Dietikon
Stadtarchitekt Baumgartner: «Dietikon gefällt mir so, wie es ist»

Den Wänden in seinem Büro im Dietiker Stadthaus entlang reihen sich Bundesordner aneinander, dazwischen hängen verschiedene Pläne und Bilderrahmen. Vor genau 100 Tagen hat Peter Baumgartner das Amt als Leiter Hochbauabteilung übernommen.

Katja Landolt
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Der neue Dietiker Stadtarchitekt Peter Baumgartner vor dem Stadthaus in Dietikon.chris iseli

Der neue Dietiker Stadtarchitekt Peter Baumgartner vor dem Stadthaus in Dietikon.chris iseli

Herr Baumgartner, war Dietikon Neuland für Sie?

Peter Baumgartner: Neuland nicht, nein. In der Bauwelt nimmt man Dietikon durchaus wahr. «Hochparterre» beispielsweise, die Zeitschrift für Architektur und Design, hat der Stadt 2008 ein Sonderheft gewidmet. Auch war ich mit meinem früheren Team vom kantonalen Hochbauamt einmal hier auf Exkursion. Wir haben in Begleitung städtischer Vertreter diverse neue Bauten der letzten 15 Jahre und das Limmatfeld angeschaut. Vom Bauen her habe ich Dietikon also bereits gekannt und als sehr innovative Stadt kennen gelernt.

Welchen Ruf hat die Stadt unter Architekten?

Wenn man die grossen Entwicklungsgebiete Limmatfeld, SLS und Niderfeld, aber auch jüngere Bauten im Zentrum betrachtet, erkennt man einen grossen Transformationsprozess. Dietikon ist auf dem Weg zu städtischen Strukturen. Dieser Wandel vom Dorf zur Stadt macht den Ort für Architekten zu einem interessanten Tätigkeitsfeld.

Haben Sie sich deshalb dazu entschieden, hierherzukommen?

Ich habe eine Veränderung gesucht, wollte meinen Erfahrungsschatz ausbauen und meinen Horizont aus dem Kerngeschäft Bauen befreien. Diese Möglichkeit habe ich hier gefunden.

Und wie gefällt Ihnen Dietikon?

Dietikon gefällt mir so, wie es ist.

Wie haben Sie sich eingearbeitet?

Das Einarbeiten besteht zur Hauptsache aus Kennenlernen: meine Mitarbeiter, die Zuständigkeitsbereiche, die verschiedenen Rechtsgrundlagen, unsere Baustellen, die stadteigenen Objekte und deren jeweiliger Zustand. Aber auch die Bevölkerung und die Quartiere.

Wie stark kann ein Stadtarchitekt das Erscheinungsbild einer Stadt prägen?

Der Stadtarchitekt ist nur eine Teilaufgabe, in erster Linie bin ich Leiter Hochbauabteilung. Unser Projektleiter bearbeitet Baumassnahmen der Stadt in Eigenbearbeitung und als Bauherrenvertreter. Im Baubewilligungswesen behandeln wir alles, was mit Planungs- und Baurecht zu tun hat. Ein Bauwilliger kommt, legt sein Baugesuch vor und wir prüfen, ob es den Normen, Bauordnungen und Vorschriften entspricht. Beim gestalterischen Anteil spielt dann der Stadtarchitekt rein; das Projekt muss in das Gesamtgefüge einer Stadt hineinpassen. Als Stadtarchitekt bringe ich das entsprechende Sensorium in die Entscheidungsfindung ein.

Was heisst das?

Die Stadt soll durch die Gestaltung einen gewissen Charakter erhalten, die einzelnen Teile sollen zusammenpassen.

Können Sie den Charakter der Stadt Dietikon definieren?

Es gibt sehr unterschiedliche charakterliche Ebenen. Da sind die Gebiete Limmatfeld und SLS, wo bereits viel entstanden ist und entstehen wird. Hier wächst eine sehr verdichtete Stadt ohne jeglichen dörflichen Charakter. Entlang der Reppisch sieht es hingegen ganz anders aus, hier gibt es die alten Bauernhäuser, die Riegelbauten, das ursprüngliche Dorf. Beides hat seine Berechtigung und soll nebeneinander bestehen können.

