In einem Punkt waren sich die Teilnehmer des Podiums zur Stadtentwicklung in Schlieren einig: Dass die Stadt sich seit der Jahrtausendwende derart positiv entwickeln konnte, ist zwar zu einem grossen Teil dem Bevölkerungsdruck aus der Kernstadt Zürich und dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Schweiz zu verdanken. Ebenso wichtig war ihrer Ansicht nach aber auch, dass der Stadtrat 2003 erkannt hat, dass er die Geschicke Schlierens nur dann in Richtung einer qualitativen Verbesserung lenken kann, wenn er ein Stadtentwicklungskonzept erarbeitet und damit Richtlinien schafft, entlang derer die Stadt wachsen soll.

Kritisch äusserten sich Politgeograf Michael Hermann und Lukas Bühlmann vom schweizerischen Verein für Landesplanung hingegen zum Vorgehen des Stadtrats bei der Entwicklung des Zentrums. Der Schlieremer Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) versuchte sich in der Debatte zu erklären, die Jürg Krebs, Chefredaktor der Limmattaler Zeitung leitete.

Dass es der Schlieremer Stadtrat bisher nicht geschafft hat, der Stadt mit einem attraktiven Zentrum einen Begegnungsort für die Bevölkerung zu geben, berge Risiken, sagte Bühlmann: «Ein Zentrum ist enorm wichtig. Es dient Zuzügern und Alteingesessenen als Raum, um sich kennenzulernen.» Die derzeitige Zwischennutzung mit der Sommerbeiz bezeichnete er als «höchst misslungen» und «unattraktiv». Wenn in einer Stadt ein echter Begegnungsort in der Mitte fehle, so bestehe das Risiko, dass sich die länger ansässigen Schlieremer gegen die weitere Entwicklung der Stadt wenden, so Bühlmann. Hermann bestätigte diese These und erklärte, dass es das A und O sei, im Stadtkern eine Fussgängerzone einzurichten. Nur so liessen sich dörfliche Qualitäten wie der enge Bevölkerungsaustausch und die Geborgenheit auch in einer wachsenden Stadt erhalten, sagte er: «Damit so etwas entstehen kann, muss die Exekutive eine klare Linie vertreten und die Initiative ergreifen.»

Wow-Effekt oder Stadtpark

Bärtschiger erwiderte, dass die Gründe für die Verzögerung der Zentrumsentwicklung einerseits darin lägen, dass mit dem Kanton und der Limmattalbahn AG zwei weitere Player mit ihren Projekten die Zentrumsentwicklung erschwerten und die technische Komplexität sehr hoch sei. «Zum andern ist in Schlieren auch die Frage der Ausrichtung noch nicht geklärt, ob man ein Zentrum mit Wow-Effekt, oder lieber eine Vergrösserung des Stadtparks will», sagte der Bauvorstand.

Auf die Frage, warum es die Exekutive nicht schaffe, eine Fussgängerzone im Zentrum durchzusetzen und das Gewerbe von deren Nutzen zu überzeugen, erwiderte Bärtschiger: «Es gibt selbst an der Bahnhofstrasse Gewerbler, die – wie ich – für eine Fussgängerzone und Tempo-20 im geplanten Kreisel sind. Ein gewichtiger Teil ist aber dagegen.» Dass eine solche Haltung veraltet sei, wollte Bärtschiger zwar nicht gesagt haben. Doch sei es wichtig, dass auch diese Gruppe einsehe, dass in Zeiten des Internetshoppings Läden nur überleben könnten, wenn man Menschenströme an ihnen vorbeilenkt.

Ein anderer Strom, nämlich jener der Zuzüger nach Schlieren, wurde zu einem weiteren Streitthema. Die Diskutierenden waren sich zwar darüber einig, dass sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt durch die jungen, gebildeten Zuzüger seit 2005 massiv verbesserte. Doch mahnte Politgeograf Hermann, dass sich dies schnell ändern könnte, wenn Zürich wieder schrumpft und damit aus den Agglomerationsgemeinden Leute abzieht. «Die Stadt täte deshalb gut daran, stark auf die jungen urbanen Zuzüger zu setzen. Die einzige Chance besteht darin, für sie hier ein Zuhause zu schaffen», sagte er. Bühlmann widersprach ihm, indem er sagte, dass auch bei einem Einbruch der Wirtschaft die Nachfrage nach Zentrumsnähe weiter bestehe. «Schlieren ist deshalb auch dann attraktiv.»

In der anschliessenden Fragerunde wollte der Limmattaler Standortförderer Bruno Hofer von Stadtrat Bärtschiger wissen, ob die Stadt einen Plan B für den Fall bereit habe, dass der Zuzügerstrom in Zukunft nicht wie prognostizier eintrete. Die ernüchternde Antwort des Bauvorstands lautete: «Die Entwicklung der Stadt beansprucht uns so stark, dass keine Zeit für einen Plan B bleibt. Wir versuchen, flexibel zu bleiben, und hoffen, dass die Prognosen eintreffen.»