Limmattal
Spritzmittel lässt Reben verkümmern - Winzer fürchten Ernteausfälle

Mehrere Weinproduzenten der Region beklagen derzeit missgebildete Reben. Nun steht ein Fungizid der Firma Bayer in Verdacht.

Lina Giusto (Text und Fotos)
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«Der Ernteausfall kann zwischen einigen wenigen und 100 Prozent betragen», schätzt Robin Haug, Geschäftsführer des Branchenverbandes Deutschschweizer Weine.

«Der Ernteausfall kann zwischen einigen wenigen und 100 Prozent betragen», schätzt Robin Haug, Geschäftsführer des Branchenverbandes Deutschschweizer Weine.

Lina Giusto

Regenschirmförmig deformierte Rebenblätter und braun-verdorrte Beeren, so sehen die Missbildungen der Weininger Trauben aus. «Viele der Reben haben im Frühling nicht einmal geblüht, dadurch wurden die Beeren nicht bestäubt», sagt Kellermeister Roland Steinmann des Klosters Fahr. Bereits da zeigten sich erste Anzeichen für ein abnormales Wachstum der Reben. «Die Austriebe wiesen deutliche Unterschiede auf. Einige waren bereits einen Meter hoch, während der Rebstock daneben noch gar nicht austrieb», erklärt Steinmann weiter.

Beim Rundgang durch den Rebberg sind die Folgen deutlich sichtbar: leere Malbec-Reben, gefolgt von halbbewachsenen und mehrheitlich braunen, verkümmerten Blauburgunder- oder Pinot-gris-Beeren. Weitere betroffene Sorten sind die Cabernet-Sauvignon- und die Dornfelder Rebe.

«Es gibt einen Ernteausfall, wie gross dieser sein wird, überlasse ich den Schätzungen der Experten.» Roland Steinmann, Kellermeister Kloster Fahr

«Es gibt einen Ernteausfall, wie gross dieser sein wird, überlasse ich den Schätzungen der Experten.» Roland Steinmann, Kellermeister Kloster Fahr

Lina Giusto

Düstere Aussichten

Grund für die Missbildungen könnte der Einsatz des Spritzmittels «Moon Privilege» sein, ein Fungizid des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer. Zumindest sind all jene Reben missgebildet, an denen das Mittel zum Einsatz kam. «In Weiningen sind uns zurzeit fünf Produzenten bekannt, die das Spritzmittel von Bayer eingesetzt haben und die Reben ein abnormales Wachstum aufweisen», sagt Robin Haug, Weininger Winzer und Geschäftsführer des Branchenverbandes Deutschschweizer Weine. Weitere betroffene Winzer im Kanton Zürich und Wettingen (siehe az vom 6. 7.15) sind bekannt. Aber auch über die Landesgrenzen hinaus sind Reben in Süddeutschland und dem Südtirol von den ähnlichen Symptomen betroffen.

Wie gross der Ernteausfall der Winzer im Limmattal effektiv ist, kann zum aktuellen Zeitpunkt der Untersuchung nicht eindeutig beziffert werden. «Der Ernteausfall kann zwischen einigen wenigen und 100 Prozent betragen», schätzt Haug. «Vermutlich variierte die Dosierung des Spritzmittels», erklärt Haug den unterschiedlich starken Befall über die Rebsorten hinweg.

Die Aussichten am Weininger Rebberg sind düster. Klar ist: «Es gibt einen Ernteausfall, wie gross dieser sein wird, überlasse ich den Schätzungen der Experten», sagt Steinmann. Bezahlen müsse er die Analyse, die neutrale Gutachter der Hagelversicherung durchführen, aus der eigenen Kasse. Der Weininger Winzer Hanspeter Haug sagt: «Beim Cabernet Dorsa habe ich einen kompletten Ernteausfall.» Bayer-Experten haben am Montag Haugs Rebberg besucht. Zudem lässt der Winzer noch ein zweites, unabhängiges Gutachten erstellen.

Und wer bezahlt den Schaden?

Auch die Abklärungen zum «Moon Privilege» bei Bayer laufen. «Die Firma Bayer hat den Weinbauern aus eigener Initiative bereits beim Auftreten der ersten Schäden als Vorsichtsmassnahme empfohlen, «Moon Privilege» nicht mehr für den Weinbau einzusetzen», sagt Barbara Zimmermann, Mediensprecherin von Bayer Schweiz. Zudem hat das Bundesamt für Landwirtschaft das Spritzmittel per 2. Juli suspendiert. «Wir haben die Bewilligung für ‹Moon Privilege› für den Einsatz im Weinbau entzogen», sagt Olivier Felix vom Bundesamt für Landwirtschaft.

Warum es genau zu diesen Missbildungen der Reben gekommen ist, wird erst in ein paar Wochen klar sein. «Bisherige Produktproben haben keine Hinweise auf Kontaminierung durch ‹Moon Privilege› oder sonstige Produktionsfehler ergeben», sagt Zimmermann.

Obwohl die Ursache für die kranken Reben noch nicht abschliessend ermittelt ist, ist dennoch klar - die Winzer müssen wegen der Ernteausfälle mit hohen finanziellen Verlusten rechnen. Weil die Schuldfrage noch nicht beantwortet ist, sei es jetzt noch zu früh, um zu allfälligen Schadenersatzansprüchen Stellung zu nehmen, sagt Zimmermann.