihrem Amtsantritt in Schlieren 14 Jahre lang in Langnau am Albis als Gemeindeschreiberin. Dort war sie viel mehr als nur Bindeglied zwischen Verwaltung und Exekutive. Sie war etwa auf Verwaltungsebene bei der Planung des neuen Dorfplatzes federführend. Schliesslich setzte sie sich auch für die Lohngleichheit von weiblichen und männlichen Gemeindeangestellten ein und erwirkte weitere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen.

Freiheiten bleiben erhalten

Nun, im Alter von 55 Jahren, habe sie beschlossen, zehn Jahre vor der Pensionierung eine neue Herausforderung zu suchen, erklärt Hieronymi ihren Entscheid, sich um die Stelle in Schlieren zu bewerben. «Hier finden derzeit spannende Entwicklungen statt», sagt die studierte Anglistin und Romanistin. Aber hatte sie in einer kleineren Gemeinde wie Langnau als Schreiberin nicht mehr Einfluss? «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier weniger Gestaltungsmöglichkeiten habe», sagt Hieronymi. Im Gegenteil, das Geschäftsleitermodell der Schlieremer Verwaltung erlaube es ihr, sich voll auf die juristische Beratung des Stadtrats zu konzentrieren, weil andere Verwaltungsangelegenheiten nicht in ihre Kompetenz fallen.

Ihre «Maneki-neko» hatte sie schon in ihrem Langnauer Büro stehen. Sie ist ein Souvenir, das die Stadtschreiberin von einer ihrer unzähligen Reisen mitbrachte. Sie habe die Reiselust von ihrem Vater geerbt, erklärt Hieronymi: «Er reiste mit mir im Alter von 90 Jahren noch in die Arktis.» Ihr Vater verstarb, doch Hieronymis Drang, ferne Länder zu sehen, blieb.

Noch heute reist sie einmal im Jahr für rund drei Wochen auf einen anderen Kontinent. Ihre Leidenschaft für das Reisen verbindet Hieronymi seit längerem mit einer Zweiten: dem guten Essen. Sie habe schon viele Gourmet-Restaurants rund um die Welt besucht, erklärt die 55-Jährige. Dieses Hobby habe sie aber eher aus der Not heraus entdeckt: «Weder ich noch mein Mann kochen gerne. Weil wir deshalb viel auswärts essen, machten wir es uns zur Tugend, in wirklich guten Restaurants zu speisen», so Hieronymi.

Den Mittelstand bevorzugt

Obwohl es in Schlieren noch kein Gault-Millaut-Restaurant gibt, fühlt sich die Stadtschreiberin an ihrer neuen Arbeitsstelle wohl, wie sie sagt: «Ich wurde sehr herzlich aufgenommen.» Ihr gefalle es auch, dass sie nun in einer mittelständischen Stadt arbeite: «Im Bezirk Horgen war die Bevölkerung teilweise abgehobener und weniger durchmischt», so Hieronymi, die zehn Jahre lang in den Zürcher Kreisen 3 und 4 gewohnt hat.

In den kommenden Monaten wird sie im Auftrag des Stadtrates ein Kulturkonzept für die Stadt entwerfen. Das liegt der Stadtschreiberin durchaus, wie sie sagt. «Ich habe eine literarische Ader.» Dass sie gerne schreibt, zeigte sich in der Vergangenheit auch in feurigen Leserbriefen, die in der «NZZ» und im «Tages-Anzeiger» erschienen sind. So machte sie sich etwa für die aktive Sterbehilfe stark. «Ich war seit jeher ein liberal eingestellter Mensch. Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen ist mir ein wichtiges Anliegen», sagt Hieronymi dazu. Mitglied einer Partei sei sie aber nicht, fügt sie sogleich an. Einer Stadtschreiberin stehe es besser an, sich nicht einer politischen Linie zu verpflichten. «Die Politik ist Sache der Exekutive, meine ist es, eine optimale Dienstleistung zu bieten», erklärt Hieronymi.

Die Katze winkt zum Abschied

Und doch: Das Talent zur Politikerin hätte sie. Die Stadtschreiberin wählt ihre Formulierungen sehr bewusst, umschifft verfängliche Themen gekonnt und kontert sie stets mit einem Lachen. Nach der Verabschiedung, auf dem Weg durch das Stadthaus, geht mir die winkende goldene Katze in Hieronymis Büro nicht aus dem Kopf: Es bleibt das Gefühl, im Gespräch nicht nur die Rolle des Besuchers, sondern auch die des Kunden innegehabt zu haben.