Goran Ivelj und João Paiva sitzen draussen in der Stadionbeiz auf der Dornau, Heimstätte des FC Dietikon. Es ist drückend heiss, doch die Stimmung ist entspannt. Man spürt: Die beiden verbindet mehr als die gewöhnliche Beziehung zwischen Spieler und Trainer. Sie sind Freunde. Ende Saison wird Ivelj den Verein aus der 2. Liga interregional verlassen und Trainer der U18-Mannschaft von GC werden. Paiva, der jetzt noch für Ivelj spielt, übernimmt.

Goran Ivelj, Sie waren acht Jahre lang Trainer des FC Dietikon. Diesen Samstag ist das letzte Meisterschaftsheimspiel. Bei aller Freude über den neuen Job: Wie traurig sind Sie über das Ende Ihrer Ära?

Goran Ivelj: Im Moment geht es noch. Aber ich kann nicht sagen, was in zwei Wochen sein wird, wenn wir mit dem Cupspiel gegen AS Timau Basel wirklich das letzte Spiel haben. Ich bin vor allem froh, dass ich mit João einen guten Nachfolger habe, mit dem ich auch sehr gut befreundet bin.

João Paiva, Sie sind in einer komplett gegensätzlichen Situation. Vermissen Sie das Fussballspielen schon?

João Paiva: Eigentlich erlebte ich schon eine ähnliche Situation vor zwei Jahren, als ich erstmals nicht mehr Profi-Fussballer war. Das war für mich ein trauriger Tag. Aber wie Goran sagte, bis der Tag kommt, denkt man nie darüber nach.

Goran Ivelj, wie reagierte das Vereinsumfeld, als Ihr Abgang angekündet wurde?

Ivelj: Es war ein Schock. Wir hatten der Mannschaft schon kommuniziert, dass ich meinen Vertrag verlängert hatte. Etwa drei Wochen später ergab sich der Job bei GC. Ich hatte eine schlimme Zeit. Zwei Wochen lang wägte ich immer wieder das Pro und das Kontra im Kopf ab. Aber der Zeitpunkt wäre sowieso irgendwann gekommen.

João Paiva, wie war es für Sie, als Goran Ivelj sagte, er gehe?

Paiva: Als Freund sagte ich ihm, er solle wechseln. Goran ist ein Trainer mit viel Potenzial. Für den FC Dietikon ist es leider ein Verlust. Aber es war acht Jahre hier. Und vielleicht ist die Motivation dann einfach höher, bei GC die U18 zu trainieren. Goran machte hier in Dietikon fast alles alleine, kannte jeden Spieler von den F-Junioren aufwärts. Jetzt wird er mit einem sehr guten Jahrgang um den Schweizer-Meister-Titel kämpfen. Das freut mich für ihn.

Früher spielten Sie in der Champions-League-Qualifikation. Jetzt werden Sie in Dietikon an der Seitenline stehen. Wie wichtig war Goran Ivelj für Ihre Verpflichtung und Ihre Zeit hier?

Paiva: Ohne Goran wäre ich nicht hier. Er hat mich in sein Projekt miteinbezogen. Ich wollte zunächst gar nicht mehr Fussball spielen. Doch Goran sagte mir, dass die A-Junioren einen guten Menschen, eine Leaderfigur als Trainer brauchen. Am Anfang war es nicht so einfach wie im Spitzenfussball. Aber Goran sagte mir, wir könnten mit Liebe und mit Einsatz etwas erreichen. Und ich habe in 18 Monaten noch nie einen so grossen Fortschritt gesehen wie bei meinen Junioren. Nicht nur fussballspezifisch, sondern auch charakterlich. Als Goran seinen Abgang ankündigte, ging alles schnell. In zehn Tagen hatten wir fertig verhandelt. Eigentlich waren meine Ferien schon gebucht...

Ivelj: Also bin ich schuld.

Paiva: Ja, ich konnte die Ferien nicht mehr stornieren.

Ivelj: Ich habe dir die Ferien gerne versaut. Eine gute Investition in deine Zukunft!

Goran Ivelj, wie blicken Sie auf Ihre acht Jahre zurück? Als Sie eingestellt wurden, bezeichnete sie unsere Zeitung als «Wandervogel». Und trotzdem sitzen wir jetzt hier.

Ivelj: Ich blicke sehr positiv zurück. Ja, Sie haben mich als Wandervogel bezeichnet. Aber ich kam nach meiner Profikarriere hier nach Dietikon, mit dem Ziel langfristig etwas aufzubauen. Ich wollte dem Limmattal etwas zurückzugeben. Ich bin ja in Spreitenbach aufgewachsen.

Was ist das Projekt, von dem João Paiva vorher sprach?

Ivelj: Ich sah, dass es hier eine grosse Abteilung von Junioren gibt, mit denen man arbeiten kann. Der FC Dietikon ist ein Multikulti-Verein. Wir haben einen grossen Anteil an Ausländern. Ich habe mich hier also nicht nur als Trainer gesehen, sondern mit meiner kroatisch-schweizerischen Doppelbürgerschaft auch als Integrationsfigur. Und schon damals wollte ich die Bindung mit GC enger gestalten. Das habe ich jetzt erreicht: Wir sind der offizielle Partnerverein von GC.

Was beinhaltet das genau?

