Bezirksgericht Dietikon
Stadtpolizisten als Prügler zu bedingter Freiheitsstrafe und Geldbusse verurteilt

Die beiden Schlieremer Stadtpolizisten, die einen Mann in einem Schrebergarten übel zugerichtet hatten, wurden vom Dietiker Bezirksgericht zu 16 Monaten bedingter Freiheitsstrafe und einer Busse von 500 Franken verurteilt.

Attila Szenogrady
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In diesem Schrebergarten im Stadtteil Ifang soll ein Mann geschlagen und getreten worden sein. FNI

In diesem Schrebergarten im Stadtteil Ifang soll ein Mann geschlagen und getreten worden sein. FNI

Florian Niedermann

Als der heute 42-jährige Beamte der Stadtpolizei Schlieren den Schuldspruch entgegennahm, reagierte er mit einem Kopfschütteln. Im Gegensatz zu seinem früheren Berufskollegen, der den Entscheid scheinbar regungslos zur Kenntnis nahm. Der heute 52-jährige Immobilienberater hat seinen Dienst bereits im letzten August wegen des belastenden Strafverfahrens quittiert.

Beide Beschuldigten wurden nun wegen mehrfachen Amtsmissbrauchs, Freiheitsberaubung, mehrfacher Nötigung, sowie des Versuchs dazu, einfacher Körperverletzung, Hausfriedensbruchs sowie geringfügiger Sachentziehung zu bedingten Freiheitsstrafen von je 16 Monaten sowie 500 Franken Busse verurteilt.

Beamte jagten den Geschädigten

Der Gerichtsvorsitzende Stephan Aeschbacher führte aus, dass der eingeklagte Sachverhalt aufgrund der glaubhaften Aussagen des Opfers erstellt sei. Demnach hatten die beiden Polizeibeamten im Juni 2011 an der Ifangstrasse in Schlieren in einen Nachbarschaftsstreit eingegriffen. Dabei schlossen sie einen betrunkenen Schrebergärtner in sein Gartenhäuschen ein und verprügelten ihn danach abwechslungsweise mit diversen Schlägen ins Gesicht. Hinzu kamen ein Fusstritt in den Oberbauch des am Boden liegenden Geschädigten sowie ein Stossen des Kopfes gegen eine Sofalehne.

Nicht zuletzt beugte einer der Beamten einen Zeigefinger des Geschädigten nach hinten. Dann zwangen die beiden Angehörigen der Stadtpolizei Schlieren den Mittvierziger einen Art Kündigungsbrief für die Gartenlaube zu schreiben und nahmen ihm sein Handy sowie einen Schlüssel weg. Zum Schluss jagten sie ihn davon und stellten ihm noch mit dem Polizeiauto nach.

Belastender Arztbericht

«Die Aussagen des Privatklägers sind detailliert, widerspruchsfrei, differenziert und plastisch ausgefallen», führte Aeschbacher aus. Der IV-Rentner hatte vier Tage nach dem Vorfall einen Arzt aufgesucht und drei Monate später Strafanzeige gegen beide Beamte eingereicht. Gerade den Arztbericht stufte das Gericht als belastendes Beweismittel ein. So würde das Verletzungsbild im Einklang mit den Schilderungen des Privatklägers stehen.

Hinzu gesellten sich die Aussagen eines Augenzeugen, der das Opfer unmittelbar nach der Prügelattacke getroffen und die Geschichte schon damals mitbekommen hatte. Er habe auf den «Ranzen» bekommen und sei weggescheucht worden, habe der Geschädigte damals gesagt. Zudem seien ihm das Handy und ein Schlüssel gestohlen worden.

Verteidigung kommt nicht gut weg

Die beiden Verteidiger der zwei nicht geständigen Angeschuldigten kamen während der Urteilseröffnung nicht gut weg. So stufte Aeschbacher mehrere Passagen ihrer Plädoyers als wilde Spekulationen ein. So sei bei einer angeblichen Schlägerei zwischen dem Privatkläger und einem Nachbarn masslos übertrieben worden. Ebenso bei der Behauptung, wonach sich der Geschädigte seine Bauchverletzung beim Stolpern über eine Giesskanne selber zugezogen habe.

Die beiden Beamten hatten in der Untersuchung eingeräumt, dass es bei der Aufnahme der Personalien des Schrebergärtners zu einer ruppigen Aktion gekommen sei. Laut Aeschbacher unglaubhaft, da die Beamten anfänglich einen solchen Vorfall gar nicht erwähnt hatten. Ebenso wenig der Geschädigte.

Ohnehin stufte das Gericht das Aussageverhalten der Polizisten als blass, stereotyp und anpasserisch ein. Vor allem in Bezug auf den Vorwurf, dass beide Beamte kurz nach den Übergriffen wieder am Tatort erschienen waren und einer von ihnen einen Bunker des Geschädigten durchsucht hatte.

Dass einer der Beschuldigten später behauptete, man habe sich nur nach dem Wohlbefinden des verfeindeten Nachbarn des Privatklägers erkundigen und ihm Schutz bieten wollen, bezeichnete Aeschbacher mit den Worten «das lässt einem die Haare zu Berge stehen» als unglaubhaft. Das tatsächliche Motiv ortete der Vorsitzende vielmehr
bei der Suche nach verstecktem Marihuana.

Machtstellung ausgenützt

Bei der Strafzumessung erklärte Aeschbacher, dass die Beschuldigten mit ihrem Verhalten dem Ansehen des Staates erheblichen Schaden zugefügt hätten. So seien beim Geschädigten verschiedene Rechtsgüter, wie körperliche Versehrtheit, Freiheit und Eigentum verletzt worden. Beide Beschuldigten hätten ihre Machtstellung als Polizeibeamte ausgenützt. Während die Staatsanwaltschaft bedingte Freiheitsstrafen von je 18 Monaten sowie Bussen von 2000 Franken verlangt hatte, liess es das Gericht mit einer weniger hohen, aber immer noch empfindlichen Strafe bewenden.

Vorsorgliche Berufung

Trotz der Schuldsprüche konnte der im Gerichtssaal anwesende Privatkläger nicht zufrieden sein. Er hatte für die Polizeibeamten wegen schwerer Körperverletzung - er leide heute noch unter den Folgen der Blessuren - unbedingte Freiheitsstrafen gefordert. Zudem einen Schadenersatz sowie Genugtuung von acht Millionen Franken.

Allerdings ohne Erfolg. So trat das Gericht auf die finanziellen Forderungen nicht ein. So müsse der Haftungsanspruch nicht gegenüber den Beschuldigten, sondern an die Adresse der Gemeinde gestellt werden, führte Aeschbacher zum Schluss aus. Einer der Anwälte der Beschuldigten führte aus, dass man vorsorglich Berufung einlegen werde. Mit dem ersten Ziel, die schriftliche Begründung des Urteils lesen zu können.