Wie stark können Sie Ihren persönlichen Geschmack in die Stadtgestaltung einbringen?

Durch meine Funktion habe ich einen gewissen Gestaltungsfreiraum.

Das heisst? Was gefällt Ihnen?

(Lacht) Ich bin in der Bauwelt der Achtziger- und Neunzigerjahre gross geworden und suche daher ein Bauen, das dem neuen Bauen verpflichtet ist. Am Schluss muss es jedoch ein harmonisches Ganzes ergeben.

Wie können Sie sicherstellen, dass neue Projekte in das Gesamtgefüge der Stadt passen?

Jeder Bauwillige muss das Bauvolumen, die Materialisierung seiner Fassade und die Farbgestaltung bewilligen lassen. Da reden wir schon ein Wörtchen mit.

Damit stossen Sie wohl nicht nur auf Gegenliebe?

Das ist so. Wichtig ist, dass man das Gespräch sucht. Über ein Gespräch kann man bereits sehr viel in gute Bahnen lenken. Man muss sich austauschen, warum und wieso etwas so gemacht werden sollte, und nicht bloss verfügen. Es soll nicht das Ziel sein, dass wir als Behörde von oben herab verfügen.

Ihr Vorgänger Thomas Jung war nicht unumstritten. Sind Sie auch schon ins Kreuzfeuer geraten?

Es wird sicherlich solche Situationen geben, aber bisher habe ich noch keine erlebt. Ich möchte solche Situationen auch mit einer umgänglichen Art möglichst verhindern.

Welche grossen Projekte stehen in nächster Zeit an?

Derzeit ist die Sanierung des Freibads Fondli aktuell. Weit oben auf der To-Do-Liste steht auch das Projekt Schulhaus Limmatfeld; hier muss dringend eine Lösung gefunden werden.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie sich besonders freuen?

Baumassnahmen interessieren mich selbstredend und auch die Begleitung der Wettbewerbsverfahren in der Jury. Ausserdem werde ich vom Stadtplanungsamt beigezogen, welches das Niderfeld entwickeln wird.

Haben Sie Visionen für Dietikon?

Das ist schwierig zu sagen nach so kurzer Zeit. Ich möchte an und für die Stadt arbeiten, sie als lebenswerten Wohn- und prosperierenden Wirtschaftsstandort mitgestalten.

Ist das Potenzial für Erfolg vorhanden?

Ja, das Potenzial ist da. Erfolg hat aber verschiedene Facetten. Neben dem Bauen an und für sich braucht eine Stadt auch wirtschaftlichen Erfolg. Und der wird schwerer zu erreichen sein.

Warum?

Es gibt Faktoren, die den Erfolg fördern können, gleichzeitig aber auch eine Gefahr bedeuten. So wie die Limmattalbahn, die einerseits Leute hierher bringt, anderseits auch wegbringen kann.

Gibt es Ecken, wo man dringend etwas tun müsste?

Grundsätzlich muss immer der Eigentümer die Initiative ergreifen. Wir als Stadt können nur die Voraussetzungen schaffen, damit etwas Gescheites entsteht.

Könnte man beispielsweise am Bahnhof noch etwas verbessern?

Der Bereich von der Markthalle bis hinunter zum Bahnhof weist einen starken Gestaltungswillen auf. Die Fussgängerzone wird jedoch nicht als Zentrum und Aufenthaltsbereich von Dietikon wahrgenommen. Wäre dieser Bereich anmächeliger gestaltet, würden sich die Leute lieber dort aufhalten, was den wirtschaftlichen Erfolg wieder begünstigen würde. Dies würde natürlich auch umgekehrt gelten.

Aus Sicht des Laien ist das Zentrum keine architektonische Meisterleistung. Was sagen Sie als Experte?

Ich sehe es positiv: Im Zentrum hat sich bereits viel getan, etwa mit dem Velohaus, der Beleuchtung, der Baumallee und der Markthalle. Es stehen in der Mehrzahl grosse Häuser, die einem städtischen Charakter entsprechen. Es geht jetzt eher darum, die wirtschaftlichen Möglichkeiten auszuloten und zu unterstützen, dann die architektonische Verschönerung voranzutreiben.