Ivelj: Wir haben bereits U12- und U13-Mannschaften von GC auf der Dornau. Ab nächster Saison gibt es auch noch eine U15 von GC hier. Das ist eine Win-win-Situation. Das Potenzial des Limmattals ist gross. Und die Besten, wirklich nur die Besten sollen so zu GC kommen. Die Bindung zu GC ist mir sehr wichtig: João spielte ja von 2011 bis 2013 dort. Und ich bin
sicher, er führt meine Philosophie weiter.

Zuerst müssen Sie, João Paiva, aber die Mannschaft überzeugen. Bisher waren Sie Mitspieler, bald werden sie der Chef sein. Wird das ein Problem?

Paiva: Diese Frage haben der Vorstand und ich uns von Anfang an gestellt. Aber ich habe schon jetzt eine spezielle Rolle. Alleine vom Alter her: Die meisten unserer Spieler sind unter 22 Jahre alt. Ich werde bald 36. Als Einziger im Team habe ich Kinder. Ausserdem war ich jetzt
eineinhalb Jahre Trainer der A-Junioren. Das war eine optimale Vorbereitung auf meine Rolle.

Das Team hat also positiv reagiert.

Paiva: Ja. Ich war extrem froh. Die Spieler sind glücklich. Denn ich glaube, sie wissen, dass ich das Projekt von Goran weiterführen will. Und bis jetzt hat noch niemand gesagt, dass er wechseln will. Das ist gut für uns, denn normalerweise wollen im Breitenfussball am Ende der Saison alle den Verein verlassen. Und auch Rico Maissen, der Assistent von Goran, bleibt.

Wie stark wird der Spieler João Paiva dem FC Dietikon auf dem Platz fehlen?

Ivelj: João ist neben Captain Naim Haziri unser wichtigster Spieler. Aber eigentlich musst du diese Frage beantworten. Du bist ja dann Trainer.

Paiva: Das ist eine gute Frage. Das Team muss jetzt Verantwortung übernehmen. Wir haben Stürmer (Paivas Position, Anmerkung der Redaktion), die zwar nicht meine Erfahrung haben. Doch sie haben etwas, das ich nicht mehr habe: die Jugend. Ausserdem haben wir mehr
Probleme auf anderen Positionen als im Sturm. Wir bekommen zu viele Tore. Wir stellen momentan das Kader für die neue Saison zusammen. Ein Sieg in zwei Wochen gegen AS Timau Basel würde da helfen.

Wenn Sie gewinnen, qualifizieren Sie sich für die Cup-Hauptrunde und könnten eventuell gegen einen Profi-Klub spielen.

Paiva: Der Match ist sehr wichtig. Gegen einen Grossen spielen zu können, wäre
eine wichtige Motivation für Spieler, überhaupt zu uns zu kommen. Im Schweizer Cup zu spielen, ist einfach immer mega geil. Nicht nur für die Spieler, sondern für die ganze Region, fürs ganze Limmattal. Diese Saison kamen weniger Zuschauer. Wir möchten versuchen, nächste Saison mehr Leute auf die Dornau zu bringen. Ein guter, berühmter Gegner, den wir dann auch noch schlagen könnten, wäre dafür ideal.

Also ist Ihre Mission, Zuschauer zurückzugewinnen?

Paiva: Ja. Ein Verein kann nur funktionieren, wenn ihn die Leute aus der Region gern haben. Die Menschen sollen sich identifizieren mit der Mannschaft. Und die Mannschaft muss verstehen, dass wir ein mulikultureller Verein sind und diese Identifikation brauchen.

Wenn wir es schon von der Identifikation haben: Sie wohnen in Bülach. Wann ziehen Sie ins Limmattal?

Paiva: (lacht). Ob ich umziehe, weiss ich noch nicht. Meine Frau arbeitet zwar schon im Spital Limmattal, aber wir mögen Bülach und unsere Wohnung dort. Als Fussballer habe ich sowieso schon zu oft Klub und Wohnung gewechselt. Alleine, als ich für den FC Luzern spielte, lebte ich in drei verschiedenen Wohnungen. Ich spielte auf Zypern, auf Madeira, in Porto, in Lissabon. Als ich den Beruf Profifussballer aufgab, dachte ich, jetzt muss ich wenigstens nicht mehr umziehen. Aber vielleicht wechseln wir die Wohnung, wenn Kind Nummer 3 kommt.

Ivelj: Also Du meinst Kind Nummer 3 und 4? Sie müssen wissen, João ist Spezialist für Zwillinge.

Paiva: Ja ich habe Zwillinge, aber das nächste Mal kann es nur ein einzelnes Kind sein. Schon zwei Kinder sind streng genug für meine Frau und mich.

Und Sie, Goran Ivelj, verlassen Sie jetzt das Limmattal und ziehen nach Niederhasli zum GC-Campus?

Ivelj: Nein, ich wohne weiter in Killwangen. Dort ist es einfach top. Ausserdem will ich dortbleiben, wo ich aufgewachsen bin.

Paiva: Dann kannst du es machen wie Alex Ferguson bei Manchester United: Nicht mehr Trainer sein, aber trotzdem an jedes Spiel kommen. Mich unter Druck setzen, wie es Ferguson mit José Mourinho macht. Nicht, dass ich Mourinho wäre. Ich bin zwar auch Portugiese, aber mein Charakter ist viel einfacher.

Ivelj: Nein, du bist noch besser (lacht). Ich werde trotzdem immer wieder hier sein, obwohl ich dich nicht belehren muss. Und wenn ihr nächste Saison aufsteigt, bin ich der Erste, der mit dir jubelt.